Sunil Gangopadhyay

Zur Person

Sunil Gangopadhyay Sunil Gangopadhyay, 2006 Foto: Ragib Hasan

Sunil Gangopadhyay war zu seinen Lebzeiten der meistgelesene Romancier bengalischer Sprache. Geboren wurde er 1934 in Faridpur im heutigen Bangladesch. Er starb 2012 in Kalkutta.

In seiner Muttersprache Bengali gibt es etwa 300 Publikationen von ihm, darunter Romane, viele Erzählungen, auch Essays und Gedichtbände. Viele davon wurden ins Englische oder in andere indische Sprachen übersetzt. Obwohl er mehr für seine Prosa bekannt sei, fühle er sich eher als Dichter, sagte er mir. Ich traf ihn mehrmals, führte mit ihm in seiner Wohnung im Süden Kalkuttas ein ausführliches Interview und unterstützte ihn später als Moderatorin während einer Lesereise in Deutschland. Neben Erzählungen und Gedichten in Anthologien erschien aber nur eines seiner Bücher auf Deutsch, „Der Widerläufer“, ein früher Roman, bei dem – wie bei fast allen seinen erzählenden, längeren Texten – die Teilung Bengalens in den indischen Bundesstaat West-Bengalen und das damalige Ost-Pakistan den schicksalhaften Hintergrund für seine Protagonisten bildet.

Siddharta, der Held dieser Geschichte, ist ebenso wie Sunil Gangopadhyay ein Flüchtling, einer der ersten Generation, die Ostbengalen verlässt beziehungsweise verlassen muss. Er ist der älteste Sohn – sein Vater ist kürzlich verstorben – und für die Familie verantwortlich, findet aber keine Arbeit. Sunil Gangopadhyay beschrieb mir die absurde Job-Suche seines Alter-Ego, der zusammen mit dreihundert anderen für eine Anstellung ansteht, so: „Das schildert überwiegend meine eigenen Erfahrungen bei Vorstellungsgesprächen damals. Denn noch bevor sie uns einluden, hatten sie bereits eine oder zwei Personen ausgewählt. Deshalb war das alles eine Farce. Sie erlaubten sich wirklich nur einen Scherz mit uns.“

Eine beginnende erste Liebe mildert die hoffnungslose Lage des Protagonisten und gibt dem Leser Einblick in das durchaus selbstbewusste Rollenverständnis junger Frauen der damaligen Zeit, der frühen Siebzigerjahre. Auch dieser Situation fühlt sich sein Protagonist letztlich nicht gewachsen. Er schwankt zwischen einem lähmenden Unzulänglichkeitskomplex und einer sich steigernden Wut gegen alles und jeden. „Er dachte sich“, sagt Sunil Gangopadhyay über seine Figur, „eines Tages wird er jeden bestrafen. Er wird den Boss seiner Schwester bestrafen, die Leute, die fiktive Vorstellungsgespräche abhalten, er wird die Polizisten bestrafen, die Regierung, alle!“

Kurz nachdem der Roman erschienen war, schlugen in Westbengalen die Naxaliten los, eine radikale, maoistisch-orientierte Bewegung. Von Naxalbari, einem kleinen Dorf in Nordbengalen, bekam die Bewegung ihren Namen, von dort ging sie aus. Getrieben von jener Wut und Hoffnungslosigkeit, wie sie auch die Figur Siddharta empfand, organisierten sich Anfang der Siebzigerjahre tausende von jungen Männern. Insofern porträtiert Sunil Gangopadhyays früher Roman, so wie auch seine späteren, immer wieder detailreich und subtil die gesellschaftliche Situation, in der er spielt.

Die bengalischen Literaten jener Tage versammelten sich in Kalkutta unter dem Begriff „Hungry Generation“. Dazu befragt, sagte Sunil Gangopadhyay: „Ich gehörte nicht dazu, aber einige meiner Freunde bildeten diese Gruppe. ‚Hungry Generation‘ ist abgeleitet von ‚Angry Generation‘, wie es sie in England gab, und der ‚Beat Generation‘ Amerikas. Ich war zu stolz, diesen westlichen Mustern zu folgen.“ Andererseits hatte Sunil Gangopadhyay enge Verbindungen, gerade zur „Beat-Generation“. Allen Ginsberg und seinen Freund Peter Orlovsky führte er bei deren erster berühmter Indienreise in die sehr lebendige literarische Szene Kalkuttas ein. Im Gegenzug lernte er Anfang der Sechzigerjahre das wilde Leben der Beatniks in New York kennen. Während eines Stipendienaufenthalts traf er dort auch Jack Kerouac: „Ich traf ihn in Greenwich Village, wo sie alle zusammenkamen, Gedichte vorlasen und die Nächte hindurch redeten und sangen; es war eine großartige Zeit, die ich damals erlebte.“

In der Folge schrieb Gangopadhyay seinen ersten Roman, inspiriert von Anregungen, die, wie er sagte, von Kerouac kamen. Satyajit Ray verfilmte ihn später unter seinem Originaltitel Pratidwandi, was den Bekanntheitsgrad des Buches sicher erheblich gesteigert hat. Auch andere seiner Romane wurden verfilmt, ein weiterer ebenfalls von Satyajit Ray, zwei spätere von Gautam Ghosh.

Sunil Gangopadhyay war aber nicht nur durch sein eigenes Schreiben eine bedeutende Figur in der Literaturszene Bengalens und Indiens, sondern er war auch Gründungsmitglied der später berühmten Literaturzeitschrift Krittibas (1953), die vor allem Lyrik veröffentlichte. Über viele Jahrzehnte war er außerdem Redakteur des Verlagshauses „Ananda Bazar Patrika“ und dadurch auch stets in engem Kontakt mit den Literaten und Literatinnen, insbesondere der bengalischen Sprache. Während dieser Berufsjahre konnte man ihn, vorausgesetzt er war anwesend und man war selbst schreibend unterwegs, jederzeit in seinem mit Papieren überfüllten kleinen Büro in den Räumen des Verlagshauses treffen und sich mit ihm unterhalten.

Für größere Arbeiten fuhr er regelmäßig zum Schreiben in das ländliche Shantiniketan, dorthin wo Tagore, den er selbst eher spät schätzen lernte, seine berühmte Universität auf dem Land gegründet hatte. In Sunil Gangopadhyays letztem Roman, Bhanu ebong Ranu, erschienen 2012, geht es aber gerade um ihn, den betagten Tagore, und ein junges Mädchen, das ihn, Tagore, erneut zum Schreiben inspiriert. In Shantiniketan wird nach wie vor viel unter freiem Himmel gelehrt und gelernt. Bei meinem Besuch stellte ich fest, dass jeder, den ich fragte, wusste, wer Sunil Gangopadhyay ist, wo sein Haus steht und sogar, ob er gerade vor Ort war oder nicht.

Sunil Gangopadhyay erhielt alle hohen Ehren der indischen Literatur, einschließlich des Sahitya Akademi Awards (1985). Zwei Jahrzehnte später (2008) wurde er selbst der gewählte Präsident der Akademie und blieb es bis zu seinem Tod.

Regina Ray

Werke (Auswahl)

Romane:

  • Pratidwandi (The Adversary/Der Widerläufer)
  • Sei Somoy (Those days)
  • Prothom Alo (First Light)
  • Purbo-Pschim (East-West)
  • Bhanu ebong Ranu (Bhanu and Ranu)

Kinderbücher: Kakababu-Serie

Verfilmungen

  • Pratidwandi, verfilmt von Satyajit Ray, 1970
  • Aranyer Din Ratri, verfilmt von Satyajit Ray, 1970
  • Moner Manush, verfilmt von Gautam Ghose, 2010

Auf Deutsch erschienen

  • Der Widerläufer, Roman, übersetzt von Alokeranjan Dasgupta, Lotos Verlag Roland Beer, Berlin 2002
  • Drei Männer, Erzählung, übersetzt von Ulrike Seeberger, in „Zwischen den Welten. Geschichten aus dem modernen Indien“, hrsg. von Cornelia Zetsche, Insel Verlag 2006
  • Athen – Kairo, Gedicht, übersetzt von Lothar Lutze und Alokeranjan Dasgupta, in „Ganz unten, wie Shesha, bin ich“ (Textproben zum Literatursymposium anlässlich des Schwerpunktthemas „Indien – Wandel in Tradition“ der 38. Frankfurter Buchmesse 1986), S. 64
  • Auszug, Kurzgeschichte, übersetzt von Alokeranjan Dasgupta, in „Flucht und Identität“, Begleitheft zu einem Symposium im Rahmen der indischen Festspiele 1991/92 im Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1991, S. 55–59
  • Shah Jahan und seine Privatarmee, Auszug aus der Erzählung, übersetzt von Lothar Lutze und Alokeranjan Dasgupta, ebenda S. 63–66
  • Vier Gedichte, übersetzt von Lothar Lutze und Alokeranjan Dasgupta, ebenda S. 60–62

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