Saadat Hasan Manto

Zur Person

Saadat Hasan Manto Saadat Hasan Manto Foto: Penguinbooksindia

Trotz seiner kurzen Lebensspanne von 1912-1955 war Saadat Hasan Manto einer der produktivsten Autoren seiner Zeit und gilt vielen als unerreichter Meister der Urdu-Kurzgeschichte. Erste literarische Erfahrungen sammelte er als Übersetzer französischer und russischer Kurzgeschichten aus dem Englischen ins Urdu. Sein erster Erzählband erschien 1936, breitere Bekanntheit erlangte er aber erst mit dem zweiten Band Manṭo ke afsāne (Mantos Erzählungen, 1940), der Meisterwerke wie „Nayā qānūn“ (Die neue Verfassung, Manto 2006: 7-19) und „Hatak“ (Die Beleidigung, ibid.: 20-44) enthielt. Weitere Bände mit Kurzgeschichten und Hörspiele für All India Radio folgten. Im Zentrum der Geschichten standen oft Außenseiter der Gesellschaft, wie zum Beispiel Prostituierte, die er in ihrer Menschlichkeit und ihrem Lebensmut sehr einfühlsam gestaltete.

Zum Zeitpunkt der Teilung Indiens 1947 lebte Manto in Bombay, wo er für die Filmindustrie arbeitete. Die Zeit in Bombay war die glücklichste und finanziell sicherste Zeit seines Lebens gewesen, doch 1948 zwangen ihn auch in Bombay aufflackernde Feindseligkeiten und nicht zuletzt auch der Vorwurf, er würde Muslime begünstigen, seiner Familie nach Pakistan zu folgen, wo er zuerst in Karachi und dann bis zu seinem Tode in Lahore lebte. Die Teilung wurde für Manto auch zu einer ganz persönlichen Katastrophe. In Pakistan verstummte er zuerst völlig. Die Absurdität der Teilung auf religiöser Basis führt Manto in geradezu exemplarischer Weise in seiner wohl berühmtesten Kurzgeschichte „Toba Tek Singh“ vor Augen. (Der Titel bezieht sich auf ein Dorf und einen Distrikt im heute pakistanischen Punjab, die nach dem legendären wohltätigen Sikh Tek Singh benannt sind.)

Manto verarbeitete in den folgenden Jahren das Erlebnis der Teilung und der damit verbundenen menschlichen Tragödien in zahlreichen Kurzgeschichten und in den von schwarzem Humor geprägten Skizzen, die dem deutschen Übersetzungsband Schwarze Notizen den Titel gegeben haben. Viele Autoren der Zeit wandten sich dem Thema Teilung zu, Mantos Behandlung der Thematik zeichnet sich jedoch durch einige Besonderheiten aus, die die andauernde Gültigkeit der Werke erklären: Er verzichtet völlig auf ideologische Prämissen und, bis auf ganz wenige Ausnahmen, auf Sentimentalität. Sein Versuch einer distanzierten Sicht auf die Ereignisse darf nicht mit mangelnder Empathie verwechselt werden. Durch die Auslotung der menschlichen Psyche mit all ihren Abgründen, wodurch auch die Grenzen zwischen Opfern und Tätern z. T. verschwinden, vermeidet er Schwarz-Weiß-Malerei. Bei aller Verzweiflung vermitteln seine Werke immer wieder den Glauben an die Menschlichkeit, ein Bekenntnis zum Leben und zur Würde des Menschen. Es sind letzten Endes unmenschliche Umstände, die einige seiner Figuren zu Bestien werden lassen.

Die „Briefe an Onkel Sam“

Mantos kritische Auseinandersetzung mit Zeitereignissen in Kurzgeschichten ist durch zahlreiche Übersetzungen über Indien und Pakistan hinaus bekannt. Weniger Berücksichtigung fanden bisher quasi-journalistische Texte, die er nach seiner Übersiedelung nach Lahore verfasste und von denen insbesondere die neun „Briefe an Onkel Sam“ als ironisch-satirische Meisterwerke hervorstechen. Die „Briefe“ entstanden zwischen 1951 und 1954 und erschienen 1954 in der Sammlung Ūpar, nīce aur darmiyān (Oben, unten und dazwischen). Zwei Briefe sind in dem 2012 erschienenen Übersetzungsband Manto enthalten und liegen auch online vor: englische Übersetzung des ersten Briefs und des zweiten Briefes.

Mantos „Briefe“ mögen oberflächlich betrachtet eine USA-feindliche Haltung verraten. Bei genauerem Hinsehen wird aber offenkundig, dass es bestimmte politische Haltungen und Maßnahmen der USA-Administration sind, die er satirisch überspitzt bloßstellt. In deren Verhalten sieht er ein eklatantes Auseinanderklaffen zwischen propagierten freiheitlichen und demokratischen Idealen und realer Machtpolitik. Nicht weniger kritisch geht er mit der eigenen Elite, die seit den 1950er Jahren am US-amerikanischen Tropf hängt, und mit Vertretern des literarischen Establishments um. Und nicht zuletzt stellt er die islamische Gründungsideologie Pakistans in Frage, indem er auch hier die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit schonungslos ausstellt. Gleichzeitig lassen die Texte den Keim einer Einstellung erahnen, die heute zu einer ideologischen Waffe geworden ist und in der sich ein stereotyper, wütender Antiamerikanismus mit einer Abhängigkeit von Dollargeschenken und der heimlichen Sehnsucht nach den „Segnungen“ westlichen Lebens verbinden.

Es ist frappierend, wie wenig Mantos Texte an Aktualität eingebüßt haben. Auch heute gilt Gewalt als probates Mittel, Konflikte zu lösen, und die Folgen sind nicht weniger grausam, als sie zu seinen Lebzeiten waren. Auch heute verhindert eine Elite in Pakistan, dass der Wohlstand des Landes allen Menschen zugutekommt. Auch heute sind Meinungs- und Gewissensfreiheit gerade in Pakistan, aber nicht nur dort, gefährdete Güter. Auch heute verhindern sorgsam kultivierte Feindbilder, die eigentlichen Probleme der Menschheit zu lösen. So bleibt die Lektüre der Texte bis heute teils amüsant, teils aber auch erschreckend.

Christina Oesterheld

Bibliografie (Auswahl)

  • Manto, Saʿādat Ḥasan: Kulliyāt-i Manto (Gesamtausgabe in 2 Bdn.). Lahore: ʿIlm va ʿIrfān Publ., 2005
  • Manto, Saadat Hasan: The armchair revolutionary and other sketches; translated by Khalid Hasan; edited, with an introduction by Ali Mir and Saadia Toor; prologue by Nandita Das. New Delhi: Left Word Books, 2016

In deutscher Übersetzung (Auswahl)

  • „Sharifan“, in Allahs indischer Garten. Ein Lesebuch der Urdu-Literatur, hrsg. und übers. von Ursula Rothen-Dubs. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1989: 368-372
  • Blinder Wahn. Berlin: Lotos Verlag Roland Beer, 1997
  • „Der Geruch“ (übers. von Christina Seemann), in Orientalische Erzähler der Gegenwart, hrsg. von Konrad Meisig. Wiesbaden: Harrassowitz, 1999: 101-108
  • Schwarze Notizen, ausgew. von Christina Oesterheld, mit einem Nachwort von Tariq Ali. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006

Rezensionen

Literatur (Auswahl)

Hörprobe (auf Urdu)


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