O. V. Vijayan
Zur Person
Ottupulakkal Velukkutty Vijayan, geboren 1930 in Mankara, Kerala (Indien), wuchs in einer ländlichen Umgebung auf, in der die Natur und die hinduistischen Sitten das Alltagsleben bestimmten. Sein Universitätsstudium schloss er mit einem Master of Arts in englischer Sprache und Literatur ab. 1954 bis 1957 war er Dozent für englische Literatur am Malabar Christian College in Calicut (heute: Kozhikode), Kerala. Er arbeitete danach lange Jahre für renommierte Zeitungen und Zeitschriften als Karikaturist und Kolumnist. Später wurde er freiberuflicher Schriftsteller.
Vijayan schrieb fast ausschließlich auf Malayalam, seiner Muttersprache. Zu seinen umfangreichen Werken gehören sechs Romane, zahlreiche Erzählungen sowie Essay-Sammlungen. Einige seiner Romane und Erzählungen hat Vijayan selbst ins Englische übersetzt. Vijayan war verheiratet und hatte einen Sohn. Nach langer Krankheit starb er am 30. 3. 2005.
Werke
O. V. Vijayan zählt zu den profiliertesten zeitgenössischen Schriftstellern Indiens. Die Widersprüche und Spannungen im Verhältnis zwischen Menschen, Gott und Natur bilden die Hauptquelle, aus der Vijayan die Ideen und Themen für seine Werke schöpfte. Menschen müssen wählen zwischen Sünde oder Frömmigkeit, Technik oder Natur, Krieg oder Frieden. Sie sehnen sich nach einer eindeutigen Wahl, doch ist sie ihnen nicht möglich, weil Widersprüche, so Vijayan, zur Natur der Menschen gehören.
Diese Grundanschauung entstammt offensichtlich Vijayans Neigung, den Lauf der Dinge aus hinduistischer Sicht zu interpretieren. Nach der Karma-Lehre wird der Verlauf des jetzigen Lebens durch die Handlungen in früheren Leben bestimmt. Andererseits, so versichert der Hinduismus, sei jeder frei, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten. Hier sitzt der Kern des Widerspruchs: Die Hilflosigkeit, mit der die Menschen ihrem Karma begegnen, verleiht dem Leben eine Tragik, aus der es keinen Ausweg gibt – es sei denn, der Mensch reinigt durch Leid und Schmerz sein Karma so sehr, dass er zu Gotteserfahrung und Erlösung befähigt wird.
Vijayan begann als Autor von Kurzgeschichten. Seine frühesten Texte schildern das Alltagsleben auf dem Land. Später ging er zu ortsungebundenen, existenziellen Themen über. Er erzählt von gesellschaftlichen Veränderungen, von den Konflikten, die sie verursachen, von existenzieller Angst und von Zweifel, von Sexualität, von der Macht und ihrer Zerstörungskraft sowie von der Spiritualität. In den meisten seiner Geschichten verwendet er die lokal gefärbte, rustikale Sprache seiner engeren Heimat.
Vijayans erste bedeutende Erzählung, Oru yuddhathinte Aarambham („Der Anfang eines Krieges“), erschien bereits um 1958. Ihr zentrales Thema ist der Konflikt zwischen einem Landbesitzer und den Feldarbeitern des Dorfes. Dem Landbesitzer gelingt durch Mechanisierung des Landbaus eine Steigerung des Ertrags, dies allerdings auf Kosten der Kleinbauern, was deren Widerstand entfacht.
Vijayans Erzählungen zeichnen sich durch Themenvielfalt, sprachliche Dichte, bemerkenswerte Fantasiebilder sowie durch häufige Anspielungen auf Vorgänge und Personen in indischen Mythen aus. Sein messerscharfer Hohn wird durch ein ausgeprägtes Mitgefühl für menschliches Leid ausgeglichen.
Mit seinem Debütroman Khasakkinte Ithihasam („Die Legenden von Khasak“, 1969) erwies sich Vijayan als Dichter von Weltrang. Wegen dieses bahnbrechenden Werks, an dem der Autor rund 12 Jahre gearbeitet hatte, apostrophiert man Vijayan oft als den Gabriel García Márquez der Malayalam-Literatur. Die Art und Weise, wie Vijayan in diesem Werk Mythos und Realität sowie Erotik und Metaphysik miteinander verschmolz, war bis dahin ohne Beispiel in der Malayalam-Literatur. In Ausdrucksweise und Erzähltechnik war Vijayan originell, seine Manipulation mit Zeit und Raum elektrisierte die Fantasie der Leser. Mit den Legenden von Khasak führte Vijayan den „magischen Realismus“ in die Malayalam-Literatur ein und ebnete ihr damit gleichzeitig den Weg zur Moderne.
Ravi, Student der Astrophysik und Erzähler des Romans, gibt sein Studium und alles weltliche Streben auf, weil ihn ein Schuldgefühl wegen einer sexuellen Beziehung mit seiner Stiefmutter quält. Er kommt in das fiktive Dorf Khasak und nimmt dort eine Tätigkeit als Lehrer auf. Unfreiwillig wird er, als Vertreter der fortschrittlichen Kräfte, in den Streit zwischen den Muslimen und Hindus im Dorf hineingezogen. Aber mehr noch gerät Ravi in den Bann der dort überall lebendigen Legenden und Mythen.
Nach diesem Roman hat Vijayan noch fünf bedeutende Romane geschrieben: Dharmapuranam („Die Saga von Dharmapuri“, 1985); Gurusagaram („Die Unendlichkeit der Gnade“, 1987); Madhuram Gayati („Süß ist die Musik“, 1990); Pravachakante Vazhi („Der Pfad des Propheten“, 1992) und Thalamurakal („Generationen“, 1997).
Rückblickend lässt sich sagen, dass kein anderer namhafter Autor der Malayalam-Literatur so konsequent versucht hat, geschichtliche Entwicklungen und Fortschritt auf der Grundlage indischer Weltanschauung zu interpretieren.
Jose Punnamparambil
Werke in deutscher Übersetzung
- Die Legenden von Khasak, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 2004
- Die Erzählung Nach der Hinrichtung erschien erst in Hermann Gundert – Brücke zwischen Indien und Europa, Süddeutsche Verlagsgesellschaft, Ulm 1993, und danach in MEINE WELT, Heft 1/1993
Auszeichnungen
Kerala Sahitya Akademi Award (1990); Vayalar Award (1991); Ezhuthacchan Award (die höchste literarische Auszeichnung für Schriftsteller, die in Malayalam schreiben, 2001); Odakuzhal Award und Mathrubhumi Literary Award; Padma Bhushan, New Delhi (2003).
