Manjul Bhagat (1936–1998)

Manjul Bhagat Manjul Bhagat (1977) Foto aus dem Bucheinband von Anaro

An einem Tag im April 1992 begegnete ich Manjul Bhagat in Delhi zum ersten Mal. Im Vorfeld hatten wir regen Briefkontakt gehabt. Dieser ermöglichte es mir, ihr Leben und ihre philosophisch-literarische Herangehensweise näher kennenzulernen. Sie wollte mich auf jegliche Art und Weise unterstützen. Es war mein Ansinnen, eine Forschungsarbeit über ihr literarisches Werk zu schreiben. Die Idee dafür ging von Prof. Dr. Georg Buddruss, Indologieprofessor in Mainz, aus. Er hatte Manjul Bhagat 1989 bei der Buchmesse in Frankfurt kennengelernt, als der Schwerpunkt auf der Literatur Indiens lag. Die Autorin präsentierte dort und am Südasien-Institut der Universität Heidelberg ihren Roman „Anaro“. Dieser Roman hatte sie in Indien berühmt gemacht. „Anaro“ wurde 1989 von Heidemarie und Indu Prakash Pandey ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht. Manjul Bhagat stand dem Übersetzerehepaar damals beratend zur Seite.

Mit großem Respekt trat ich ihr als junge Frau entgegen, schließlich trifft man nicht alle Tage eine berühmte Schriftstellerin. Doch schnell nahm sie mich mit ihrem höflichen, aber feinen und eleganten Wesen für sich ein. Wir redeten auf Hindi und manchmal auf Englisch, es schien so mühelos, sich mit ihr auszutauschen. Sie machte es mir leicht. Sie war die perfekte Gastgeberin. Nach einem kleinen Lunch machten wir es uns auf dem großen Bett bequem, zwanglos unterhielten wir uns wie langjährige Freundinnen über dies und jenes, über ihre Bücher und ihre Romanfiguren. Manjul Bhagat hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck.

Zur Person

Manjul Bhagat wurde am 22. Juni 1936 in Meerut, Uttar Pradesh, geboren. Die ersten Jahre wuchs sie im Schoße der Großfamilie im feudalen Anwesen ihrer Großeltern auf. Von ihrem fünften Lebensjahr an lebte sie mit ihrer Familie in Delhi. Die Schriftstellerin entstammte als eine von sechs Schwestern einer gut situierten Familie. Der Vater bemühte sich, seinen Töchtern Geschichte und Kultur nahezubringen. Die Erziehung war von einer offenen, fruchtbaren Atmosphäre geprägt. So mag es nicht verwundern, dass neben Manjul Bhagat noch zwei weitere Schwestern schriftstellerisch tätig wurden, und zwar Achla Bansal und die berühmte Mridula Garg.

Manjul Bhagat studierte. Ihr Studium an der Universität von Delhi schloss sie 1955 mit einem Prädikatsexamen und dem „Bachelors of Arts“ ab.

Im Jahr 1960 heiratete sie und wurde 1961 Mutter von Zwillingen. Die ersten zwei Jahre ihrer Ehe verbrachte sie in Kanpur, danach lebte sie fünf Jahre in Bombay und ein Jahr in Jaipur, bis die Familie in Delhi ihren bleibenden Wohnsitz fand.

Beruflich war sie zwei Jahre am Birla Institute of Economic Research tätig. Erste schriftstellerische Gehversuche unternahm sie bereits unter ihrem Mädchennamen Manjul Jain. Sie schrieb Kolumnen in Zeitungen, u.a. in India Today, in denen sie zu Frauenproblemen Stellung nahm oder auf Ratgeberseiten Anregungen gab. Daneben wirkte sie im All India Radio in über 50 Hörspielen als Sprecherin mit. Von 1982 bis 1985 war sie Mitglied des Hindi Salahakar Samiti, einer Institution des Ministry of Broadcasting and Information in Delhi.

Ab 1970 arbeitete sie kontinuierlich an ihrem literarischen Werk. Alle Romane und Kurzgeschichten wurden in Hindi abgefasst. Von ihren Romanen und Kurzgeschichtensammlungen sind besonders zwei Romane berühmt geworden, nämlich Khatul und Anaro.

Der Roman Anaro bekam 1978 gleich zwei Auszeichnungen. Später hatte Anaro aufgrund der vielen Dialoge auch in der Bühnenfassung Erfolg (1986), wurde als Hörspiel aufgeführt und ist auch in der Vorleseversion auf Youtube zu finden.

Ihr zweiter bedeutender Roman Khatul erhielt den Preis der Hindi Academy.

Manjul Bhagat unternahm es später, ihre eigenen Romane Anaro und Khatul sowie einige Kurzgeschichten in ein elegantes Englisch zu übertragen.

Der Literaturwissenschaftler Dr. Indu Prakash Pandey äußerte damals im Nachwort der deutschen Übersetzung, dass sie „zweifellos zu den zehn derzeit bedeutendsten Hindi-Schriftstellerinnen gehört und innerhalb einer neuen Strömung der Frauenbewegung, die gegen Ende der 60-er Jahre entstand, in den 70-er Jahren die Führungsrolle übernahm“.

Am 31. Juli 1998 ist Manjul Bhagat in Delhi verstorben.

Ihr Roman Anaro

Anaro erregte großes literarisches Interesse und machte Manjul Bhagat als Schriftstellerin berühmt. Besonders war, dass in ihm eine „gewöhnliche Frau“ aus der Unterschicht, in der ihr eigenen Gassensprache parlierend, Hauptfigur eines Romans wurde. In Anaro gelang es ihr auf sehr lebendige, eindrucksvolle Weise die Atmosphäre und das Milieu in einem Slumviertel von New Delhi authentisch einzufangen, ohne in Pathos und Klischees zu verfallen.

Manjul Bhagat kommentiert die Figur der Anaro folgendermaßen:

„Anaro vertraut auf die Traditionen. Zugleich betrachtet sie den von eigener Hand erarbeiteten Verdienst – anders als die Unterstützung von traditionellen Beschützern wie Ehemann oder Bruder – als ihre ureigene Macht. Sie hält sich selbst nicht für eine Vertreterin des schwachen Geschlechts. Insoweit ist sie völlig unabhängig. Aber auf emotionaler Ebene hegt sie gegenüber ihrem nichtswürdigen Ehemann so viele Erwartungen, dass sie sich gefühlsmäßig nicht von ihm lösen kann.“

Was bedeutet die Schriftstellerei für Manjul Bhagat, was ist ihr philosophischer Hintergrund?

Manjul Bhagat wurde in ihrem Denken von der existentialistischen Weltsicht Jean-Paul Sartres und der feministischen von Simone de Beauvoir beeinflusst. Für die Autorin war das Schreiben eine Möglichkeit, der Flüchtigkeit des Lebens zu entfliehen und der eigenen Existenz einen tieferen Sinn zu geben. Die Freiheit der Wahl hebt den Einzelnen über die Absurdität des Lebens heraus. Ähnlich postuliert sie auch für die Figuren in ihren Geschichten diese Wahlmöglichkeit. Ihre Helden sollen einen Ausweg aus ihrem persönlichen Dilemma suchen. Nichts ist aussichtslos und grundsätzlich unmöglich, auch jenseits von Kasten- und Klassengrenzen. Speziell ihre Frauengestalten zeichnen sich durch ihren Mut, ihre Zähigkeit und ihr nie enden wollendes Kämpfertum aus, auch wenn sie in ihren Bemühungen nicht immer erfolgreich sind.

Manjul Bhagat repräsentiert als Autorin den Typ der aufgeklärten, sozialreformerisch denkenden Frau. Im Spannungsfeld zwischen Traditionen und Moderne ist es unmöglich, feministische Forderungen radikal umzusetzen. Stattdessen möchte sie den indischen Frauen helfen, sich unter veränderten, modernen Bedingungen zurechtzufinden. Man könnte sie eine Feministin indischer Prägung nennen.

Birgit Groß

Bücher in englischer oder deutscher Fassung

  • Anaro & other stories (2001), ins Englische übersetzt von Manjul Bhagat
  • Khatul (1996), ins Englische übersetzt von Manjul Bhagat
  • The Search and Other Stories (1982), ins Englische übersetzt von Manjul Bhagat
  • Kālā November. The Carnage of 1984 (1994), Syāh ghar ins Englische übersetzt von Saroj Vasishth
  • Anaro oder die Tücken des Alltags (von Delhi). Aus dem Hindi von Heidemarie und Indu Prakash Pandey (1989), in neuer Edition (1992)

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