Sethu (Sethumadhavan, Anelil)
Zur Person
Sethu wurde 1942 in Chendamangalam, Ernakulam, Kerala (Südindien) geboren und wuchs auf in einer ländlichen Umgebung. Er studierte Physik und arbeitete zuerst einige Jahre für die Zentralregierung im meteorologischen Bereich. Dann wechselte er zur Arbeit für Banken und bekleidete dort für fast vier Jahrzehnte führende Positionen. Nach seiner Pensionierung wurde er 2012 von der Zentralregierung für drei Jahre zum Vorsitzenden des National Book Trust, Neu Delhi, berufen.
Sethu ist einer der führenden Belletristik-Autoren in der Malayalam-Sprache. Sein literarisches Schaffen umfasst Erzählbände, Romane, Novellen, Kinderbücher und Essay-Sammlungen. Einige seiner Romane und viele seiner Erzählungen wurden in andere indische Sprachen sowie ins Englische übersetzt. Sein bekanntester Roman Pandavapuram wurde auch ins Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel Pandavapuram – die Stadt der Liebe beim Draupadi Verlag, Heidelberg, 2016. Vier seiner Romane, einschließlich Pandavapuram, wurden verfilmt. Der Film Jalasamadhi (Tod im Wasser), produziert von Venu Nair, basiert auf einer Erzählung und dem Drehbuch von Sethu. Dieser Film wurde in 55 internationalen Filmfestivals in 24 Ländern gezeigt und mit vielen Preisen gekrönt.
Sethu ist verheiratet mit Rajalakshmi, hat zwei Söhne und lebt in Chendamangalam (Kerala).
Werke
Die moderne Belletristik in Malayalam beschäftigte sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich mit Themen wie Kastenhierarchie und Klassenstruktur in der Gesellschaft. In den 1960er und 1970er Jahren wuchs aber eine neue Generation von Autoren nach, die als Pioniere dazu beitrugen, den herrschenden Blick auf die Literatur radikal zu verändern und ihr eine neue Orientierung zu geben, nämlich eine Bevorzugung des Subjektiven vor dem Objektiven, der Phantasie vor dem Realen, des Unheimlichen vor dem alltäglichen Leben. In dieser neuen Generation war Sethu eine führende Gestalt. Seine Themen sind oft Tod, menschliches Leid und vor allem die Vorbestimmtheit des menschlichen Lebens und die Versuche des Einzelnen, diese, meist erfolglos, zu überwinden. Dabei greift er innovativ auf moderne Erzähltechniken wie den magischen Realismus, eine Mischung von Fantasie mit Wirklichkeit, und auf das Stilmittel des Bewusstseinsstroms zurück, das James Joyce in seinem Roman Ulysses verwendet hat.
Sethus erste Erzählung, Daahikyunna Bhumi („Durstige Erde“), entstand 1967, als er berufsbedingt in Delhi lebte. Die Erzählung wurde in der renommierten Malayalam-Zeitschrift Mathrubhumi abgedruckt. Danach veröffentlichte er über 200 Erzählungen in verschiedenen Publikationen. Außerdem schrieb er 16 Romane und 2 Novellen. Seinen letzten Roman, The Cuckoo's Nest, verfasste er auf Englisch.
Einer seiner wichtigsten Romane ist, wie schon erwähnt, Pandavapuram, der 1979 erschien. Der Roman war bahnbrechend, sowohl in der Wahl des Themas als auch in der innovativen Erzähltechnik. Indem die Protagonistin Devi versucht, der monogamen Praxis in der aktuellen Familienstruktur zu entfliehen, beansprucht sie für sich Keralas traditionelle polyandrische Lebensweise (Vielmänner-Ehe) in einer matriarchalischen Familie, zumindest in der Fantasie. Damit bezieht sich der Roman auch auf das indische Epos Mahabharata, das schildert, wie die fünf Pandava-Brüder mit nur einer Frau, Draupadi, in einer Ehe lebten. Dieses Verlangen nach Überwindung einer monogamen Sexualität der Frau und wie dies in einer Phantasie-Traum-Welt Wirklichkeit wird, ist im Kern das Thema des Romans. Wünsche, Gedanken und Emotionen sind heute von der Gesellschaft so festgelegt, wie es in die jeweiligen Konventionen passt. Aus dieser streng überwachten Eingrenzung der gesellschaftlichen Moral rettet sich Devi in eine neue Wirklichkeit, geschaffen durch ihre erotische Phantasie und das Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung. So gesehen hat der Roman, der vielfach ausgezeichnet wurde und in zahlreichen Übersetzungen, darunter auch ins Deutsche, vorliegt, auch eine feministische Dimension.
Ein anderer bedeutender Roman von Sethu ist Aliya, der 2013 erschien. Das Werk erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie über drei Generationen in Kerala. Sie zählte zu den jüdischen Bewohnern (Malabari Jews genannt), die seit dem 11. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Bevölkerung Keralas waren. Nachdem der Staat Israel 1948 gegründet wurde und der erste Premierminister Ben-Gurion alle Menschen mit jüdischen Wurzeln aufgefordert hatte, in das „gelobte Land“ zurückzukehren, verließen nach und nach die ca. 200 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die rund um eine Synagoge in Chendamanglam (Sethus Wohnort) lebten, ihre eigentliche Heimat und wanderten nach Israel aus. Dieser Exodus nach Israel wurde Aliya (Aufstieg) genannt, und der Roman beschäftigt sich sehr einfühlsam mit dem schmerzhaften Entscheidungsprozess des Protagonisten Salamon zwischen Heimat und Identität einerseits und der Rückkehr-Aufforderung des Weltjudentums andererseits. Am Ende lässt Salamon seine geliebte Heimat Kerala und damit ein großes Stück seiner kulturellen Identität zurück und wandert für immer nach Israel aus.
Werke in englischer Übersetzung
Romane:
- Pandavapuram
- Once Upon a Time (Adayalangal)
- The Wind from the Hills (Niyogam)
- The Saga of Muziris (Marupiravi)
- Aliya
Erzählbände:
- During the Journey and Other Stories
- A Guest of Arundhati
- Jalasamadhi and Other Stories
Werke in deutscher Übersetzung
- „Die Botschaft“, Erzählung, aus dem Malayalam von Thomas Chakkiath, in: Drei Blinde beschreiben den Elefanten. Kerala erzählt, hrsg. von Christina Kamp und Jose Punnamparambil, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2006
- Pandavapuram – Die Stadt der Liebe, Roman, aus dem Englischen von Salome Heyn, Draupadi Verlag, Heidelberg, 2016
Wichtige Auszeichnungen
- Preis der Literatur Akademie von Kerala (1978 und 1982)
- Vayalar Award (2006)
- Preis der Sahitya Akademi (Literatur-Akademie der indischen Zentralregierung, 2007)
- Odakkuzhal Award (2014)
- Kerala Sahitya Akademi Fellowship (2020)
Jose Punnamparambil
Leseprobe
Die Botschaft
Aus Drei Blinde beschreiben den Elefanten. Kerala erzählt, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2006, aus dem Malayalam übersetzt von Thomas Chakkiath
„Darf ich Sie auch Onkel Kochunni nennen?“
„Natürlich. So nennen mich ja schon viele.“
„Sie haben mich wahrscheinlich nicht erkannt.“
„Muss ja auch nicht sein. Heutzutage versucht niemand, einen zu erkennen. Es ist auch besser so, dass man auf eine Erkenntnis, die man nicht unbedingt braucht, verzichtet.“
„Aber…“
„Kein aber. Wenn ich Sie, mein Herr, nicht kennen lernen möchte, schadet das ja niemandem.“
„Aber so ist es nicht, Onkel Kochunni…“
„Und wenn es doch so ist…?“
„Ich komme von Achuthankuttis Firma.“
„Ja? Schön.“
„Es ist schrecklich heiß. Die Kinder haben gerade Schulferien. Ich dachte, man könnte schon Ferien machen. Deshalb bin ich gekommen. Und außerdem gibt die Firma noch die Fahrkarte für die Erste Klasse dazu.“
„Wirklich? Schön. Wenn man einen Freifahrschein bekommt, wohin kann man nicht alles fahren!“
„Bevor ich aus dem Urlaub zurückkäme, sollte ich Sie besuchen, hat Achuthankutty mir ans Herz gelegt.“
„Erstaunlich! Und warum hatte der gute Kerl diesen Einfall?“
„Aus keinem besonderen Grund. Immerhin fließt das gleiche Blut in Ihren Adern, oder? Sollte man da nicht ein bisschen neugierig sein, voneinander zu hören?“
„Ha, das ist aber schön. Sie haben vielleicht Achuthankuttis Blut gesehen. Aber wenn Sie, mein gnädiger Herr, nun mein Blut sehen wollen, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mir in den Finger zu schneiden. Aber weil ich ein bisschen Zucker habe, wird die Wunde nicht so schnell heilen.“
„Das meinte ich aber nicht.“
„Was Sie auch damit gemeint haben könnten, man soll schon ein bisschen aufpassen, wenn man mit so einer Gewissheit vom gleichen Blut spricht. Heutzutage spielt die Maschine das Spielchen. Wenn man heutzutage jemandem etwas Blut abnimmt, es in die Maschine gibt und prüft, und es kommt heraus, dass die Blutgruppen unterschiedlich sind, wird sich dann nicht das, was unsere Vorfahren und Lehrmeister uns von Blutverwandtschaft erzählt haben, als purer Unsinn entpuppen?“
„Aber trotz alledem kann es nicht sein, dass Achuthankutti nicht ihr Sohn ist.“
„Wer weiß das denn so hundertprozentig? Das soll aber nicht bedeuten, dass ich meiner Davakikutti, die da oben ist, misstraue. Sie war so eine liebe Frau.“
„Mir hat Achuthankutti alles erzählt. Ich bin sein bester Freund. Und er ist Präsident des Malayali Samajams dort. Ich bin der Sekretär.“
„Wirklich? Wie schön! So ist das also. Achuthankutti kann also auch Präsident werden. Schön. Und wenn er einmal Präsident Indiens wird, bleiben Sie auch dann sein Sekretär?“
[…]
„Und danach hat man die Statue nicht mehr gesehen, oder?“
„Nein.“
„Ich verstehe schon. Tja, Sie haben sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Nicht schlimm. Nun werde ich Ihnen etwas erzählen. Bitte hören Sie gut zu. […] Was gibt es hier eigentlich zu beginnen und fortzusetzen? Steckt nicht alles bereits in uns selbst? Das entscheidende ist doch, dass es Zeit braucht, genau dies herauszufinden und wahrzunehmen. Einigen gelingt es früher, anderen später, und wieder anderen würden drei Lebzeiten nicht dafür genügen.“
„Ich verstehe gar nichts, Onkel Kochunni.“
[…]
„Ich möchte…“
„Gehen oder? Ich weiß nicht, ob es Ihnen zu spät geworden ist. Aber es gibt immerhin einen Trost. Diese Züge kommen ja nicht so pünktlich, wie wir glauben.“
„Ist nicht schlimm. Statt zu laufen werde ich rennen. Aber zum Schluss nur noch eine Sache. Onkel, Sie sollen es mir versprechen. Immerhin habe ich all diese Mühe auf mich genommen und bin hierhergekommen, oder nicht? Ich soll Achuthankutti etwas mitbringen.“
„Glauben Sie, dass ich versucht habe, den Boten zu betrügen?“
„Nein, niemals.“
„Also, was möchten Sie denn haben, mein Herr? Was soll ich über meine Achtung vor dem Boten hinaus noch geben?“
„Nur einen einzigen Segen. Ein kleines Einverständnis. Achuthankutti möchte auch einmal hierherkommen. Er möchte Sie einmal sehen. Wenn er kommt, Onkel, sollen Sie ihn erkennen.“
„Sie haben wenigstens nicht gesagt, man soll ein fettes Kälbchen schlachten. Umso besser… Gut, er kann kommen. Ich habe es ihm ja nicht verboten. Aber mich sehen – das, glaube ich, wird nicht gehen.“
„Warum nicht?“
„Ich gehe auf Reisen.“
„Wohin?“
„Wenn jemand in diesem Alter auf Reisen geht, dann ist es reiner Unsinn, ihn zu fragen, wohin, nicht wahr, mein Freund? Seien Sie sicher, dass es sich um eine lange Reise handelt.“
„Nun, was soll ich Achuthankutti…“
„Sagen Sie ihm, dass ich auf Reisen bin.“
„Und wenn er kommen sollte?“
„Sagen Sie ihm, ich bin auf Reisen.“
„Und wenn er Sie einmal sehen möchte?“
„Sie können ja sagen, dass ich auf Reisen bin.“
© des Originals 1998 Sethu; © der Übersetzung 2006 Thomas Chakkiath
