Krishna Baldev Vaid (1927-2020)
Zur Person
Vaid ist einer der prominentesten Senior-Autoren in Hindi. Wie so viele andere Hindi-Autoren stammt er aus dem heute pakistanischen Teil des Panjab, von wo seine Familie bei der Unabhängigkeit 1947 fliehen musste. Er studierte englische Literatur an der Panjab Universität in Chandigarh und konnte dank eines Stipendiums an der Harvard Universität in den USA mit einer Arbeit über Erzähltechniken bei Henry James promovieren (Harvard University Press 1964). Nach der Promotion kehrte er zunächst nach Indien zurück, nahm aber bereits 1966 wieder eine Stelle in den USA an. Den größten Teil seiner Karriere verbrachte er als Professor für englische Literatur an der Staatlichen Universität von New York, bis er sich 1985 nach der Emeritierung zur Rückkehr nach Indien entschloss. 2010 kehrte er wieder in die USA zurück. Er starb am 6. Februar 2020 in New York.
Als Schriftsteller entschied er sich sehr früh für das Hindi, das seiner Muttersprache Panjabi nahesteht. Seine literarischen Vorbilder sieht er allerdings vor allem in der französischen Literatur der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. In Hindi sieht er sich einerseits in der Tradition des sozialen Realismus, andererseits verweist er aber auch auf weniger im eigentlichen Sinn „progressivistische“ Autoren wie Nirmal Verma, Vinod Kumar Shukla, Ashok Vajpeyi und Krishna Sobti. Manche seiner Kurzgeschichten experimentieren mit surrealen Plots und Erzählstrukturen, die an europäische existentialistische Literatur erinnern.
Ein erster Roman Uskā bacpan (Seine Kindheit) erschien bereits 1957. Der Held dieses frühen Meisterwerks der Hindi-Literatur ist hier ein Kind, dessen Spiel inmitten eines ökonomisch unsicheren und von familiärer Gewalt geprägten Umfelds zum Bild für die fragile Situation des Menschen überhaupt wird.
Wie auch spätere Werke übersetzte er seinen eigenen Roman unter dem Titel Steps in Darkness selbst ins Englische. Auch zwei Sammlungen von Kurzgeschichten erschienen in englischer Übersetzung, Silence (1972) und The Sculptor in Exile (2014). Über viele Jahre hinweg war er ein äußerst produktiver Autor und Übersetzer: In Hindi erschienen elf Romane, sieben Dramen sowie vier Bände mit literarischen Tagebüchern und 13 Sammlungen von Kurzgeschichten sowie seine gesammelten Kurzgeschichten in zwei Bänden. Daneben betätigte sich Vaid auch als Übersetzer aus dem Englischen ins Hindi. Bekannt sind vor allem seine Übersetzungen von Samuel Becketts Warten auf Godot und Endspiel ins Hindi (1968).
Neben den Übersetzungen ins Englische liegen auch solche in andere Sprachen vor, darunter Französisch, Polnisch, Russisch, Japanisch und Deutsch. Im Zentrum stehen meistens Angehörige der unteren Mittelschicht, deren Hoffnungen und Traumata, nicht zuletzt das Trauma der Vertreibung unter Lebensgefahr bei der Unabhängigkeit 1947.
Das Tagebuch eines Dienstmädchens ist in einer deutschen Übersetzung von Anna Petersdorf beim Draupadi-Verlag und beim Unionsverlag erschienen. Eine französische Übersetzung stammt von Annie Montaut. Das fiktive Tagebuch ist eine Art innerer Monolog des jungen und ungebildeten Dienstmädchens Shano, die wie schon ihre Mutter in unsicheren Anstellungsverhältnissen arbeitet – am Ende bekommt sie die ersehnte Festanstellung, beschließt aber die Kündigung – und dabei das Innenleben wohlhabender Haushalte in Delhi kennenlernt. Alltägliches Leben und Abgründe menschlicher Beziehungen liegen nicht nur bei ihren Arbeitgebern, sondern auch in ihrer eigenen Familie nahe beieinander. Hinter der Fassade der Wohlanständigkeit liegen unglückliche Liebe, Ausbeutung, Kriminalität, Gewalt und Selbstmord. Doch Shano hat ihre Lebensform akzeptiert, einen Ausbruchsversuch gibt es nicht.
Vaid hat sich oft kritisch gegenüber Tendenzen der modernen Hindi-Literatur und ihren Diskursen geäußert. Er kritisiert vor allem den „journalistischen Stil“ vieler Hindi-Autoren und fordert eine vertiefte Textarbeit der Autoren, Arbeit an der Form. Damit hat er sich manche seiner Zeitgenossen in der Welt der Hindi-Literatur zum Gegner gemacht, die ihm vorwerfen, erzähltechnisch zu nahe an den Vorbildern in der europäischen Literatur und auch zu wenig politisch zu sein. Hohe Literaturpreise sind ihm daher versagt geblieben. Trotzdem wird er heute als ein Nestor der Hindi-Literatur weitgehend anerkannt.
Heinz Werner Wessler
Auf Deutsch erschienen
- „Wir Inder“ (Kurzgeschichte, übersetzt von Rita Seuß), in Zwischen den Welten. Geschichten aus dem modernen Indien, hrsg. von Cornelia Zetsche, Frankfurt/Leipzig: Insel Verlag 2006, S. 106-114
- Tagebuch eines Dienstmädchens (Roman, aus dem Hindi übersetzt von Anna Petersdorf), Zürich: Unionsverlag 2014 (auch als E-Book erhältlich)
Rezension
Interview
- Interview mit Krishna Baldev Vaid (in englischer Sprache)
Leseprobe: Tagebuch eines Dienstmädchens
Für alle arbeitenden Frauen,
in denen ich Shano wiedererkenne.
Ma sagt, Sahibs und Memsahibs sind von Natur aus bösartig. Trau keinem von ihnen!, sagt sie, sie kennen kein Mitleid mit uns. Glaub nie, was sie sagen! Ma hat ihr Leben lang die Töpfe anderer Leute geschrubbt. Darüber ist sie alt geworden. Sie tut mir leid. Aber ich bin auch wütend auf sie. Auf Bapu allerdings noch mehr. Ohne Ma wären wir alle längst tot. Bapu eingeschlossen. Er ist seit einer Ewigkeit krank und hat keinen Job. Ma sagt: Jetzt ist er krank, aber der Nichtsnutz hatte nie was anderes im Kopf, als wie er an die nächste Flasche Schnaps kommt. Inzwischen kann Bapu kaum noch was essen oder trinken. Er behält nichts mehr bei sich. Seine Leber ist hin. Soll er doch krepieren!, sagt Ma, lieber heute als morgen. Und dann fängt sie an zu weinen. Bapu tut mir leid, aber ich bin auch wütend auf ihn. Ma jagt mir manchmal Angst ein, aber wenn sie Bapu beschimpft, werde ich wütend. Auf mich selbst bin ich auch oft wütend. Manchmal könnte ich mich vor Wut in Stücke reißen. Ma sagt, Mädchen sollten nicht so wütend werden. Schau mich an, sagt sie, was ich alles durchgemacht habe! Tagein tagaus muss ich mir den Schwachsinn deines Vaters anhören und anderer Leute Töpfe schrubben. Darüber bin ich alt geworden.
Ich werde auch für andere Leute schuften, bis ich alt bin. Wie Ma. Und meine Kinder auch. Und ich werde jemanden heiraten, der wie Bapu krank und arbeitslos ist. Warum denke ich das eigentlich? Ich will gar keine Kinder und heiraten will ich auch nicht. Wie willst du das denn verhindern?, sagt Ma. Alle Frauen kriegen Kinder, das ist unser Schicksal. Schicksal! Karma! Ich brauche dieses Zeug nicht. Du bist doch verrückt!, sagt Ma. Wenn ich es noch nicht bin, dann werde ich es bald. Ich muss mit dieser Arbeit aufhören. Ich hätte die Schule nicht abbrechen sollen. Dann hätte ich die zehnte Klasse schon längst fertig. Und was dann? Dann wäre ich ein Dienstmädchen mit Schulabschluss. Jetzt bin ich ein Dienstmädchen, das die achte Klasse abgebrochen hat. Ich werde ewig Töpfe schrubben und darüber alt werden wie Ma. Aber heiraten werde ich nicht. Und auch keine Kinder bekommen. Ich bin modern. Ein modernes Dienstmädchen. Jetzt muss ich lachen und weinen.
***
Als ich heute bei der fetten Memsahib Staub gewischt habe, hat sie wieder mit mir gemeckert: Sag mal, woher nehmen Leute wie ihr eigentlich diese Energie? Liegt das an eurer Ernährung? Willst du denn alles kaputt machen! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du nicht so hetzen sollst! Aber du schmeißt hier mit den Sachen rum! Und auch noch mit dem teuren Porzellan! Was hast du eigentlich im Kopf? Hirn oder Stroh?
Die Fette meckert ohne Pause. Ich hätte Lust, sie mal richtig anzuschreien. In Gedanken tue ich das auch. Irgendwann schleuder ich ihr noch den Staublappen ins Gesicht! Ma versucht mich zu beruhigen: Wenn sie so gerne an dir herummäkelt, dann lass sie doch! Bleib ruhig und mach deine Arbeit. Sobald du ein anderes Haus findest, hörst du bei ihr auf. Ma sagt, alle Memsahibs meckern für ihr Leben gern. Manche mehr, manche weniger. Manche im Stillen, manche laut. Sie hat Recht. Die Memsahibs sind alle gleich. Misstrauischer und knausriger, als man es sich vorstellen kann! Und die Sahibs sind Lustmolche. Aber die Fette quatscht schon extrem viel. Wenn sie mal krank ist, bin ich richtig froh. Obwohl sie selbst im Bett noch nervt! Ihr Mann tut mir leid. Der Arme ist ein richtiger Jammerlappen. Ein dünnes Hemd. Mir ist aufgefallen, dass dicke Frauen oft dünne Männer haben. Und dünne Frauen dicke Männer. Keine Ahnung, warum. Ma sagt, das ist das Spiel der Natur. Mir kommt es eher wie ein schlechter Scherz vor. Dünne Männer sind oft Schwächlinge, dicke Männer herrisch. Dicke Frauen auch.
Die Fette ist neidisch auf mich, weil sie weiß, dass ich schöner bin als sie. Ihr Mann weiß das sicher auch. Das arme Würstchen. Alle Memsahibs sind auf ihre jungen Dienstmädchen eifersüchtig. Sie sehen in uns Konkurrentinnen und haben Angst, wir könnten ihnen die Männer ausspannen. Ma meint, manche Dienstmädchen tun das auch. Sie sagt auch, ich muss mich vor den Sahibs in Acht nehmen. Und vor ihren Söhnen. Ich habe keine Ahnung, was Ma in ihrem Leben alles gesehen und durchgemacht hat. Nach dem, was sie so andeutet, muss es einiges sein. Vielleicht sogar alles. Mal sehen, was ich noch alles durchmachen muss. Einmal, als ich gerade das Badezimmer der Fetten putzte, ging plötzlich die Tür auf und ihr Mann kam rein. Der Arme hat wohl nicht gewusst, dass ich dort war, denn als er mich sah, prallte er zurück und stürzte raus. Ich habe die Tür wieder zugedrückt, weil die Fette sich immer aufregt, wenn beim Putzen Wasser aus dem Badezimmer spritzt. Vor der Tür legte sie gleich los: Sag mal, hast du überhaupt keinen Anstand! Was hast du da im Badezimmer zu glotzen? Dieses Luder kennt wirklich keine Scham und du erst recht nicht! Aber damit ist jetzt genug. Ich schmeiß die kleine Hure raus!
Sie ließ gar nicht mehr von ihm ab, und ich stand im Badezimmer und lauschte, denn schließlich veranstaltete sie dieses ganze Theater nur wegen mir. Das machte mich zwar wütend, aber irgendwie musste ich auch lachen. Keine Ahnung, warum. Als ich später aus dem Badezimmer kam, war sie immer noch dabei. Der arme Mann tut mir leid, aber er macht mich auch wütend. Warum langt er ihr nicht einfach eine? Warum schreit er sie nicht an? Wahrscheinlich ist er ins Bad gekommen, weil er sich waschen wollte. Kurz habe ich überlegt, ob er vielleicht wirklich Hintergedanken hatte. Nein, auf keinen Fall. Das dünne Hemd fürchtet sich zu sehr vor der Fetten. Er würde sich nicht mal trauen, mich schräg von der Seite anzusehen. Als er so zusammengefahren und rücklings aus dem Badezimmer gestolpert ist, musste ich lachen. Wenn die Fette das gehört hätte! Sie droht dauernd, mich rauszuschmeißen. Aber sie macht es nicht und wird es auch in Zukunft nicht tun. Heutzutage ist es nämlich gar nicht so leicht, ein gutes Dienstmädchen zu finden. Außerdem ist der Sohn der Fetten auf meiner Seite. Er betont immer, wie sauber und ordentlich ich bin und dass ich gute Arbeit leiste. Der Sohn ist genauso fett wie seine Mutter. Kinder von Fetten sind meistens fett und Frauen werden oft fett, nachdem sie Kinder bekommen haben. Wahrscheinlich werde ich auch mal fett. Nein, auf keinen Fall! Ich bekomme ja gar keine Kinder. Wozu auch? Sie müssten nur ihr Leben lang die Badezimmer fetter Leute putzen. Das Bad der Fetten ist immer richtig dreckig. Vor allem, nachdem sie geduscht hat. Ich möchte nicht wissen, wo sie den ganzen Dreck herholt. Fette Leute machen fetten Dreck. Alle paar Tage benutzt sie Haarentfernungscremes und lässt die Haare liegen. Manchmal spüle ich sie einfach den Abfluss runter. Und wenn der dann verstopft ist, regt sie sich wieder auf. Soll sie doch schreien. Was juckt mich das.
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© Draupadi Verlag, 2012
