Perumal Murugan

Zur Person

Perumal Murugan Perumal Murugan Kerala Literature Festival 2018

Perumal Murugan wurde am 15. Oktober 1966 in Kootapalli nahe Thiruchengodu im Westen von Tamil Nadu geboren. Sein Vater, ein Kleinbauer, musste als Betreiber eines Getränkestandes in einem Kino dazu verdienen, um die Familie über Wasser zu halten. Als erster in der Familie, der studieren wollte, absolvierte Murugan sein Bachelor-Studium in tamilischer Literatur in Erode und sein Masterstudium in Coimbatore. Danach promovierte er in Chennai.

„Der Chronist der Kongu-Region“, so wurde Perumal Murugan genannt. Sein imponierendes literarisches Werk wuchs auf dem Boden dieser Region und wird bevölkert von ihren Dorfbewohnern.

Kongu Nadu ist eine regenarme, dürre Mittelgebirgsregion. Auch auf literarischem Gebiet hat dort bislang Dürre geherrscht, bis auf den klassischen Roman Nagammal von R. Shanmugasundaram (1942). Es ist das Verdienst Murugans, dass diese bisher kaum beachtete Region ihren Weg auf die literarische Landkarte Südindiens gefunden hat.

Das literarische Werk

Obwohl Murugan auch Sachbücher über Volkstraditionen und die Geschichte seiner Region geschrieben hat, reizt ihn als Schriftsteller vor allem die fiktionale Literatur. Romane, Kurzgeschichten und Gedichte bieten ihm eine größere Plattform für die Ausarbeitung komplexer menschlicher Beziehungen vor dem Hintergrund von Gesellschaft und Geografie, von Gebräuchen und Kastenproblemen. In dem ländlichen Mikrokosmos, den er präsentiert, gibt es kaum eine Privatsphäre und jeder, der das Sagen zu haben meint, verschanzt sich hinter überlieferten Sitten und Gebräuchen, was die Grenzen zwischen den nach Kasten und Status getrennten Gruppen undurchlässig macht. Liebe, ein wesentliches Thema in seinen Werken, ist ihm wichtiger als die Institution Ehe. In seiner Sicht ist die Ehe eine verzwickte Angelegenheit, verfangen in einem Netz von Vermögens-, Kasten- und Erbschaftsfragen.

Zwischen 1988 und 1991 veröffentlichte er zahlreiche Kurzgeschichten in der Zeitschrift Manvosai. Diese Geschichten wurden später in einem Band unter dem Titel Thiruchengodu (1994) veröffentlicht. Sein Oeuvre umfasst zehn Romane, je fünf Sammlungen von Kurzgeschichten und Gedichten und zehn Sachbücher über Sprache und Literatur.

Romane

Sein erster Roman Eru Veyyil, 1991 („Ansteigende Hitze“) befasst sich mit Familie, Geldgier und Korruption. Der 1993 geschriebene Roman Nizhal Mutram („Der schattige Innenhof“, 2004) spielt in einem Kino und enthält Anklänge an seine Jugendzeit. Aalandapatchi (2012) („Der Menschen meidende Vogel“) kristallisiert die Essenz der Kongu-Region auf vielen Ebenen heraus. Kanganam, 2007 („Der Schwur“) behandelt das heikle Thema der Abtreibung weiblicher Föten, Pookkuzhi, 2013 („Glühende Kohlen“), eine herzzerreißende Geschichte über die zerstörerischen Auswirkungen von Kastenschranken auf eine junge Liebe und Poonachi alladhu Oru Vellaatin Kathai, 2016 („Poonachi oder die Geschichte einer schwarzen Ziege“) sind andere von der Kritik gefeierte Romane. Als Erklärung für diese Themenwahl sagt Murugan, dass er sich mit der Ziege als Thema sicherer fühlte als mit Menschen, Göttern oder gar tabuisierten Tieren wie zum Beispiel Kühen oder Schweinen. Eine verständliche Wahl, da der Roman als sein erstes Prosawerk nach einer zweijährigen Zwangspause entstand.

Murugans bekanntester Roman Mathorubagan (2010, auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Zur Hälfte eine Frau“, 2018), der in der Endphase der britischen Kolonialzeit spielt, beschreibt das Leben eines kinderlosen Ehepaares, Kali und Ponna. Nicht nur müssen sie mit ihrem Leiden und ihrer Enttäuschung fertig werden, sondern auch hämischen Spott und Hohn der Dorfbewohner erdulden. Nachdem alle ihre Versuche, von diversen Hausmitteln bis hin zu unzähligen Tempelbesuchen und Ritualen, gescheitert sind, wird ihnen von Kalis Mutter und Ponnas Bruder eine ungeheuerliche Lösung vorgeschlagen, nämlich eine uralte Praxis, die kinderlosen Frauen im Rahmen eines Tempelfestes einvernehmlichen Sex mit Unbekannten erlaubt: zum Fest von Ardhanarishwara, dem Gott, der zusammen mit seiner Gemahlin eine Gestalt bildet, die halb Mann und halb Frau ist. Dem Glauben nach sind die so gezeugten Kinder ein Geschenk Gottes. Die Handlung steigert sich von nun an zu einem Crescendo.

Autor am Pranger

Paradoxerweise wurde der Schriftsteller und Chronist, der seine Heimatregion auf die literarische Landkarte gesetzt hatte, der Schmähung dieser Region beschuldigt. Vier Jahre nach der Veröffentlichung seines Romans Mathorubagan kam das Werk Ende 2014 in die Schusslinie politisch motivierter Gruppen, die in der Beschreibung des alten Brauchs auf dem Tempelfest eine Schmähung der Hindu-Religion sahen. Das Buch wurde öffentlich verbrannt, der Autor bedroht und in die Flucht getrieben. Diese Kampagne endete damit, dass Perumal Murugan zeitweilig seine Schriftstellertätigkeit einstellte. Es folgten in den nächsten zwei Jahren rechtliche Schritte gegen sein erzwungenes Exil, bis der High Court in Chennai ein Urteil zugunsten von Murugan und der Meinungsfreiheit und gegen ein Verbot des Buches fällte.

Angriffe auf den Roman konterte Murugan mit der Feststellung, dass die Geschichte nicht den Glauben, sondern den Aberglauben kritisiere. 2018 wurden zwei Folgeromane veröffentlicht (auf Englisch erschienen unter den Titeln A lonely harvest und Trial by silence), die zwei verschiedene Szenarien beschreiben, wie sich das Leben der Hauptfiguren hätte weiterentwickeln können.

Kurzgeschichten

Murugan hat über 80 Kurzgeschichten geschrieben. Die erste Anthologie mit zehn Geschichten in englischer Übersetzung trägt den Titel The Goat Thief, 2017. Murugan habe diese Geschichten ausgewählt, weil sie Ausnahmen zu den Regeln der Gesellschaft darstellen. Ausnahmen hätten es an sich, die alten Regeln in Frage zu stellen, neue Perspektiven zu fordern und zu gewähren, meint Murugan. Manche der Figuren in diesen Geschichten sind zaghaft, unsicher und ihren Ängsten und Vorurteilen unterworfen. Murugan begleitet ihre außergewöhnlichen Aktionen in ihrem gewöhnlichen Alltag mit Empathie, ohne sie zu verurteilen.

Gedichte

Nach Murugans eigener Aussage liegt ihm von allen literarischen Gattungen die Lyrik am nächsten. Er betrachtet die Poesie als ein Allheilmittel gegen jegliche Krise im Leben. „Egal wie belastend die Situation, ich kann sie mithilfe des einen einzigen Wortes überstehen, das in mir Gestalt annimmt“, sagt er. Nach der zweijährigen Schreibpause infolge der Schmähkritik auf seinen Roman Zur Hälfte eine Frau war es der Gedichtband Kozaiyin Paadalgal („Lieder eines Feiglings“), womit er seinen Wiederanfang verkündete. Den Begriff Feigling erklärt er damit, dass es im Leben jedes Menschen einen Moment gebe, wo er sich so fühle oder die Umstände ihn so brandmarkten. Die über 200 Gedichte in diesem Band sind Ergüsse einer aufgewühlten Seele, ein reiches Mosaik von Bildern und Emotionen. Das Gedicht Göttliche Zunge endet mit den Worten:

„Aber meine göttliche Zunge
kennt keine Flüche.
Geht weg, lebt!“

Den Grund für sein Comeback erklärte er in einem Interview, indem er das Gerichtsurteil zitierte. Er habe die letzte Zeile beherzigt, die laute: „Der Schriftsteller soll das wiederentdecken, was er am besten kann – Schreiben“, was ihm zugleich wie ein Befehl und ein Segen klinge.

Engagierte Kunstkollaboration

Poesie und klassische Musik kommen zusammen in den gemeinsamen Initiativen des Sängers und Aktivisten TM Krishna mit Perumal Murugan, zum Beispiel zum Thema Bauernproteste gegen die geplanten und mittlerweile zurückgezogenen Agrarreformen.

Wissenschaftliche Arbeit

Aus seiner Tätigkeit als Professor für Tamil am Government Arts College in Namakkal ergaben sich eingehende Recherchen in die tamilische Literatur, mit Schwerpunkt auf der Region Kongu, woher er stammt. Dazu gehören eine Lexikografie, die Dokumentation der Kongu-Volkstraditionen, eine Anthologie von Texten in Vergessenheit geratener Schriftsteller, insbesondere die Geschichte der Region Kongu von T.A. Muthusamy Konar. Abgesehen von der fiktionalen Behandlung des Kastengefüges und der gesellschaftlichen Hackordnung hat Murugan auch ein Sachbuch zu diesem Thema herausgebracht: Saathiyum Naanum, 2013 („Die Kaste und ich“), ein Sammelband von etwa 30 persönlichen Essays zum Kastenthema – redigiert von Murugan und übersetzt von Ambai unter dem Titel Black Coffee in a Coconut shell – Caste as a lived experience, 2017.

Auszeichnungen (Auswahl)

Im Jahre 2016 wurde der englischen Übersetzung des Romans Mathorubagan (One Part Woman) der Übersetzungspreis der Sahitya Akademi verliehen, die höchste Anerkennung der indischen Regierung. 2005 kam Seasons of the Palm auf die Shortlist für den Kiriyama Preis. Poonachi (The Story of a Black Goat) sowie Trial by Silence und Lonely Harvest (beide Fortsetzungen des Romans Zur Hälfte eine Frau) kamen auf die Shortlist des JCB Prize for Literature im Jahre 2018 bzw. 2019. Die National Book Foundation, USA, setzte Murugan zweimal auf die Longlist der National Book Awards für Literatur in Übersetzung: 2018 mit One Part Woman und 2020 mit The Story of a Black Goat.

2018 wurde Perumal Murugan zu einem der Vize-Präsidenten des PEN International gewählt.

Übersetzungen

Abgesehen von 12 Titeln auf Englisch sind Murugans Werke in zahlreiche indische Sprachen übersetzt worden. Der brisante Roman Mathorubagan wurde von Torsten Tschacher ins Deutsche übersetzt (Zur Hälfte eine Frau, Draupadi Verlag, 2018).

Perumal Murugans Werke in englischer Übersetzung (Penguin, 2020)

Hem Mahesh

Auf Deutsch erschienen

  • Zur Hälfte eine Frau, übersetzt von Torsten Tschacher, Draupadi Verlag, 2018

Leseproben

Rezensionen

Artikel


📄 Dieses Autorenporträt als PDF herunterladen

← Zurück zur Übersicht Autor*innen