U.R. Ananthamurthy (1932–2014)
Die Sonne ging bereits unter, als mich eine Rikscha im Frühjahr 2013 vor dem Haus des Kannada-Schriftstellers U.[dupi] R.[ajagopalacharya] Ananthamurthy in Bangalore absetzte. Der Autor saß in der Abenddämmerung auf einer kleinen Terrasse und erwartete mich. Seine Gestalt ließ wohl sein Alter erahnen, nichts aber von seinem fragilen Gesundheitszustand. Er strahlte eine Ruhe und Güte aus, die ganz mit der Stimmung des hereinbrechenden Abends verschmolz.
Wir werden wohl zuerst die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht haben, wahrscheinlich zunächst auf Englisch, der Autor war freundlich besorgt darüber, dass mich die Moskitos quälen könnten. Bald hatten wir die Formalitäten jedoch hinter uns gelassen, vielleicht lag es daran, dass die Unterhaltung unbemerkt ins Kannada gewechselt hatte und Ananthamurthy eine stille Freude daran hatte, dass ich mit dem unverkennbaren Akzent der Stadt Udupi sprach, aus der seine Familie stammte.
Zur Person
Geboren wurde U.R. Ananthamurthy am 21. Dezember 1932 im Ort Melige im Distrikt Shimoga im Unionsstaat Karnataka in eine Familie, die zu einer besonders orthodoxen Brahmanengruppe gehörte. Er erhielt zunächst eine traditionelle Sanskrit-Ausbildung, studierte später an der Universität Mysore, wo er nach dem M.A.-Abschluss Englische Literatur unterrichtete. Einige Einblicke in seine Kindheits- und Jugendjahre sowie auf Einflüsse, die für sein späteres literarisches Schaffen maßgeblich wurden, ermöglicht sein Aufsatz Being a Writer in India, der nun auch auf Deutsch im Kurzgeschichtenband Sonnenpferdchen (s.u.) zugänglich ist. Er beschreibt darin u.a., wie seine Kindheitswelt bis in den Tagesablauf fragmentiert war, wobei z.B. der Morgen dem mittelalterlich anmutenden vedischen Ritual gehörte, die dazu gehörigen Texte in der Schule in Frage gestellt wurden und wieder zu anderen Zeiten der Vater und andere Gestalten ihn Respekt vor der englischen Sprache und Literatur lehrten und die Lehren Gandhis auch bis in diese Welt drangen.
Noch ganz unter dem Eindruck der Nachwehen der indischen Unabhängigkeit stehend veröffentlichte Ananthamurthy 1955 einen ersten Band mit Kurzgeschichten, in dem bereits der Fokus auf dem Menschen als Individuum und der Selbstreflexion der Charaktere angelegt ist. Mit seinem zweiten Band Kurzprosa (Praṣṇe) 1962 gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller.
1963 ging Ananthamurthy für drei Jahre nach Birmingham, Großbritannien, um dort zu promovieren. Während dieser Zeit veränderte sich sein Blick auf Indien und es festigte sich für ihn die Überzeugung, an Kannada als seinem literarischen Medium festzuhalten.
Der Roman Saṃskāra
In diese Zeit fällt auch die Ausarbeitung und Veröffentlichung seines ersten Romans Saṃskāra (1965). Für das Kannada-Sprachgebiet war Saṃskāra zwar nicht der erste, aber der erste maßgebliche "neue" Roman (Brückner 2006: 238). Durch die feinfühlige englische Übersetzung durch A.K. Ramanujan (1976) wurde Ananthamurthy mit diesem Roman auch im Ausland wahrgenommen. Saṃskāra, wie viele der früheren Kurzgeschichten Ananthamurthys, hat als zentrales Thema das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, zwischen "indischen" und "westlichen" Werten, wie es sich vor allem in der Einengung der persönlichen Freiheit des Individuums äußert. Die Verfilmung des Romans von 1970 wurde Brennpunkt einer Kontroverse, nachdem die Zensurbehörde die Freigabe des Films zunächst verweigerte und der Autor der Verunglimpfung bezichtigt wurde.
Saṃskāra behandelt den Tod eines Brahmanen, der sich durch seinen Lebenswandel (uneheliche Liebesbeziehung zu einer Frau einer niederen Kaste) von seinen Kastengenossen in einer geschlossenen, traditionell orientierten Brahmanensiedlung abgesondert hatte. Sein Tod – die unmittelbare Notwendigkeit des angemessenen Beseitigens der Leiche – konfrontiert die Siedlung unerwartet mit ihren eigenen Grenzen. Im Zentrum steht dabei der zunächst als orthodoxes Gegenbild des Verstorbenen gezeichnete Gelehrte Praneshacharya, an dem deutlich abzulesen ist, wie der zunächst äußere Konflikt zunehmend zu einem inneren wird, wie auch die auktoriale Erzählperspektive in innere Monologe und Passagen von Bewusstseinsstrom übergeht.
Leben und Schaffen
Nach seiner Rückkehr aus England ging Ananthamurthy zurück nach Mysore und nahm seine Lehrtätigkeit als Englischlektor wieder auf. Mit seiner Heirat einer indischen Christin brach er auch in seinem eigenen Leben die Kastenschranken, die er in seinen Werken so oft in Frage stellt.
Vor allem in den 1970er und 1980er Jahren etablierte Ananthamurthy seinen literarischen Ruf mit einer Reihe weitere Romane (s.u.). Während Ananthamurthy mit Recht für sein Prosawerk am berühmtesten geworden ist, veröffentlichte er daneben auch eine Reihe von Gedichten sowie ein Theaterstück (Avahane, Uraufführung 1969, Veröffentlichung 1971).
Stilistisch war Ananthamurthys Werk zu Beginn ganz dem Modernismus, dessen literarische Bewegung im Kannada-Sprachgebiet als navya bezeichnet wird, zuzuschreiben. Viele Werke reflektieren den persönlichen Weg des Autors vom dörflichen ins städtische Indien. Im Zuge dieses persönlichen Weges wandelte sich auch sein Werk, um mit der Zeit näher an der späteren Protestliteratur (baṇḍāya) zu stehen.
An seinem bewussten Bekenntnis zum Schreiben in der Muttersprache hielt er, trotz exzellenter Kenntnisse des Englischen und seiner Literatur, sein ganzes Leben hindurch fest. Damit legte er Grundlagen, die bis heute der Kannada-Literatur ein solides Fundament schaffen, auf das sich auch junge Autoren berufen können. In seinem englischsprachigen essayistischen Werk behandelt er das Thema der Sprachwahl mehrfach; seine Position ist dabei, dass ihm das Schreiben in der Muttersprache ein nötiges Korrektiv bietet, das "unverdaute" westliche Einflüsse aus seinem Werk herausfiltert. Wichtig ist auch Ananthamurthys Beobachtung, dass indische Schriftsteller seiner Generation Zugang zur direkten Erfahrung sowohl der (durch den Westen repräsentierten) Moderne als auch zu mittelalterlichen Realitäten und Denkmustern haben.
Von besonderer Bedeutung war auch Anantamurthys Freundschaft mit dem Wissenschaftler und Dichter A.K. Ramanujan (1929–1993). Angeregt durch Ramanujan formulierte Ananthamurthy für sich literarische und kulturelle Standpunkte innerhalb von Koordinaten, die er der indischen Kulturgeschichte entnahm, wie z.B. das Kontinuum von mündlicher und schriftlicher Kultur.
Ananthamurthys Einstellungen zur indischen Gesellschaft und Politik gründeten sich vor allem auf der sozialistischen Lehre Rammanohar Lohias (1910–1976), der eine Synthese marxistischer Ideen mit den Einstellungen Gandhis anstrebte, wobei die Gewaltlosigkeit das zentrale Moment des gesellschaftlichen Wandels ist. Schon in den späten 1960er Jahren behandelte Ananthamurthy mehrfach in Essays (und in Ansätzen auch in seinem schriftstellerischen Werk) die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst bzw. Literatur und Politik bzw. Gesellschaft sowie nach der Position, die der Schriftsteller dabei einnehmen kann.
In seinen späteren Jahren gewann das politische Engagement für Ananthamurthy immer stärker an Bedeutung. 2004 bewarb er sich als unabhängiger Kandidat um einen Sitz im indischen Parlament, erhielt jedoch nicht die notwendige Anzahl von Stimmen. Noch 2013 sprach er sich mit deutlichen Worten – und unter erheblichem persönlichen Risiko – gegen eine hindu-fundamentalistische Regierung unter Narendra Modi aus.
Ananthamurthy wurde für sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er war der sechste Kannada-Autor, der mit dem Jnanpith Award ausgezeichnet wurde. 1998 wurde ihm der Padma Bhushan verliehen. 2013 stand er auf der Auswahlliste für den Man Booker Prize. Man muss sich nur seine damals in London gehaltene Rede anschauen, um zu verstehen wie das Kannada und seine bis ins Mündliche hinein lebendige literarische Kultur in ihm verwurzelt waren.
Am 22. August 2014 verstarb U.R. Ananthamurthy. Die Erinnerung an die Begegnung an jenem Frühlingsabend in Bangalore hat mich seither nicht mehr losgelassen. In seinem Werk lebt seine Liebe zu seiner Muttersprache ebenso wie seine warme Anteilnahme am Leben und Fühlen der Menschen überall weiter fort.
Katrin Binder
Werke (Auswahl)
Romane:
- Saṃskāra, 1965
- Bharatipura, 1973
- Avasthe, 1978
- Bhava, 1994
- Divya, 2001
Kurzgeschichtensammlungen:
- Endendu mugiyada kathe, 1955
- Praṣṇe, 1962
- Mauni, 1967
- Akāśa mattu bekku, 1981
- Suryana kudure, 1995
Wichtige Aufsätze in englischer Sprache:
- Literature and Culture. Essays in English. Hg. von A.J. Thomas, Kalkutta 2002. [darin u.a.: "The Fragmented Vision: Dilemmas of the Indian Writer", "Search for Identity: A Viewpoint of a Kannada Writer", "Why not Worship in the Nude?", "Being a Writer in India"]
Auf Deutsch erschienen
- Samskara oder Was tun mit der Leiche des Ketzers, die uns im Weg liegt und das Leben blockiert, Übers. Gernot Schneider, Frauenfeld 1994/Berlin 2013
- Ghatashraddha – Totenritual für eine Lebende, Übers. Heidrun Brückner, in: die horen 188, Jg. 42, 1997, H. 4, S. 123–141
- Sonnenpferdchen, Erzählungen. Übers. Heidrun Brückner und Katrin Binder. Berlin 2017
Literatur
- Brückner, Heidrun, "Dimensions of Intertextuality in Anantha Murthy's Novel 'Samskara'", in Dilip Chitre u.a. (Hg.), Tender Ironies. A Tribute to Lothar Lutze. Delhi 1994, S. 152–183
- Brückner, Heidrun, "U.R. Anantha Murthy", in: Martin Kämpchen (Hg.), Indische Literatur der Gegenwart, München 2006, S. 238–257
- Amur, G.S., Essays on Modern Kannada Literature. Bangalore 2001
- Mukherjee, Meenakshi, Realism and reality: The novel and society in India, Delhi 1985
- Ramanujan, A.K., "Afterword", in: U.R. Anantha Murthy, Samskara. Oxford 1976, S. 139–147
Leseprobe
Weiterführende Links
- U.R. Ananthamurthy bei Wikipedia
- U.R. Ananthamurthy beim Booker Prize (auf Englisch)
- Man-Booker-Prize-Rede von U.R. Ananthamurthy (YouTube)
