Vijay Tendulkar
Zur Person
Vijay Tendulkar (6. Januar 1928 – 19. Mai 2008) war ein indischer Bühnen- und Drehbuchautor, der auch Kurzgeschichten und autobiografische Artikel verfasste. Er schrieb überwiegend in seiner Muttersprache Marathi. Berühmt ist er vor allem für seine Theaterstücke (27 abendfüllende Stücke und 25 Einakter).
Vijay Tendulkars Vater betrieb neben seinem Beruf als Büroangestellter einen kleinen Verlag, wodurch Vijay früh mit Literatur in Berührung kam. Bereits mit sechs Jahren schrieb er seine erste Kurzgeschichte, mit vierzehn sein erstes Theaterstück. Am Anfang seiner Karriere versuchte er sich auch als Journalist. Seine Werke und autobiografischen Essays zeigen ihn als allein der Wahrheit verpflichtet. Ohne Furcht vor Konsequenzen kritisierte er sowohl gesellschaftliche Zustände als auch die Politiker.
Er gehörte zur jungen Generation des Realismus in der indischen Literatur- und Theaterszene. Seine Bühnenwerke der 1970er Jahre waren psychologische Studien von Gewalt mit Bezug zur aktuellen Politik. In Interviews berichtete Tendulkar, dass reale, aber auch bloß imaginierte Gewalt ihn faszinierte und dass er dieses zu allen Zeiten aktuelle Thema in seinen Werken immer wieder erforscht hat.
Zu den bekanntesten, erfolgreichsten und kontroversesten gehören Sakharam Binder (1971) und Ghashiram Kotwal (1972). Das Letztere wurde in der Originalfassung auch in Europa und den USA aufgeführt. Die erste Europatournee fand im September/Oktober 1980 statt, wobei das Stück in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Italien insgesamt 25 mal aufgeführt wurde. Im Jahr 1986 ging die Truppe nach Nordamerika. Eine zweite Europatournee mit 21 Aufführungen führte im Oktober/November 1989 nach Ungarn, Jugoslawien, Russland und in die DDR.
Eine sehenswerte Aufzeichnung von Ghashiram Kotwal mit englischen Untertiteln gibt es auf YouTube.
Bühnenstücke wie Ghashiram Kotwal waren damals ungewöhnlich. Volkslieder und Tanz bildeten einen integralen Teil des Stücks, sie kommentierten und reflektierten die Dialoge. Zugleich wurden damit auch Zuschauer angesprochen, die nicht zum Stammpublikum des bürgerlichen Theaters gehörten. In Zusammenarbeit mit Tendulkar brachte Jabbar Patel als Regisseur innovative Ideen für die Inszenierung des Stückes ein. Ghashiram Kotwal gehört zu den Beispielen modernen experimentellen Theaters, das Elemente traditionellen Volkstheaters mit Neuerungen des epischen Theaters verknüpft, wobei die unterhaltende und die gesellschaftskritische Funktion einander ergänzen und verstärken.
Weil das Stück von Machtverhältnissen und Manipulation handelt, die überall auf der Welt gleich sind, und weil die Darstellungsform Tanz und Musik enthielt, war es für das Verständnis nicht unbedingt notwendig, Marathi zu beherrschen. Artikel in deutschen Zeitungen, z.B. im Spandauer Volksblatt, im Tagesspiegel und dem Berliner Abend bestätigen das.
Bevor es zur Tournee kam, gab es aber lange Diskussionen, ob es angebracht sei, dieses Stück, „das die eigenen Politiker und die eigene Geschichte verleumdet“, in fernen Ländern aufführen zu lassen. Am Ende aber siegte die Vernunft, und die indische Regierung entschied, dass die Truppe nach Europa reisen durfte.
Mohan Agashe, Psychiater und Schauspieler, der den einflussreichen Staatssekretär Nana Phadnis, eine der Hauptrollen in Ghashiram Kotwal, spielte und die Tourneen mit organisierte, hatte mit Tendulkar über Jahrzehnte Kontakt. Er sagt über ihn: „Tendulkar war ein Mann weniger Worte. Er konnte aber sehr gut zuhören. Er konnte jeden dazu bringen, sich ihm anzuvertrauen ... Seine Einsicht ins menschliche Leben spiegelt sich in seiner Arbeit wider und darin zeigt sich seine Größe. Wäre er in einem englischsprachigen Land geboren, wäre er ein noch viel berühmterer Schriftsteller geworden, als er jetzt ist. Für mich und viele andere steht er auf gleicher Stufe mit jeder großen Koryphäe der Weltliteratur.“ (persönliche Mitteilung)
Für sein Stück Shantata! Court Chalu Aahe („Ruhe, das Gericht tagt“) machte Tendulkar Anleihen bei Dürrenmatts Hörspiel „Die Panne“. Das Stück zeigt, wie leicht ein harmloses Spiel in eine Menschenjagd umschlagen kann.
Die Themen seiner Werke sind vielfältig, haben jedoch eines gemeinsam: Unterdrückung und Ausbeutung. „Unberührbare“, Frauen, rechtlose Untertanen usw. leben in ständiger Unterdrückung. Oft bringt Tendulkar auch Gewalt auf die Bühne und verwendet, wenn der Kontext dies verlangt, eine grobe Sprache, was zu Protesten geführt hat. Doch wenn man seine Stücke sieht oder liest, klingt alles echt und glaubhaft. Die Sprache ist einfach, aber präzise, die Ausdrucksweise authentisch. Die Regieanweisungen sind so detailliert, dass man sogar beim Lesen das Gefühl hat, einer Aufführung beizuwohnen.
Tendulkar achtete darauf, in seinen Werken kein Vokabular aus einer gehobenen Sprachschicht zu verwenden. „Ich hatte gewissermaßen ein Gefühl für die Umgangssprache bekommen. Ich denke, dass das den Lesern meiner späteren Arbeiten am meisten auffiel. Sie waren vom Stil her ganz anders als das, was sie von Theaterstücken erwarteten.“ (Aus einem Interview mit Vijay Tendulkar, geführt von Priya Adarkar im Januar 1971)
Sein satirisches Stück Kamla beruht auf einer wahren Begebenheit. Um zu beweisen, dass Menschenhandel immer noch möglich ist, kauft ein Journalist eine Frau und nimmt sie mit nach Hause. Es geht ihm aber vor allem um die eigene Karriere als Sensationsjournalist und um Auflagensteigerung der Zeitschrift, für die er arbeitet. Das menschliche Elend der in die Prostitution verkauften Frauen ist ihm gleichgültig. Im Zentrum steht eine Szene, in der die „gekaufte“ Kamla die Ehefrau des Journalisten fragt: „Wie viel hast du ihn gekostet?“ Damit bringt sie die Letztere zum Nachdenken über die eigene Rolle im Leben ihres Mannes.
In dem Stück Kanyadaan („Die Verehelichung der Tochter“) wird dargestellt, wie auch für ein aufgeschlossenes, emanzipiertes Paar die kulturelle Kluft zwischen den Kasten, denen es entstammt, zum Verhängnis wird. Menschen, die ausgebeutet wurden, werden selbst zu Ausbeutern, wenn sie dazu Gelegenheit bekommen.
Seit den frühen 1970er Jahren arbeitete Tendulkar auch als Drehbuchautor für den Film.
Zur Politik hat er sich freimütig geäußert. Er war gegen die Todesstrafe. In seinen letzten Lebensjahren war er zu einer Legende geworden. So waren die Reaktionen auf seine Aussagen auch extrem und heftig. Er wurde gelobt und verehrt oder gehasst.
Tendulkar starb im Mai 2008 im Alter von 80 Jahren in Pune an den Folgen der seltenen Muskelschwächekrankheit Myasthenia gravis. Bereits vor ihm starben seine Frau, sein Sohn und eine Tochter. Seine Haltung im Krankenhaus und vor dem Tod wurde jedoch als ausgeglichen beschrieben. Er hat angewiesen, dass seine Bestattung mit so wenig Aufwand wie möglich erfolgen sollte.
Chitrarekha Mehendale und Reinhold Schein
Werke (Auswahl)
Theaterstücke:
- Gidhāde („Die Geier“, 1961)
- Shantata! Court Chalu Aahe („Ruhe, das Gericht tagt“, 1967)
- Ashi Pākhare Yeti („So kommen die Vögel“, 1970)
- Sakharam Binder („Sakhārām, der Buchbinder“, 1972)
- Ghashiram Kotwal („Polizeichef Ghashiram“, 1972)
- Kamalā („Kamala“, 1981)
- Kanyādān („Die Verehelichung der Tochter“, 1983)
Viele Stücke Tendulkars wurden in andere indische Sprachen und ins Englische übersetzt.
Literarische Übersetzungen:
- Adhe Adhure von Mohan Rakesh (aus dem Hindi)
- Tughlaq von Girish Karnad (aus dem Englischen)
- A Streetcar Named Desire von Tennessee Williams (aus dem Englischen)
Auf Deutsch erschienen
- „Ruhe, das Gericht tagt“, aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke, in: Indische Stücke, hrsg. von Roland Beer, Henschelverlag Berlin 1989, S. 21-94
Literaturhinweise
- Zu Kamla: Pramila Pandey: „Vijay Tendulkar's Play Kamla is a Symbol of Slavery“
- Zu Kanyadaan: Subhash: „Idealism versus Reality: A Study of Vijay Tendulkar's Kanyadaan“
