Paul Zacharia
Leben
Paul Zacharia, geb. 1945 in Urulikunnam, Kottayam, Kerala, wuchs als Sohn christlicher Eltern in einer ländlichen Umgebung auf. Nach seinem Master-of-Arts-Studium in Englischer Sprache und Literatur arbeitete er einige Jahre als Hochschuldozent in Bangalore und in Kerala. Später war er einige Jahre als Medienberater bei bedeutenden Print- und elektronischen Medien in Kerala tätig.
Zu seinem literarischen Werk zählen zahlreiche Bände mit Erzählungen, Novellen und Essays. Viele seiner Erzählungen sind in andere indische Sprachen, ins Englische und Deutsche übersetzt worden. Die Novelle „Bhaskara Pattelar und mein Leben“ wurde von dem bekannten Regisseur Adoor Gopalakrishnan unter dem Titel „Vidheyan“ (Der Unterwürfige) verfilmt. Zacharia ist verheiratet, hat einen Sohn und eine Tochter und lebt in Thiruvananthapuram (Kerala).
Werk
Paul Zacharia steht für Modernität und Innovation in der zeitgenössischen Malayalam-Literatur. Er befreite die Sprache von ihrer Prägung durch die traditionelle Poesie sowie von ihrer starken Abhängigkeit vom klassischen Sanskrit. Durch ihn bekam die Sprache eine neue Frische und Vitalität – Eigenschaften, die zur Darstellung komplexer moderner Themen notwendig sind. Schon früh brach er radikal mit der traditionellen Erzählpraxis und erfand neue Formen, um seine Themen umzusetzen. Im Laufe der Zeit perfektionierte er auch seine handwerklichen Fertigkeiten; als wirkungsvolle Stilmittel setzt er insbesondere Ironie und schwarzen Humor ein.
Zacharia wuchs in einem abgelegenen Dorf in Kerala als Kind liberaler katholischer Eltern auf. Seine Texte sind daher von der Mentalität christlicher Bauern in Indien geprägt. Zacharia versucht, universale Themen im dörflichen Milieu und in volksnaher Sprache zu behandeln. Ungewissheit über den Lebenssinn und Zweifel an vielen Glaubenssätzen, insbesondere der christlichen Religion, sind regelmäßig wiederkehrende Inhalte in seinen Werken. Auch die religiöse Zerrissenheit, der Wertewandel und die Orientierungslosigkeit der modernen Zeit beschäftigen ihn. Mit Scharfblick nimmt er die Leere und Starrheit gesellschaftlicher und politischer Konventionen aufs Korn und prangert rücksichtslos die Heuchelei und moralische Verkommenheit der Reichen und Mächtigen an.
In vielen frühen Erzählungen beschäftigt sich Zacharia mit existenziellen Fragen wie Lebensangst, Einsamkeit und Tod. Viele seiner Erzählungen behandeln biblische Themen. In „Wer weiß?“ (in: „Aarkariyam?“ 1986) geht es um die Tötung der neugeborenen Kinder von Bethlehem durch König Herodes. An einer Stelle fragt der Soldat selbst verzweifelt: „Kann das Blut so vieler tausend Kinder einen Erlöser hervorbringen?“
Neben über hundert Erzählungen veröffentlichte Zacharia bedeutende Novellen, die durch innovative Erzähltechnik und provozierende Fragestellungen Beachtung fanden. Die früheste, „Bhaskara Pattelar und mein Leben“, erschien 1988 und wurde sofort lebhaft diskutiert. Aus der Sicht des Opfers wird die Unterwerfung eines arglosen Kleinbauern erzählt, der als Einwanderer aus Kerala im Grenzgebiet von Karnataka lebt. Der brutale, machtbesessene Großgrundbesitzer Bhaskara Pattelar sieht ihn eines Tages auf dem Markt von Udina und zwingt ihn, sein Knecht zu werden. Was danach dem einfachen Knecht passierte, ist die Verbannung in totale Erniedrigung und Würdelosigkeit.
Neben seinen literarischen Arbeiten hat sich Zacharia durch mutige gesellschaftskritische Kolumnen und Beiträge in führenden Zeitungen und Zeitschriften einen Namen gemacht. Er mischte sich in viele öffentliche Diskussionen um grundsätzliche Fragen ein. Mit seiner unnachgiebigen Haltung gegenüber jeglichem Fundamentalismus, sei er hinduistischer, moslemischer oder christlicher Prägung, und mit seiner festen Verankerung in demokratischen Vorstellungen hat er bei seinem Leserpublikum nicht nur Zustimmung geerntet.
Zacharia hat durch seine innovative Sprache und Erzähltechnik die Literaturgattung der Erzählung im Malayalam revolutioniert und der nachfolgenden Schriftstellergeneration neue, kreative Wege des Erzählens aufgezeigt. Der Einfluss westlicher Autoren wie Franz Kafka, T. S. Eliot, Albert Camus oder James Joyce auf sein Werk ist deutlich, aber er hat auch die bedeutendsten Dichter seiner Sprache – Kunjan Nambiar, Sanjayan und Vaikom Muhammed Basheer – rezipiert und eine eigenständige Synthese geschaffen. Zacharias Geschichten lassen sich sogleich an ihrem Stil erkennen, was für seine Originalität und Eigenständigkeit spricht.
Jose Punnamparambil
Werke in deutscher Übersetzung
- Die Lehrerin Annamma – Eine Denkschrift, in: Fünf Rupien Bakschisch für Iwan Denissowitsch: Gegenwartsliteratur aus dem indischen Subkontinent, hg. von Martin Kämpchen (= die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, 1997)
- Bhaskara Pattelar und andere Geschichten. Erzählungen aus Indien, hg. von Jose Punnamparambil, Horlemann Verlag, 2004
- Die Erzählungen „Es war einmal“ und die Novelle „Gelobt sei der Herr!“ in Drei Blinde beschreiben den Elefanten, Anthologie von Erzählungen und Lyrik aus Kerala, Indien, hg. von Christina Kamp und Jose Punnamparambil, Horlemann Verlag, 2006
- Die Erzählung Ein Brief in: Im Schatten des Taj Mahal: Indien erzählt, zusammengestellt und bearbeitet von Asok und Jose Punnamparambil, Horlemann Verlag, 2006
- Die Erzählung Bräutigam auf einem weißen Pferd in: Die Geister Indiens – Ein Kaleidoskop, hg. von Claudia Wenner, Fischer Taschenbuch Verlag, 2006
- Die Erzählung Der Zugüberfall in: Indien – ein Reisebegleiter, hg. von Martin Kämpchen, Insel Verlag, 2004. Außerdem in Zwischen den Welten: Geschichten aus dem modernen Indien, hg. von Cornelia Zetsche, Insel Verlag, 2006
Auszeichnungen
- Preis der Sahitya Akademi Kerala (1979)
- Janapriya Award (2003)
- Odakuzhal Award (2003)
- Preis der Sahitya Akademi, New Delhi (2004)
- Muttathu Varkey Award, Indien (2005)
- Janapaksham Award, Indien (2005)
- Ezhuthachan Puraskaram (der höchste Literaturpreis der Regierung von Kerala, 2020)
