Thoppil Mohammed Meeran

Zur Person

Thoppil Mohammed Meeran Thoppil Mohammed Meeran Foto: Familie Meeran

Thoppil Mohammed Meeran (1944-2019) stammte aus dem südlichsten Zipfel Indiens, aus Thenga Pattanam im Kanyakumari District, einem Dorf mit 200 Häusern, die sich um eine uralte Moschee – Malik Ibn Dinar – gruppieren.

Angefangen mit der Entstehungsgeschichte der Moschee war das Dorf Thema zahlreicher Mythen und Legenden, weshalb die Maulvis oder Religionsgelehrten die oberste Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie einnahmen. Die nächstwichtige Gruppe waren die reichen Landbesitzer. Dann folgten die rechtlosen Arbeiter und die armen Fischer. Ganz am Schluss kamen einige bitterarme Hindus und Muslime, die in einem Wäldchen (in Tamil: Thoppu, woraus der Name Thoppil entlehnt ist) nahe einer Einäscherungsstätte lebten. Meeran gehörte dieser letzteren Gruppe an. Sein literarisches Schaffen konzentriert sich auf dieses Dorf und seine Bewohner.

Dank der geografischen Lage seines Dorfes zwischen Tamil Nadu und Kerala wuchs Meeran zweisprachig auf, nämlich mit Malayalam und Tamil. Seinen Collegeabschluss in Wirtschaftswissenschaften erwarb er am South Travancore Hindu College in Nagercoil. Schon damals faszinierten ihn die Werke des berühmten Malayalam-sprachigen Schriftstellers Vaikom Mohamed Basheer, und deshalb verfasste er seine ersten Geschichten auf Malayalam.

Schreibtätigkeit ohne Perspektive

Neben seiner gewerblichen Tätigkeit im Handel mit Chilis ist er stets seinem Wunsch nachgegangen, Geschichten zu schreiben. Er musste sich allerdings mit der Veröffentlichung seiner Kurzgeschichten und Romane im Fortsetzungsformat in wenig bekannten muslimischen Zeitschriften zufriedengeben, was wiederum bedeutete, dass seine Werke einem breiteren, nicht-muslimischen Publikum unbekannt blieben. Er musste 35 Jahre warten, bevor sein erstes Werk in Buchform das Licht des Tages erblicken konnte, was ihn aber nicht daran hinderte, während der ganzen Zeit weiterzuschreiben. Der Durchbruch kam 1988 mit seinem Roman Oru kadalora giramathin kathai („Die Geschichte eines Dorfes am Meer“).

Sein literarisches Schaffen umfasst sechs Romane und sieben Bände von Kurzgeschichten. Außerdem hat er sechs Bücher aus dem Malayalam ins Tamil übersetzt. Seine Werke sind in viele indische Sprachen sowie ins Englische und Deutsche übersetzt worden.

Romane

Mit Oru kadalora giramathin kathai (1988, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Die Geschichte eines Dorfes am Meer“, 2011) endete Meerans Schattendasein als Schriftsteller. Im Roman prallen Feudalismus, die althergebrachte Gesellschaftsordnung und die Kräfte der aufkommenden Modernität gegeneinander. Ahmadkannu Mudalali ist der mächtige Mann am Ort, der das ganze Dorf tyrannisiert und mit allen Mitteln versucht, die aufkommenden Neuerungen zu verhindern, da sie seiner Ansicht nach den bestehenden Status quo bedrohen. Ihm gegenüber steht Mehmud, der Haifischflossenhändler, der sich nicht einschüchtern lässt. Meeran zeigt, wie der progressiv denkende Mehmud die Autorität des Tyrannen ins Wanken bringt, indem er sich über seine willkürlichen Diktate hinwegsetzt. Er und der Dorflehrer bilden den Gegenpol zu Mudalali: Zwei, die den Weg in die Zukunft öffnen wollen, gegen die rückwärtsgewandte Verbohrtheit eines Machtbesessenen. Alle drei sind verwoben mit anderen detailliert gezeichneten Figuren und bilden das gesamte Personal des Romans.

1991 folgte der nächste Roman Thuraimugam („Der Hafen“). Der Hauptgegenstand des Romans ist das Dorf am Meer, vor allem sein Hafen, und noch spezifischer die Wellen des Meeres, die die Geschichten erzählen. Hoch und Tief, Freude und Tränen gehören immer dazu. Der Roman zeigt exemplarisch, wie religiöse Engstirnigkeit und aus Ignoranz stammende Vorurteile die Gesellschaft lähmen.

Der 1993 erschienene Roman Koonan Thoppu („Der Hain des Buckligen“) hat religionsbedingte Konflikte zwischen Muslimen und Christen und die daraus folgende Gewalt zum Thema.

Im Jahre 1997 wurde Meeran für seinen vierten Roman Sāyvu nārkali („Der Lehnstuhl“) der Preis der Sahitya Akademi verliehen, die höchste literarische Anerkennung der indischen Regierung. Die Geschichte dreht sich um Mustafa Kannu, einen abstoßenden Patriarchen, vor dessen Triebhaftigkeit keine Frau im Dorf sicher ist. Aufgrund seiner verwerflichen Lebensführung vergeudet er den über Generationen angesammelten Familienreichtum. Am Ende bleiben sein Lehnstuhl und der Stock, mit dem er ein Leben lang seine Mitmenschen in die Knie zwang. Gekonnt verknüpft Meeran eine leidvolle Familienchronik mit der Geschichte des Fürstentums von Travancore.

Der Hauptgegenstand des 2008 erschienenen Romans mit dem schnörkellosen Titel Anjuvannam Theru („Die Anjuvannamstraße“) ist genau das: die Straße. Auf diesem Schauplatz spielen sich die Geschichten der lebensnah umrissenen Charaktere ab, untermauert durch das Kernthema, den Konflikt zwischen der puristisch-traditionalistischen Richtung und der liberalen Strömung des Islams. Meeran deutet uns am Ende eine idealistische Möglichkeit an, eine Versöhnung zwischen den beiden Richtungen.

Meerans letzter Roman Kudiyetram („Kolonisierung“), der 2017 erschien, beschreibt die Wechselfälle der indischen Geschichte im 16./17. Jahrhundert an den östlichen und westlichen Küsten Indiens und schlägt eine Brücke zwischen Geschichte und Fiktion. Es geht dabei um den bitteren Kampf zwischen den Marakkayar, einer muslimischen Gemeinschaft von Seehändlern, und den Europäern, die es auf die Vorherrschaft im Land wie im Handel abgesehen hatten.

Kurzgeschichten

Meerans Kurzgeschichten sind in 6 Bänden erschienen. Für viele nicht-muslimische Leser und Leserinnen sind die Geschichten eine Entdeckungsreise.

Suriyanai prasavikkum Pārai („Der Felsen, der die Sonne gebiert“), eine Mischung aus Magie und Realität, beschreibt einen Jungen, der glaubt, dass der Felsen in seinem Dorf jeden Morgen die Sonne gebiert. Die ihm von allen Seiten eingetrichterten abergläubischen Vorstellungen hat er auch nie hinterfragt. Dazu gehört auch eine Schlange, die in einem Brunnen im Felsen leben und eine große Gefahr darstellen soll. Trotz der düsteren Warnungen besteigt der Junge den Felsen und begegnet einer Schlange. Beeindruckt von seiner Wissbegierde enttarnt sie die von Generationen gehüteten Überzeugungen als Aberglauben.

Der Name der Hauptfigur in der Geschichte Calendar Bawa ist ein Ehrentitel. Bawa bedeutet Vater und ist auch die Anrede für eine Respektsperson. Der Zusatz „Calendar“ stammt von seiner präzisen Fähigkeit, die Mondsichel zur Ankündigung des Ramadan-Festes zu sichten. Seine Sehschwäche macht ihn dieses Jahr unsicher, ob er den Mond tatsächlich gesehen oder sich von den jubelnden Kindern hat überzeugen lassen. Er denkt an die Vorbereitungen, die die Dörfler mit ihren geringen Mitteln getroffen haben. Er denkt an die auf ihre Schlachtung wartenden Ziegen, deren Qual um einen Tag verlängert würde, wenn er nein sagt. Er weiß auch, dass er wertlos wie ein alter Kalender würde, wenn er seine Sehschwäche zugibt. Er schwankt zwischen seiner angeborenen Aufrichtigkeit und dem Wunsch, die begeisterten Kinder und die Dörfler nicht zu enttäuschen. Der entscheidende Moment ist nur wenige Schritte entfernt. Der Dorfschulze wartet bereits auf ihn.

Jenseits von Konflikt und Gewalt liefert Meeran eine herzzerreißende Liebesgeschichte, Abdulla Ibn Abubaker, in der die Protagonistin Noorunnisa von ihrer Jugend bis ins hohe Alter nach dem Titelhelden, einem imaginären, unglaublich schönen arabischen Schiffskapitän, schmachtet. Die Fantasien, in die sie sich hineinsteigert, bringen ihr Spott und Hohn ein, was sie aber wenig kümmert. Die Fantasiewelt ist ihre einzige Realität. Sie ist Feuer und Flamme, als sie eines Tages ein Flugzeug, groß wie des Kapitäns Schiff, fliegen sieht. „Wenn ein großes Schiff sich Flügel wachsen lässt und fliegt, kann ich ja auch zu meinem Araber hinfliegen“, denkt sie. Nicht nur das vorauszusehende tragische Ende, sondern auch die lyrische Prosa Meerans bleibt lange im Gedächtnis.

Auszeichnungen

Für seine literarischen Werke erhielt Meeran acht Auszeichnungen. Die wichtigsten darunter: der Sahitya Akademi Award, die höchste Auszeichnung der indischen Regierung, im Jahre 1997 für den Roman Der Lehnstuhl (1995); der Tamil Nadu Kalai Ilakkiya Perumantram Award (Preis des Tamil-Nadu-Forums für Belletristik) 1992 für seinen ersten Roman Geschichte eines Dorfes am Meer (1988).

Einschätzungen

Der bekannte Schriftsteller und Kritiker Jeyamohan betont, dass Meeran, mehr als jeder andere, bei den nicht-muslimischen Lesern und Leserinnen eine innige Verbindung zu den Muslimen hat entstehen lassen. Das habe er mit seiner Kunst geschafft, indem er die von Religionsvertretern und Politikern produzierten einseitigen Identitäten des Islams und der Muslime ignoriere und mit großer Empathie über die kulturellen Nuancen, Wünsche, Ängste, die dunklen und hellen Seiten zu sprechen wisse. „Seine Schreibkunst ist unpolitisch. Das eben ist die Politik der Kunst.“

Nach der Lektüre von Meerans erstem Roman Die Geschichte eines Dorfes am Meer sagte der bekannte Schriftsteller Sundara Ramasamy: „Er ist ein empathischer Mensch. Er hat eine natürliche Neigung zu den einfachen Leuten und deren Freude und Leid. Ihr Fortschritt im Leben ist ihm ein echtes Anliegen. Das macht seine Stärke aus.“

Die sehr stark regional geprägte Sprache und ein Wortschatz, bestehend aus einer Mischung aus Tamil, Malayalam und arabischen Lehnwörtern, könnten für Irritation sorgen. Aber wie Ilija Trojanow es in seiner Rezension zu der deutschen Fassung von Die Geschichte eines Dorfes am Meer ausdrückt, ist es angenehm, „endlich mal wieder überrascht zu werden, statt bei der Wiederholung des Bekannten einzudämmern“.

Hem Mahesh

Auf Deutsch erschienen

  • Die Geschichte eines Dorfes am Meer, 2011

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