Mridula Garg
Zur Person
Mridula Garg (Mṛdulā Garg) wurde am 25. Oktober 1938 in Calcutta geboren und lebt in Delhi. Sie ist eine der bedeutendsten und meistgelesenen zeitgenössischen Autorinnen Indiens und schreibt in fast allen Prosagenres. Vor ihrer literarischen Karriere studierte sie Wirtschaftswissenschaft, graduierte 1960 und lehrte anschließend drei Jahre an der Universität Delhi.
Werk
Bislang hat Mridula Garg etwa 30 Bücher in Hindi publiziert, darunter acht Romane, zwölf Bände mit Kurzgeschichten, vier Theaterstücke und sechs Bände mit Essays. Einige ihrer früheren Werke liegen in ihrer eigenen englischen Übersetzung vor, darunter der 1990 erschienene Kurzgeschichtenband Daffodils on Fire (orig. Daffodil jal rahe hain, 1978) und der 1979 zuerst auf Hindi publizierte Roman Cittakobra (englische Übersetzung Chittacobra 1990), der unter dem Titel Die gefleckte Kobra 1987 auch auf Deutsch erschien.
Mit ihren frühen Werken wie Uske Hisse ki Dhup (Roman 1975; engl. A Touch of Sun, 1978), Daffodil jal rahe hain oder Cittakobra betritt sie literarisches Neuland, indem sie einerseits mit literarischer Form experimentiert, andererseits gesellschaftliche Tabuthemen aufgreift. Die Betonung von Gedankenprozessen und multilinearen Dialogen, um Plot und Charaktere nach und nach zu entwickeln, anstatt sie von vornherein zu konstruieren, sind, laut Mridula Garg, die charakteristischen Merkmale ihres Erzählstils.
Die Themen ihrer Romane sind breitgefächert, jedoch immer gesellschaftskritisch. Freiheit für das Individuum wie für die Gesellschaft ist letztlich das Leitmotiv ihrer Werke, meist dargestellt anhand des Dilemmas, das von gesellschaftlichen Normen abweichende individuelle Überzeugungen hervorrufen, und des Mutes, den es erfordert, sie gegen alle Widerstände durchzusetzen und zu leben. Gargs Protagonisten sind oftmals Frauen, was ihr den Ruf einer Feministin eingebracht hat, als die sich selbst jedoch nicht bezeichnen möchte. Ihre literarischen Werke und Essays haben über die mehr als vier Jahrzehnte ihres Schaffens zu vielerlei Kontroversen geführt. Schon ihr Roman Cittakobra löste wegen angeblich obszönen Inhalts einen Skandal aus: Bücher wurden beschlagnahmt, Garg wurde Opfer einer Hexenjagd und Polizisten kamen, um sie festzunehmen. Eine Verhaftung konnte sie zwar verhindern, die anschließende gerichtliche Auseinandersetzung zog sich aber über Jahre hin. „Der lächerlichste und gleichzeitig unangenehm vertraute Aspekt an der Geschichte war“, so Garg, „dass kaum jemand derjenigen, die Autor und Werk der Obszönität bezichtigten, das Buch überhaupt gelesen hatten. Woran sie Anstoß nahmen, waren einige wenige Passagen, die eine Frau beschreiben, die ihren Gatten einzig als einen Körper betrachtet, mit dem sie Sex hat, während ihr völlig andere Gedanken durch den Kopf rasen.“ Wegen dieser Repressalien erhielt sie 2001 den Hellman-Hammett Grant for Persecuted Writers von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.
Ihr jüngster, zuerst in englischer Sprache erschienener Roman The Last Email (2017) nimmt das Thema von Cittakobra wieder auf: er erzählt die Geschichte zweier Menschen, die über vierzig Jahre, nachdem sie eine Liebschaft miteinander hatten, per Email wieder Kontakt aufnehmen. Der eine ist Kevin, ein schottischer Pfarrer, der sich dem politischen Ringen um die Unabhängigkeit Schottlands verschrieben hat, die andere Maya, eine angesehene Autorin indischer Literatur.
Auch als Kolumnistin ist Mridula Garg in Erscheinung getreten. In ihren Kolumnen setzte sie sich u.a. mit Umweltthemen, Frauenrechten, Kinderarbeit und Literatur auseinander. Für das renommierte Nachrichtenmagazin India Today schrieb sie über mehr als sieben Jahre eine satirische Kolumne namens Kataksh („Spott“).
Für ihr literarisches Werk erhielt Garg zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2013 den Sahitya Akademi Award der indischen Literaturakademie.
Jürgen Neuß
Auf Deutsch erschienen
- Die gefleckte Kobra (Roman). Edition Collage, Hildesheim 1987 (2. Aufl. 1989)
Erzählungen (alle drei in Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien, Kitab-Verlag, Klagenfurt-Wien, 2011):
- Vom Gletscher (Gleśiyar se, Delhi 1980)
- Abscheu (Vitṛṣṇa, aus Urf saim, Delhi 1990)
- An die Stadt (Śahar ke nām, Delhi 1990)
Weiterführende Links
Leseprobe: Abscheu (Vitṛṣṇa)
Es ist kurz vor halb zwei. Halb zwei mittags. Die Sonne steht genau senkrecht am Himmel. Die Hitze hat die Straße leergefegt. In der Nähe gibt es nicht einmal einen Baum, der, so wie ein dünnes Tuch, ein wenig Schatten spenden könnte.
Den Lenker des Motorrades mit den Händen umklammernd, steht Dinesh am Straßenrand. Unter seinem Helm ist es heiß wie in einem Schmelzofen. Er nimmt ihn ab und legt ihn auf den Sitz. Nun prasseln die Sonnenstrahlen vom Himmel wie Peitschenhiebe auf sein entblößtes Haupt. Der Schweiß rinnt ihm vom Kopf über Stirn und Gesicht und sammelt sich unter dem Kragen. Das nasse Hemd klebt ihm am Rücken. Seine Hände und Füße sind schweißnass. Das Gleißen der Sonne lässt rot-orangene Kreise vor seinen ungeschützten Augen tanzen.
Unter solchen Umständen kommt jedem der Gedanke an zu Hause. Gerade zum Schutz vor Hitze und Regen baut sich der Mensch doch Häuser. Vier Wände und ein Dach.
Auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber, liegt seine Wohnung. Er bräuchte das Motorrad nur wenige Schritte weit zu schieben. Bis zum Öffnen der Wohnungstür müsste er dann nur noch den Innenhof durchqueren und einundzwanzig Stufen hochsteigen. Dann wäre er zu Hause. Alles in allem würde das nicht einmal zwei Minuten dauern.
Er schaut noch einmal auf seine Armbanduhr. Ja, es ist fast halb zwei, es ist genau die rechte Zeit. Shalini wird gerade dabei sein zu essen. Wenn er noch länger wartet, wird sie in ihr Zimmer gegangen sein und schlafen. Wenn dann die Türglocke läutet, käme sie zwar bestimmt und öffnete die Tür, doch dann – ihr Gesicht – Dinesh wird es immer unerträglicher.
Sie würde kommen, langsam und schleppend. An ihren Schritten würde er sie erkennen – ihr Gang ist immer der gleiche. Sie würde kommen, den Sperrriegel der Tür öffnen und gleich wieder weggehen. Dinesh müsste die Tür dann selbst aufdrücken. Beim Eintreten würde er, da sie im Weggehen begriffen wäre, einen flüchtigen Blick auf ihren Rücken werfen können, nicht jedoch auf ihr Gesicht. Und dann schlösse sich mit einem Krachen die Tür ihres Zimmers. Er bliebe im äußeren Zimmer zurück, das sie als Wohn- und Esszimmer nutzen. Auf dem Esstisch würde das Essen ordentlich vorbereitet stehen. Ein Teller, nicht zu groß und nicht zu klein. Darauf zwei Schälchen und ein Löffel, daneben ein Becher; auf einem Tablett zwei Schüsseln mit Gemüse, zwei große Löffel zum Auftragen und vier in Tuch gewickelte Brotfladen. Dinesh würde sich zunächst sorgfältig Gesicht und Hände waschen – am Waschbecken würde ein frisches Handtuch hängen –, dann holte er eine Flasche kaltes Wasser und Joghurt aus dem Kühlschrank und nähme schließlich seine Mahlzeit ein. Wenn er wollte, könnte er auch in die Küche gehen und das Essen aufwärmen. Gleich neben dem Gasherd würden sich Streichhölzer finden und eine blankgeschrubbte Bratpfanne. Es gäbe keinerlei Anlass zur Beschwerde.
Wenn er aufgegessen hätte, könnte er es sich in seinem Zimmer gemütlich machen. Auf dem Tisch neben dem Bett steht stets eine kleine Dose voller Anissamen und Kardamomschoten. Er würde einige davon essen und sich dann schlafen legen. Wenn er nicht wollte, dann schliefe er eben nicht.
Auf ihm lastet keinerlei Zwang. Um fünf Uhr steht Shalini auf, bereitet Tee zu und stellt ihn auf den Tisch. Oft geht sie dann mit ihrer Tasse zum Fenster und schaut hinaus. Dinesh weiß, wenn auch er mit seiner Tasse ans Fenster träte, würde Shalini zurück ins Wohnzimmer gehen, irgendeine Zeitschrift aufschlagen und sich hinsetzen.
Wie schwierig ist es doch für ihn, in seinem eigenen Zuhause Zeit zu verbringen. Ab vier Uhr drängt es ihn stets, unter irgendeinem Vorwand nach draußen zu gehen. Doch wenn er vor fünf hinausgeht, muss er Shalini bitten, die Tür hinter ihm zu schließen. Sie wird dann keinen Moment auf ihn warten, sondern, um den Sperrriegel wieder zu schließen, genau in dem Moment kommen, da er die Wohnung gerade verlassen hat. Keinen Augenblick früher. Aus diesem Grund wälzt er sich immer auf seinem Bett hin und her, bis es fünf Uhr schlägt.
Nun ist es halb zwei. Er muss jetzt nach Hause gehen. Er weiß, dass Shalini die Angewohnheit hat, mittags nach dem Essen zu schlafen. Wenn ihr Schlaf gestört wird, bekommt sie davon Kopfschmerzen und manchmal wird dieses Kopfweh dann tagelang nicht besser. Er möchte nicht, dass ihr der Kopf schmerzt, weil er zu spät nach Hause kommt.
Wenn er jetzt sofort nach Hause ginge, könnte es sein, dass er Shalini am Esstisch sitzend anträfe. Dann wäre es nicht nötig zu läuten. Die Tür befindet sich dem Esstisch genau gegenüber und zur Essenszeit schiebt sie den Riegel nicht vor, sondern lässt ihn offen. Er könnte die Tür einfach aufdrücken und eintreten. Shalini säße direkt vor ihm und würde auf dem Tisch seine Mahlzeit bereiten. Genau diesen einen Teller, den Becher, den Löffel, die zwei Schälchen, die Gemüseschüsseln, die in Tuch gehüllten Brotfladen. Eine mit Routine erfüllte kalte Pflicht.
Wenn Dinesh eintritt, hebt Shalini niemals den Kopf, um ihn anzuschauen. Schweigend isst sie ihre Mahlzeit. Woher nur weiß sie, dass es Dinesh und niemand anderes ist, der hereinkommt? Täglich öffnet er deshalb die Tür auf eine andere Art. Vielleicht wird sie ja einmal hochschrecken, den Kopf heben und, wenn sie ihn dann mit einem langen Blick anschaut, auftauen. Und dann... Könnte es nicht sein, dass sie ihn, wenn sie ihn nach Jahren so betrachtete, mit neuen Augen sieht?
„Shalini“, möchte er sagen, „Shalini, ich bin pensioniert worden. Ich habe nun keine Arbeit mehr. Erinnerst Du Dich, Du hast einmal gesagt, dass ich nie Zeit für Unterhaltungen hätte. Wenn ich aus dem Büro käme, brächte ich immer Unterlagen mit. Ständig sei ich in Arbeit versunken. Nun habe ich Freizeit, nur noch Freizeit. Wir können stundenlang dasitzen und miteinander reden. Tatsächlich gehe ich morgens nur aus Gewohnheit aus dem Haus. Ein Wort von Dir, und ich werde nicht mehr weggehen.“ Er möchte ihr noch so viel mehr sagen, aber stattdessen verharrt er im Warten auf den richtigen Zeitpunkt.
Immer nachdem er sich Gesicht und Hände gewaschen hat, setzt er sich Shalini gegenüber auf einen Stuhl. Das Essen ist aufgetragen, doch er schaut unablässig zu ihr hinüber. Wenn sie doch nur den Kopf heben würde, er würde sie mit seinen Worten überschütten. Doch Shalinis Blicke bleiben auf den Teller geheftet, und sobald sie die Mahlzeit beendet hat, räumt sie ihr Geschirr zusammen und steht auf. Es kommt niemals vor, dass benutztes Geschirr auf dem Tisch stehen bleibt oder dass sie gar den Blick hebt und schaut, ob Dinesh bereits aufgegessen hat oder noch isst, ob er bereits aufgestanden ist oder noch am Tisch sitzt. Und noch während Dinesh ihr gegenüber sitzt, verwandelt sich Shalini von einem Gesicht zu einem flachen Rücken. Mit einem Menschen zu sprechen, der einem den Rücken kehrt, erfordert viel Mut. Doch so viel Mut hat Dinesh nicht.
Dennoch, eines Tages, beim Essen, rief er plötzlich: „Shalini!“
Shalinis Körper zeigte keine Regung. Sie teilte sich gerade einen Bissen ab, doch ihre Finger zuckten nicht einmal.
„Shalini!“, rief er mit noch lauterer Stimme.
Shalini aß ungerührt weiter.
„Ich muss Dir etwas sagen“, übertrat er mutig den Graben, der zwischen ihnen lag.
Doch Shalini hob weder den Kopf, noch stockte ihre Hand. Dinesh versuchte in die Stille zu lauschen. Vielleicht hatte sie ihn ja gehört und sagte, ohne es auszusprechen: „Ja, sprecht nur, ich höre zu!“ Doch nein, in dieser Stille lag kein einziges Wort, sie war vollkommen leblos.
„Warum sagst du nichts?“, schrie er schließlich.
„Sie wollen doch etwas sagen, nicht ich“, erwiderte Shalini leise und hüllte sich sogleich wieder in Schweigen.
Die Worte waren wie Staub aufgewirbelt und erstarben, ohne irgendeine Wirkung zu hinterlassen, wieder in der allseits herrschenden Stille. Shalinis Gesicht war regungslos wie zuvor und mit ihrem Gesicht senkte sich ihr Blick. Ihre schmalen Lippen hatten sich nur ganz kurz geöffnet, so dass Dinesh sich in dem Gedanken verfing, ob sie tatsächlich etwas gesagt oder ob er sich das nur eingebildet hatte. Sein Mut schmolz dahin. Nun lagen noch breitere Gräben vor ihm, und um sie zu überschreiten, kam von der anderen Seite nicht die geringste Hilfe. Nichtsdestotrotz hatte er ihr noch viel zu sagen.
„Shalini“, wollte er sie fragen, „vor zwanzig Jahren hattest Du so viel zu sagen, was ist daraus geworden? Wohin sind sie verschwunden, Deine Worte? Wie hast Du Deinen Geist genährt, ohne zu reden? Wie sehr ich damals beschäftigt war. Als du mich damals gefragt hast, ob ich nicht einmal eine Stunde freie Zeit hätte, damit wir uns hinsetzen und miteinander reden können, erwiderte ich, dass nur Leute, die nicht arbeiten müssen, Zeit für Gespräche haben. Wenn Du einen großen Haushalt führen müsstest, dann hättest auch Du keine Zeit für Plaudereien. Warum verstehst Du denn nicht, Shalini, ich hatte damals wirklich keine Zeit. Jetzt habe ich sie. Die Umstände ändern sich und mit ihnen müssen auch wir uns verändern. Schau, hier zu Hause gibt es doch nur uns beide. Wir haben zwar einen Sohn, aber der ist nach Amerika gegangen. Ob er wohl je zurückkehrt? Das, was es zu reden gibt, müssen nun wir miteinander besprechen. Wie soll unser Leben in solcher Schweigsamkeit weitergehen?“
„Ich werde noch einmal versuchen, mit ihr zu reden“, dachte er. Täglich denkt er das. Jeden Tag redet er sich ein, dass einmal die Stille zerreißen und alles gut werden wird. Sie werden ihre Zeit damit verbringen, sich zu unterhalten. Punkt. Und sonst gar nichts. Aber Shalini...
Als er gestern Mittag nach Hause kam, da hörte er bereits vor der Tür Gelächter, das von innen nach draußen drang. Er stutzte. Er stand doch nicht etwa vor einer fremden Wohnung? Einige Male las er das über der Tür angebrachte Schild mit seinem Namen. Ja, das war seine Wohnung. Aber wer war dann dort drinnen? Dieses Lachen entsprang nicht der Kehle einer einzigen, sondern derer zweier Frauen. Wer war das? Die eine war ja Shalini, aber die andere? Die andere konnte irgendjemand sein, doch Shalini war sicher mit dabei. Ungeduldig gab er der Tür einen Stoß und ging hinein. Gegenüber auf dem Sofa saß Mangla, Shalinis jüngere Schwester. Und gleich daneben Shalini. Beide brüllten vor Lachen. Die Stille, die eintrat, als das Lachen mit einem Mal verstummte, schmerzte in seinen Ohren. Da sprach Dinesh: „Ach Mangla, Du bist es! Wie steht's? Wie geht es Dir? Du warst lange nicht mehr da. Bleib sitzen, bleib sitzen. Und wie läuft es denn so? Wie geht es Suresh? Und den Kindern? Wie viele Jahre braucht Madhvi noch, bis sie Ärztin ist? Ach ja... und hast Du einen neuen Film gesehen?“
Er stellte eine Frage nach der anderen. Zwischendurch gab Mangla Antwort. Shalini saß schweigend daneben, dann erhob sie sich. Mangla schaute sie an und zögerte einen Moment. Dann stand auch sie auf.
„He, wo geht ihr hin?“ fragte Dinesh, „setzt euch, setzt euch hin. Esst etwas, bevor ihr geht. Es ist sofort fertig.“
„Aber Schwager, wir haben bereits gegessen“, erwiderte Mangla schüchtern.
„Ihr habt schon gegessen? Oh...!“
„Gut gemacht, sehr gut!“, sprach er, „ich habe mich ja auch reichlich verspätet. Aber kommt doch, setzt euch zu mir an den Tisch. Trinkt einen Kaffee oder Tee. Was möchtet ihr?“
„Nein, Kaffee haben wir auch schon...“
„Komm' mit, Mangla, wir gehen in das andere Zimmer“, sagte Shalini und ging auf das Schlafzimmer zu. Mangla folgte ihr auf den Fersen.
Dinesh blieb zurück – in dem gemütlichen, wohlausgestatteten Wohnzimmer, wo auf dem Tisch sein sorgfältig zubereitetes Essen stand: ausgewogen, nahrhaft und wohlschmeckend.
Ihm war danach, die Gemüseschüsseln zu nehmen und gegen die Wand zu werfen, die Linsen auf den Teppich zu gießen und zu schreien: „Da ist ein Haar im Gemüse! Und in den Linsen ein Stein!“ Shalinis Illusion eines netten, geordneten, reibungslos funktionierenden Haushaltes musste zerstört werden. Wenn sie den Tumult hörte, würde sie aus ihrem Zimmer kommen. Dann würde er auf sie zu springen, sie an der Schulter packen – er war ihr körperlich weit überlegen – und ihren Körper so lange schütteln, bis ihr ein Schrei entglitt.
„Sprich!“, würde er schreien, „sag' irgendetwas! Wenn Du weiterhin schweigst, bringe ich Dich um!“ Daraufhin würde sie sicher irgendetwas sagen.
Er packte die Gemüseschüsseln und schleuderte sie – zurück auf den Tisch. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie irgendetwas Gewalttätiges getan. Und auch jetzt war er dazu nicht fähig. Er wandte sich von dem Essen, das auf dem Tisch verschüttet nun langsam vor sich hin trocknete, ab und ging aus dem Haus.
Während er sich mit dem Hemdsärmel immer wieder den Schweiß von der Stirn wischt, denkt er darüber nach, was wohl geschehen wäre, wenn er gestern tatsächlich irgendetwas Grobes getan hätte. Was dann, Shalini? Hätte er die Abscheu in ihren Augen ertragen können? Wäre sie dann seinem Dasein gegenüber nicht noch gleichgültiger geworden?
Einmal, beim Essen, hatte er, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gesagt: „In den Linsen sind Steine.“ Shalini stand daraufhin schweigend auf, nahm die Schale mit den Linsen und die kleinen Schüsselchen, in denen die Linsen bereits serviert waren, ging zum Abfalleimer und goss ihren Inhalt hinein. „Warum hast Du sie weggeworfen? Ich hätte sie schon gegessen“, hatte er unvermittelt gesagt. Shalini antwortete nicht, aber ihre gesamte Mimik und Gestik machte deutlich, dass sich ihr die Frage nach den Steinen in den Linsen überhaupt nicht stellte. Sie sagte nichts, doch warf sie ihm einen Blick zu, einen Blick, von dem ihm Hören und Sehen verging.
Wie lange will ich noch in dieser brütenden Hitze herumstehen? Wieder wischt er sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn und schaut wehmütig zu seinem Wohnhaus hinüber. Gestern war er abends nicht nach Hause gegangen. Die eine Hälfte der Nacht hatte er im Club, die andere im Park sitzend verbracht. Jetzt muss er nach Hause gehen. Als er erneut hinüberschaut, scheint es ihm, als ob sich der Vorhang am Fenster seiner Wohnung bewege, als ob er halb zur Seite geschoben und dann festgehalten würde. Auch jetzt ruht dort auf ihm vielleicht noch eine Hand. Shalini steht hinter dem Vorhang. Sie schaut aus dem Fenster. Ganz sicher. Was, wenn er nun ganz leise hineingehen, sich hinter sie schleichen und sie an ihrer Schulter packen würde? Sie gewaltsam an sich zöge? Wenn er heute mit ihrem Rücken spräche? Ja, vielleicht war genau das der Fehler, den er immer beging. Stets versuchte er, ihr beim Sprechen in die Augen zu schauen. Er suchte Zuneigung in ihnen, doch stattdessen verschlug ihm die Abscheu, die sie erfüllte, die Sprache. Heute würde er zunächst sagen, was er zu sagen hatte, und erst dann sein Gesicht in ihre Richtung wenden, um sie anzuschauen. Wenn sie seine Worte hörte, würde Shalini vielleicht... Sein Herz beginnt vor tiefer Erregung zu pochen. Sogleich schiebt er das Motorrad weiter vorwärts.
Nach dem Essen ist Shalini ans Fenster getreten. Sie hat den Vorhang zur Seite geschoben. Hätte sie ihn zugezogen und das ganze Fenster verdeckt, dann hätte sie auch den Riegel an der Tür vorgeschoben, wäre in ihr Zimmer gegangen und schliefe. Stattdessen schaut sie aus dem Fenster. Uff, was war das für eine extreme Hitze! Wie viele Jahre waren vergangen, in denen sie niemals in der heißen Jahreszeit hinausgegangen war? Es bestand ja auch keine Notwendigkeit dazu. Wenn sie jemand gefragt hätte, warum ihr die Hitze so zusetzte, hätte sie gesagt: „Kopfschmerzen! Ich weiß nicht, warum Menschen in solcher Hitze sinnlos herumlaufen.“ Nun steht dort, genau vor ihrem Haus, in der sengenden Sonne ein Mann, der sich mit den Händen wie hilflos an ein Motorrad klammert. Vielleicht ist das Motorrad kaputtgegangen. Der Ärmste! Wenn er längere Zeit so in der Sonne steht, wird ihm schwindelig werden und er wird umfallen. Er scheint stark zu schwitzen. Er hat nicht einmal die Kraft, ein Taschentuch aus der Hosentasche zu ziehen. Stattdessen wischt er sich immer wieder mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn.
Aber was bringt es denn, auf diese Weise dort herumzustehen? Er sollte das Motorrad wegschieben. Nun geh' schon, die Reparaturwerkstatt ist zwar nicht gerade in der Nähe, aber auch nicht allzu weit entfernt. Das Herumstehen in solcher Hitze führt doch unweigerlich zu einem Sonnenstich. Als Shalini noch auf dem College war, da hatte sie einmal gesehen, wie einem Arbeiter in der Sonne schwindelig wurde und er umfiel. Wie sehr hatte er sich auf dem Boden liegend gewunden. Innerhalb von fünf Minuten war er tot. Hinterher sagten die Leute, dass er überlebt hätte, wenn er nur rechtzeitig Wasser bekommen hätte. Damals hatte keiner begriffen, was eigentlich vor sich ging. Hier gibt es doch auch kein Wasser in der Nähe. Wer weiß, vielleicht kann er vor Durst das Motorrad gar nicht weiterschieben. Sollte sie nicht zu ihm gehen und ihm ein Glas Wasser bringen? Das könnte doch nicht schaden. Sie öffnet den Kühlschrank, nimmt eine Flasche kaltes Wasser heraus und füllt ein Glas. Dann geht sie zurück zum Fenster und späht noch einmal hinaus. Der Mann steht immer noch so dort. Immer wieder schaut er zu ihrem Haus herüber. Wieso? Er ist doch wohl nicht irgendein Bekannter? Wer ist das? – Wer kann das nur sein…
Sie sieht, wie der Mann, das Motorrad schiebend, ganz langsam in den Hof ihres Hauses kommt. Nun zeigt sich sein Gesicht in aller Deutlichkeit. Oh Gott, das ist ja...! Ihre Augenlider schließen sich. In ihrem Körper breitet sich eine Schwäche aus. Mit einem düsteren Gefühl zieht sie den Vorhang am Fenster zu und, ohne den Türriegel vorzuschieben, geht sie auf ihr Zimmer zu. Im Gehen nimmt sie die auf dem Tisch stehende Flasche mit kaltem Wasser und stellt sie zurück in den Kühlschrank. Wenn nötig, wird er sie sich schon selbst herausnehmen.
Ungeduldig stößt Dinesh die Tür auf und betritt die Wohnung. Vor ihm zeigt sich Shalinis Rücken. Sie geht gerade in ihr Zimmer. Dann schließt sich hinter ihr mit einem Krachen die Tür. Dinesh bleibt alleine in dem gemütlichen Raum zurück.
Deutsche Übersetzung von Jürgen Neuß, Berlin. Aus: Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien, Kitab-Verlag, Klagenfurt-Wien, 2011.
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