Urvashi Butalia
Seit unserer ersten Begegnung Anfang der 1980er Jahre habe ich Urvashi Butalia immer als Verlegerin, Autorin, Aktivistin und Hochschullehrerin in Medien- und Genderstudien in Personalunion erlebt, mit großer Präsenz in der indischen Frauenbewegung. Damals berichtete sie von einem Straßentheater über Mitgiftmorde als eine Form, das Unsichtbare öffentlich, sichtbar und hörbar zu machen, zu zeigen, dass das Private politisch ist, und um das Schweigen darüber zu brechen, was in den eigenen vier Wänden oder in der individuellen oder kollektiven Erinnerung verborgen ist.
Mit dieser Motivation schrieb sie 1984 zusammen mit Ritu Menon Frauenbewegungsgeschichte, als sie Kali for Women, den ersten feministischen Verlag in Südasien gründete. Verlagsziel war damals und ist heute beim Nachfolgeverlag Zubaan, alternative Öffentlichkeiten jenseits des Mainstreams zu schaffen und eine alternative Wissensbasis aufzubauen. Beide Verlage verstehen sich als Produkt und manchmal auch als Organ der ungeheuer vitalen und vielfältigen indischen Frauenbewegungen (mit Bedacht verwendet Urvashi den Plural). Urvashi gründete Zubaan (deutsch: Zunge, Stimme), um über die hindu-identifizierte Perspektive von Kali hinauszugehen und die kulturelle, soziale und religiöse Diversität Südasiens über Indien hinaus einzufangen.
Zur Person
1952 in der nordindischen Stadt Ambala geboren, lebte Urvashi seit 1961 mit der Familie, die bei der Teilung Indiens aus Pakistan geflohen war, in Delhi, wo sie Literaturwissenschaften studierte. Angeleitet von ihrer energischen Mutter, einer Lehrerin, die als eine der ersten öffentliche Aufmerksamkeit auf die Mitgiftmorde lenkte, lernte Urvashi, sich in der Familie, im College und auf dem Weg dorthin gegen alltägliche Diskriminierung und sexuelle Belästigung zur Wehr zu setzen, keine Opferrolle einzunehmen, sondern aktiv zu werden. Zeitgleich wurde sie in den turbulenten 1970er Jahren durch die autoritären Notstandsgesetze Indira Gandhis, die radikale Naxaliten-Bewegung und durch sozialreformerische, gewerkschaftliche und studentische Organisierung aus vielfacher Perspektive politisiert. Sie interessierte sich fürs Drucken als Produktionsprozess und träumte von einer eigenen Druckmaschine, um Flugblätter für die Frauen- und andere soziale Bewegungen herzustellen.
Als Urvashi Butalia beim Oxford Verlag erste Berufserfahrungen machte, stellte sie fest, dass Frauen als Autorinnen nicht vorkamen. „Schreiben Frauen denn überhaupt?“ fragte der nette Verlagschef. Daraufhin beschloss Urvashi, „es selbst zu machen“, einen Frauenbuchverlag aufzubauen und ein Publikationsforum für Frauen zu schaffen, eine Plattform für literarische und wissenschaftliche Arbeiten, Kunst und Dokumentationen – wie es in der Selbstdarstellung von Zubaan heißt: „Bücher von, über und für Frauen in Südasien“. Literatur ist dabei ein breiter Begriff, der mündliche, gezeichnete und schriftliche Artikulationen umfasst. Es geht darum, denjenigen eine Stimme zu geben, die am Rande der Gesellschaft stehen, den Verletzten und Verletzlichen, die nicht zu Wort kommen, zum Schweigen gebracht wurden oder bewusst schweigen, darunter sexuellen und anderen entrechteten Minderheiten.
Verlegerin und Brückenbauerin
Urvashi Butalia, selbst begeisterte Krimileserin, begann als Verlegerin und Herausgeberin, Frauen zu ermutigen, dass ihre Geschichte und Geschichten es wert sind, erzählt, aufgezeichnet oder geschrieben zu werden. Darunter 2002 auch ihre 81-jährige Mutter mit Erzählungen über die Opfer und Überlebenden von Mitgiftgewalt. Ein zentrales Motiv ist der nicht auflösbare Widerspruch, dass Frauen oft Opfer und Täterinnen zugleich sind. Verlegerische Pionierarbeit leistete sie mit der mutigen Veröffentlichung der Erzählungen von Ismat Chughtai, einer Urdu-Autorin, die in den 1940er Jahren über lesbische Liebe schrieb, mit den Illustrationen von 70 analphabetischen Frauen aus Rajasthan über den weiblichen Körper, ein Sexualaufklärungsbuch, bei dem die Kleidung weggeklappt werden kann, mit Studien über sexuelle Gewalt und Straffreiheit in Konflikt- und Grenzregionen Südasiens, aber auch mit Übersetzungen von Literatur aus den umkämpften nordöstlichen Bundesstaaten Indiens. So wird Urvashi Butalia zu einer Brückenbauerin zwischen Sprachen, Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, zwischen Konfliktparteien und auch zwischen Frauen- und anderen sozialen Bewegungen. Gleichzeitig wurden die beiden Verlagshäuser auch ein Forum für feministische Wissenschaftler*innen, die dort Forschungsergebnisse und Theorieansätze austauschten und diskutierten.
Der Bestseller des Zubaan Verlags: die von Urvashi ins Englische übersetzte Lebensgeschichte von Baby Halder, einer jungen Frau, die mit 12 verheiratet wurde, mit 14 Mutter war, es schaffte, ihren gewalttätigen Mann und ihre Heimatstadt zu verlassen und sich in New Delhi eine neue Existenz als Hausangestellte aufzubauen. Das Buch zeigt, was Urvashis Arbeit auszeichnet. Sie spricht nicht für andere, sie will andere nicht repräsentieren, sondern bringt sie zum Sprechen. Jahrelang trifft sie dieselben Leute, hört ihnen zu, kommt ihnen nahe, so zum Beispiel Mona, einer Hijra/Transsexuellen, die sie einmal die Woche bis zu ihrem Tod besuchte.
Geteiltes Schweigen
Das gesprochene Wort, das Erzählte, persönliche Geschichten sind auch der Ausgangspunkt für Urvashi Butalias eigene Autorenschaft und ihren Zugang zur Geschichte. Das macht sie zu einer Meisterin der Geschichtsaufarbeitung durch „oral history“. In ihrem 1998 erschienenen Werk The Other Side of Silence unternimmt sie historische Erkundungen über die Teilung Indiens und das Auseinanderreißen von Familien, darunter ihrer eigenen, als sie feststellt, dass Frauen in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht vorkommen. Mit dem auf Deutsch mit dem treffenden Titel „Geteiltes Schweigen“ vorliegenden Buch hat sie ein neues Kapitel der Geschichtsschreibung aufgeschlagen, indem sie die Erinnerungen und individuellen Wahrnehmungen von Geflüchteten und Gebliebenen, Verwandten und von Überlebenden „von der anderen Seite“, der pakistanischen und der weiblichen, aufgezeichnet hat. Unsagbares, nämlich Gewalt, Verzweiflung, Schuld, Trauma, fasst sie erstmalig in Worte. Die Narrative von Erlebtem und Erlittenem kehren das Innere nach außen, legen das selektive Vergessen, Gedächtnisverlust und Beschweigen offen. Sie zeigen, dass Sprechen nicht immer befreit, dass Erinnerung nicht objektivierbar ist, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, dass es keinen einfachen Gegensatz von Schweigen und Sprechen, Opfer und Täter*in gibt. Trotz vieler quälender Fragen, wie sich Menschen zu ihrer eigenen Geschichte verhalten, wirbt dieses Buch um Verständnis und Verständigung zwischen Pakistan und Indien.
Bereits in den 1990er Jahren veröffentlichte Urvashi zusammen mit der Historikerin Tanika Sarkar Texte zum Aufstieg des Hindu-Nationalismus und zur Rolle von Frauen in der rechtsidentitären Bewegung. Nach dem triumphalen Wahlsieg Modis beschäftigt sie sich mit dem Widerspruch, dass gerade bei dieser Wahl so viele Frauen wie nie zuvor gewählt und Parlamentssitze gewonnen haben, vor allem gerade für die hindu-identitäre BJP. Gleichzeitig beobachtet sie an der Ashoka-Universität, an der sie seit ein paar Jahren Gender-Studien unterrichtet, dass nicht nur viele junge Frauen, sondern auch junge Männer sich brennend für Feminismus interessieren, weil sie dort emanzipatorische und transformatorische Potentiale sehen. Urvashi setzt Hoffnung auf neue Bewegungsansätze und die junge Generation von Feminist*innen.
„Wir sind nicht nur Opfer, wir handeln und verhandeln“ – das ist die zentrale Botschaft und die Antwort auf mitleidige Kommentare, dass es sehr schwierig für eine Frau in Indien sein muss, Verlegerin zu sein. Sie antwortet, dass es nirgendwo leicht ist, einen kleinen feministischen Verlag zu betreiben. Obwohl sie inzwischen durch hochwertige Preise wie den Padma Shri oder die Goethe-Medaille Anerkennung erfuhr, muss sie ihre Möglichkeiten, Räume und Themen in der patriarchalen indischen Gesellschaft jeden Tag neu aushandeln. Diese Alltagskämpfe sind ihr jedoch Ansporn und Empowerment weiterzumachen.
Christa Wichterich
Preise
- 2000: Pandora Award for Women in Publishing
- 2011: Padma Shri
- 2017: Goethe-Medaille
Werke
- Butalia, Urvashi / Ritu Menon (Hg.) (1992): In Other Words: New Writings by Indian Women. Kali for Women, New Delhi
- Butalia, Urvashi / Ritu Menon (Hg.) (1995): Making a Difference: Feminist Publishing in the South. Bellagio Pub. Network
- Sarkar, Tanika / Urvashi Butalia (Hg.) (1995): Women and the Hindu Right: A Collection of Essays. Kali for Women, New Delhi
- Sarkar, Tanika / Urvashi Butalia (Hg.) (1995): Women and Right Wing Movements: Indian Experiences. Zed Books, London
- Butalia, Urvashi (1998): The Other Side of Silence: Voices from the Partition of India. Penguin Books India, New Delhi
- Butalia, Urvashi (Hg.) (2002): Speaking Peace: Women’s Voices from Kashmir. Kali for Women, New Delhi
- Butalia, Urvashi (Hg.) (2006): Inner Line. The Zubaan Book of Stories by Indian Women. Zubaan, New Delhi
- Butalia, Urvashi (Hg.) (2015): Partition. The Long Shadow. Zubaan, New Delhi
- Butalia, Urvashi (2015): The Persistence of Memory. Harper Collins
In deutscher Sprache erschienen
- Butalia, Urvashi (Hg.) (2006): Frauen in Indien, dtv München
- Butalia, Urvashi (2015): Geteiltes Schweigen. Innenansichten zur Teilung Indiens, Berlin, Lotos Werkstatt
Leseprobe
- Eingangsseiten und Beginn des 2. Kapitels von „Geteiltes Schweigen“ (PDF) (mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag)
