Ismat Chughtai (1915–1991)

Zur Person

Ismat Chughtai Ismat Chughtai Foto: Wikimedia

Ismat Chughtai (Iṣmat Cughtā’ī, 1915–1991) gilt als eine der bedeutendsten Erzählerinnen des Urdu im 20. Jahrhundert. Sie wurde in Badayun (UP) als jüngstes von zehn Kindern geboren. Ihr Vater war Jurist und Verwaltungsbeamter und stieg bis zum Rang eines Deputy Collector auf. Da ihre älteren Schwestern früh verheiratet wurden, wuchs sie vor allem mit den Brüdern auf, was wesentlich zu ihrer Persönlichkeit beitrug. Ihr liberaler Vater gab ihr dieselben Chancen wie den Söhnen, auch im Bereich der Bildung, und förderte so ihr rebellisches Temperament. Sie widersetzte sich einer arrangierten Ehe und erkämpfte sich gegen den Widerstand ihrer Mutter die Erlaubnis zu studieren.

Ismat wuchs in einer literarisch interessierten Familie auf. Ihr Bruder Mirza Azim Beg Chughtai (1898–1941), ein erfolgreicher Humorist und Schriftsteller, wurde zu ihrem ersten Lehrer und Mentor. Ihm hat sie später in einem literarischen Porträt ein Denkmal gesetzt. In ihrer Jugend las sie zuerst romantische Geschichten in Urdu, auf Rat ihres Bruders dann Thomas Hardys Romane, gefolgt von Dostojewski, Somerset Maugham, Tschechow und O'Henry, den sie als ihr Vorbild bezeichnete. Im Urdu wurde Premchand (1880–1936) zu ihrem Lieblingsautor. Ihn lernte sie persönlich kennen, als sie 1936 am ersten Treffen der Progressive Writers' Association in Lucknow teilnahm. Dort traf sie auch die Ärztin und Schriftstellerin Rashid Jahan (1905–1952), die sie später als ihr größtes Vorbild beschrieb.

Nach ihrem BA-Abschluss 1936 wurde Ismat 1937 Direktorin einer Mädchenschule in Bareily. 1939 kündigte sie diese Stelle, um sich für einen Kurs in Lehrerausbildung (BT) an der Universität Aligarh einzuschreiben, und war dort eine der ersten muslimischen Absolventinnen. Von 1940 bis 1941 unterrichtete sie an einer Schule in Jodhpur und wurde danach Schulinspektorin in Bombay. 1942 heiratete Ismat ohne Einverständnis der Familie den Filmemacher Shahid Latif, mit dem sie schon längere Zeit befreundet gewesen war. Schon im selben Jahr kam ihre erste Tochter zur Welt, eine zweite dann 1952. Bis zu Shahid Latifs Tod 1967 realisierten Ismat und er gemeinsam zahlreiche Filmprojekte, die zum Teil auf Ismats Werken und Drehbüchern basierten. Auch nach Shahid Latifs Tod blieb Ismat eng mit der Filmindustrie in Bombay verbunden.

Ismat engagierte sich auch weiterhin in der Progressive Writers' Association und nahm an deren Konferenzen teil. 1954 reiste sie zu einer Friedenskonferenz in Finnland. Im selben Jahr besuchte sie China und 1955 mit dem Urdu-Dichter Ali Sardar Jafri, einem der führenden Köpfe der progressiven Bewegung, Moskau. 1976 fuhr sie zum ersten Mal seit der Teilung Indiens und dann noch einmal 1985 nach Pakistan, wo einige ihrer Geschwister lebten. 1978 bereiste sie erneut die UdSSR und besuchte außer Moskau auch Taschkent, Leningrad (heute Petersburg) und die Pamirregion. 1991 starb sie in Mumbai.

Das literarische Schaffen

Ismat begann 1924 kleine romantische Geschichten zu schreiben, die aber unveröffentlicht blieben. 1937 verfasste sie ihr erstes Essay über ihre Kindheitserinnerungen. Ab 1938 wurden ihre Texte in renommierten Literaturzeitschriften veröffentlicht. Bis zu ihrem Lebensende schrieb sie regelmäßig nicht nur für literarische, sondern auch für mehrere populäre Magazine. Daneben erschienen ihre Kurzgeschichten, Hörspiele und Essays ab 1941 auch gesammelt in Buchform. Erinnerungen an Stationen ihres Lebens, die sie mit Kommentaren zur Lage von Frauen in der indischen Gesellschaft und anderen sozialen Themen verband, fasste sie 1981 zu dem Band Kāghazī hai paihāran („Ein Hemd aus Papier“) zusammen. Dieser Band stellt nicht nur eine wichtige Quelle zu ihrer Biographie dar, sondern gewährt so auch direkte Einblicke in ihre Überzeugungen.

1939 erschien Ẓiddī („Ein Sturkopf“), ihr erster Kurzroman, der 1948 verfilmt wurde. Weitere Romane und Novellen folgten, außerdem Kindheitserinnerungen und Drehbücher für mehrere Bollywood-Filme, von denen Garam Havā („Heißer Wind“, 1973) und Junūn („Blinder Wahn“, 1979) mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurden. Im Drehbuch zu Garam Havā nahm Ismat Motive ihrer meisterhaften Kurzgeschichte Chauthī kā joṛā („Das Brautkleid“, veröffentlicht 1946) auf, die von der Tragödie eines jungen Mädchens handelt, das ohne Mitgift jede Hoffnung auf Verheiratung aufgeben muss und unter jämmerlichen Bedingungen stirbt. Im Film stellt die Teilung Indiens und die Emigration vieler Muslime nach Pakistan den Hintergrund für eine Tragödie dar, die mit dem Selbstmord des Mädchens endet.

Ismat schrieb über die Dinge, die sie am besten kannte: das Leben in einer weitläufigen Großfamilie, die Atmosphäre in Mädchenschulen und -internaten, die literarischen Zusammenkünfte der Progressiven und Bollywoods Filmwelt. Viele ihrer Geschichten beruhen auf wahren Vorfällen. So dienten Kindheitserinnerungen auch als Hintergrund für Liḥāf („Die Steppdecke“, 1942), eine ihrer berühmtesten Kurzgeschichten, die ihr einen Prozess wegen Obszönität einbrachte, da in ihr eine lesbische Beziehung angedeutet wird. 1945 fuhr sie, begleitet von Saadat Hasan Manto (1912–1955), zur ersten Anhörung ihres Falls, dem 1946 eine zweite folgte. Den Aufenthalt in Lahore und den Verlauf der Anhörungen, die in einem Freispruch endeten, hat sie sehr amüsant beschrieben. Manto und Ismat verband seither eine enge Freundschaft, die von offener Kritik, aber gleichzeitig tiefem gegenseitigem Verständnis geprägt war. Ismat hat diese Beziehung in ihrem Porträt über Manto Merā dost, merā dushman („Mein Freund, mein Feind“) eindrucksvoll beschrieben. Sie verfasste auch eine Verteidigung Mantos, als nach seinem Tod Schriftstellerkollegen in Pakistan zu einer Generalverurteilung seiner Person ansetzten.

1945 erschien Ismats wohl wichtigster Roman Ṭeṛhī lakīr (englisch: The Crooked Line, 1995). Er bietet vor allem in seinem ersten Teil, der stark autobiographisch geprägt ist, ein gutes Bild ihres familiären Umfelds, ihres Studiums und ihrer ersten Berufsjahre. Der Hauptfokus liegt hier, wie in all ihren Erzähltexten, auf dem Leben der Frauen in der indischen Gesellschaft mit den vielfachen Beschränkungen, denen sie unterworfen sind. Der Roman erlaubt tiefe Einblicke in die kindliche Psyche, wie man sie in der Urdu-Literatur zuvor kaum gefunden hat, und rechnet kritisch mit dem Verhältnis der Geschlechter im intellektuellen Milieu ab, das bei vielen Männern trotz aller progressiven Rhetorik von romantischen Klischees und einem eher konventionellen Frauenbild bestimmt wurde. Ihrer radikalen Ablehnung der Segregation von Frauen und ihrer Beschränkung auf die Rollen als Ehefrau und Mutter hat sie daneben in zahlreichen Essays Ausdruck verliehen.

Ihre Erfahrungen in Bollywood verarbeitete Ismat in dem an die Figur des berühmten Regisseurs und Schauspielers Guru Dutt (1925–1964) angelehnten Kurzroman Ajīb ādmī (1968; englisch: A Very Strange Man), der sicher nicht zu ihren Meisterwerken gehört, aber zum ersten Mal derart ungeschönte, psychologisch tiefe Einblicke in das Filmmilieu erlaubte. Die Autorin zeigt hier, wie das komplizierte Verhältnis der Geschlechter zwischen Kalkül und Leidenschaft, finanzielle Probleme und ständiger Zeitdruck, die schwierige Balance zwischen Kommerz und ästhetischem Anspruch, hemmungsloser Alkoholmissbrauch und ungesunder Arbeitsrhythmus nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die Ehefrau und andere Mitglieder des Filmsets in den körperlichen und psychischen Ruin treiben.

In ihren Essays hat sich Ismat auch zur Literatur ihrer Zeit geäußert und ein progressives Credo verkündet, das auf striktem Realismus und sozialkritischem Engagement beruhte. Dabei schreckte sie nicht vor Kritik an Zeitgenossen zurück, die dieser gegen Ende der 1940er und Beginn der 1950er Jahre doch sehr engen, dogmatisch ausgelegten Literaturauffassung der Progressiven nicht entsprachen. Hier verrät sie dieselbe Streitlust, schonungslose Offenheit und Ehrlichkeit, die ihr die Zeitgenossen schon zu Lebzeiten bescheinigten und die auch ihre literarischen Werke auszeichnet. In ihrem eigenen Schaffen blieb Ismat ihrem Credo ihr Leben lang treu. Zu ihrer unverkennbaren Handschrift gehören ausdrucksstarke Metaphern, konkret gezeichnete, realistische Spielplätze und lebendige Figuren, die eine von reicher Idiomatik kolorierte Umgangssprache sprechen. Mit ihren zahlreichen Details und der großen Bandbreite treffend gezeichneter sozialer Milieus sind die Texte zudem oft wichtige ethnographische Quellen. Wenn sie auch heute noch gelesen werden, basiert das allerdings vor allem auf dem Lesevergnügen, das ihre so lebendig erzählten Geschichten bereiten.

Christina Oesterheld

Übersetzungen (Auswahl)

Deutsch:

  • „Kindheitserinnerung“ (S. 431–432), Die Steppdecke (S. 432–444), Manto: „Ismat und ihre ‚Steppdecke‘“ (S. 444–445), in: Allahs indischer Garten. Ein Lesebuch der Urdu-Literatur. Übersetzt und herausgegeben von Ursula Rothen-Dubs. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1989
  • Das Brautkleid und andere Erzählungen. Aus dem Urdu übersetzt von Christina Oesterheld und Ursula Rothen-Dubs, aus dem Englischen von Axel Monte. Berlin: Lotos Werkstatt, 2017

Englisch (Auswahl):

  • The Quilt and Other Stories. Transl. by Tahira Naqvi. New Delhi: Kali for Women, 1990
  • The Crooked Line. Transl. from the Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Kali for Women, 1995
  • My Friend, my Enemy: Essays, Reminiscences, Portraits. Translated and introduced by Tahira Naqvi. New Delhi: Kali for Women, 2001
  • A Very Strange Man (Ajeeb aadmi): a novel. Transl. from the original Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2007
  • Masooma: a novel. Transl. from the original Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2011
  • A Chughtai Quartet. Transl. from the Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2014
  • Kaghazi hai pairahan. The Paper Attire. Transl. by Noor Zaheer. Karachi: Oxford University Press, 2016
  • The Three Innocents, & Ors.: Chughtai on Childhood. Transl. from the original Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2017
  • One Drop of Blood: The Story of Karbala, a novel. Transl. from the original Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2020
  • The Collectors' Chughtai: Her Choicest Stories. Transl. from the original Urdu by Tahira Naqvi. New Delhi: Women Unlimited, 2021

Auszeichnungen

  • 1976: Padma Shri Award, die vierthöchste zivile Auszeichnung Indiens
  • 1977: Ghalib Award des Ghalib-Instituts in Delhi
  • 1979: Makhddoom Literary Award der Andhra Pradesh Urdu Akademi
  • 1982: Soviet Land Nehru Award
  • 1989: Iqbal Samman der Rajasthan Urdu Akademi

Angesehene Literaturzeitschriften Indiens und Pakistans widmeten ihr Sondernummern, ihre Kurzgeschichten und Essays wurden in Indien und Pakistan mehrfach zu Werkausgaben zusammengestellt und ihre Werke wurden außer ins Englische auch in zahlreiche indische Sprachen übersetzt.

Auf Deutsch erschienen

  • Das Brautkleid und andere Erzählungen. Lotos Werkstatt, Berlin 2017

Leseprobe

Rezensionen

Quellen

  • Tahira Naqvi, „Introduction“, in The Quilt and Other Stories, New Delhi: Kali for Women, 1990, vii–xix
  • Ismat: Her Life, Her Times. Edited by Sukrita Paul Kumar. New Delhi: Katha, 2000

Weiterführende Links


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