Habib Tanvir

Zur Person

Habib Tanvir Habib Tanvir bei der Probenarbeit, Bonn 2006 Foto: T. Schein

Habib Tanvir (Habīb Tanvīr), geboren 1923 in Raipur/Chhattisgarh, gestorben 2009 in Bhopal/Madhya Pradesh, wurde bekannt als Schauspieler, Dramatiker und Theater-Regisseur.

Von 1945 bis 1954 arbeitete er in Bombay als Journalist, schrieb Film-Songs auf Urdu und Hindi und schloss sich der IPTA (Indian People's Theatre Association) an, die der Kommunistischen Partei Indiens nahestand.

1954 zog er nach Delhi, wo er im Hindustani Theatre arbeitete. Dort entstand sein erstes bedeutendes Stück, Agra Basar. Es spielt um 1810 auf dem Markt von Agra, einst Hauptstadt des längst im Niedergang begriffenen Mogulreiches, das allmählich von der britischen Kolonialherrschaft abgelöst wird. Das Stück zeigt das Leben und Treiben auf dem Basar, unterschiedliche Händler und ihre Kunden, die Buchhandlung, in der sich die örtliche Intelligentsia trifft, und das Etablissement der schönen Benazir, in das es die Liebeshungrigen lockt. Eine mehrmals auftretende Gruppe singender Fakire begleitet und kommentiert das Geschehen mit Liedern des volkstümlichen Urdu-Dichters Nazir Akbarabadi (1740–1830). Agra Basar wurde zu einem modernen Klassiker der indischen Bühne und erlebte zahlreiche Aufführungen, viele davon unter freiem Himmel. Zur Biennale Bonn-Indien 2006 wurde Tanvir mit der Laien-Schauspielertruppe des von ihm gegründeten Naya Theatre aus Bhopal eingeladen.

1955 bildete sich Tanvir in England in Schauspiel und Regiearbeit weiter, 1956 verbrachte er acht Monate in Berlin, wo er mehrere von Bertolt Brechts Berliner Ensemble inszenierte Stücke sah. Brechts episches Theater gab seinem späteren Schaffen wichtige Impulse. Von nun an ruhte seine Arbeit als Autor und Regisseur auf zwei Säulen: der Graswurzel-Tradition des indischen Volkstheaters und den von Brecht eingeführten Innovationen. Tanvirs Theaterschaffen hatte immer eine politische Dimension. In den 1980er und 90er Jahren arbeitete er intensiv mit der von Safdar Hashmi gegründeten Straßentheatergruppe Jan Natya Manch zusammen.

Von 1972 bis 1978 gehörte Tanvir der Rajya Sabha an, der Länderkammer des indischen Parlaments.

Werke

Zu den bekanntesten seiner 15 Stücke gehören:

  • Agra Bazar (1954)
  • Mitti Ki Gaadi (1958, „Der Lehmkarren“, Adaptation des Sanskrit-Stücks Mricchakatikam von Shudraka)
  • Charandas Chor (1975, „Der Dieb Charandas“)
  • Ponga Pandit („Der dusslige Pandit“, Tanvirs Version einer populären Satire über einen nach außen frommen brahmanischen Priester, der eine Liebesbeziehung zu einer „unreinen“ kastenlosen Frau unterhält)
  • Moteram ka Satyagrah (1988, Bühnenadaptation der Erzählung Pandit Moteram Shastri ka Satyagrah von Premchand)

Auf Deutsch erschienen

Agra Basar. Schauspiel in zwei Akten, Draupadi Verlag, Heidelberg 2007. Darin auch der Essay „Je näher an Brecht, desto indischer“ von Vasudha Dalmia.

Verfilmungen

Charandas Chor (1975, Regisseur: Shyam Benegal)

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Sangeet Natak Akademy Award (1969)
  • Padma Shri (1983)
  • Padma Bhushan (2002)

Reinhold Schein

Leseprobe: Basar auf Reisen

Nachwort zu Agra Basar von Steffen Kopetzky, mit freundlicher Genehmigung des Draupadi Verlags, Heidelberg

Ein gehörig durcheinander gewirbelter Terminplan führte dazu, dass das erste Stück indischen Theaters, das ich in meinem Leben zu sehen bekam, Habib Tanvirs Agra Basar war. Es stand auf dem Programm des wichtigsten indischen Theaterfestivals, ausgerichtet von der National School of Drama in New Delhi.

Es war ein wunderbar milder Januarabend, und schon von weitem konnte man den Ort der Spielstätte ausmachen, weil die Leute bis auf die Straße hinaus standen und der rollende Verkehr an dieser Stelle fast zum Erliegen gekommen war.

Die Menschenmenge war so riesig, dass man gar nicht an ein Theaterstück, sondern eher an eine Filmpremiere und die Anwesenheit irgendwelcher Filmstars denken mochte, und sie bestand auch gar nicht nur aus zukünftigem, in die Vorstellung drängenden Publikum, sondern die Menge selbst war so spektakulär, dass sich zahllose Schaulustige dazu gedrängt hatten, die vielleicht gar nicht das Geld hatten, die Vorstellung zu besuchen, sondern nur sehen wollten, was sich da eigentlich abspielte.

Bald fand ich mich hoffnungslos eingekeilt zwischen Menschen jeden Alters, jeden Körperumfangs und unterschiedlicher persönlicher Hygiene, erlebte ein indisches Gedränge, wie man es vielleicht vor allem von Szenen auf indischen Bahnsteigen kennt, kurz bevor der wichtigste und letzte Nahverkehrszug den Bahnhof verlässt. Es war meine erste Begegnung mit dem zwischen berauschter Begeisterung und dem Leiden unter dem Eingequetschtsein changierende Phänomen eines indischen Menschenauflaufs, und nie werde ich vergessen, wie einen halben Meter vor mir ein jüngerer Mann, der vielleicht ein Bankangestellter oder ein Computerspezialist sein mochte, seinen linken Arm in Zeitlupe aus unliebsamer Fesselung befreite, am Rücken eines gleichfalls eingequetschten Mitmenschen entlang streifte und mit dem rechten Bewegungsfreiraum zu schaffen versuchte, um sich umdrehen zu können: Er war mit solcher Konzentration dabei, als handele es sich um ernsthafte Arbeit, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und es war faszinierend, ihn bei seiner hochkonzentrierten, irgendwo an Yoga erinnernden Befreiungsaktion zu beobachten, so lange zumindest, bis eine tektonische Umwälzung in meinem Rücken mich weiter Richtung Zentrum drückte und ich ihn aus den Augen verlor, weil mein Gesicht seitlich flach an dem Rücken eines dürren, aber zäh seine Position verteidigenden älteren Herrn zu liegen kam und ich zusehen musste, nicht nach unten gedrückt und zu Fladenbrot zertrampelt zu werden.

Nach einer guten halben Stunde allerdings saß ich wohlbehalten auf meinem Platz, schwer beeindruckt von jenem gewaltigen Andrang, der – so erklärte mir mein indischer Begleiter – mit dem einzigartigen Ruf zu tun hatte, den diese Produktion im Bewusstsein des indischen Theaterpublikums genoss.

Ohne ein Wort zu verstehen, folgte ich – wie man das als herumreisender Theaterscout eben so macht – eher dem visuellen Eindruck der Inszenierung, seiner erstaunlichen Figurenfülle und ihren immer wieder von Musik und Gesang strukturierten Auf- und Abgängen. Die Volkstümlichkeit des Szenarios und der Figuren stand in einem erstaunlichen Gegensatz zur unerschütterlichen Professionalität der Akteure – denn immer wieder erzwang das Publikum eine Unterbrechung des Spiels, durch heftiges, den ganzen Saal erfassendes Gelächter, Zwischenapplausstürme und einmal sogar durch den lauthals und vielkehlig vorgetragenen Wunsch, ein bestimmtes Lied möge sofort noch einmal wiederholt werden: was dann auch auf das Selbstverständlichste geschah.

Fast kam es mir vor, als wäre ich der einzige im Publikum, der Agra Basar noch nicht kannte, so bestimmt und sicher waren die Kommentare und Zwischenrufe, so überwältigend unisono die Lacher. Ich fand höchst erstaunlich, dass im Mittelpunkt des Stücks ein kleiner Buchladen zu stehen schien, in dessen angedeuteten Mauern immer wieder – vermutlich gelehrte – Gespräche zwischen verschiedenen Protagonisten stattfanden. Ein volkstümliches und populäres Stück, in denen Bücherleser, Intellektuelle also, eine tragende Rolle spielten. Erstaunlich.

Noch wusste ich nicht genau, worum es ging und welche Bücher gelesen und wessen Verse rezitiert wurden, aber der erste Eindruck, der wie bei Menschen, so auch in der Begegnung mit einer Inszenierung meistens schon entscheidet, war so positiv, dass ich, nach Deutschland zurückgekehrt, Agra Basar ganz oben auf meiner Wunschliste für die Biennale Bonn 2006 hatte. Das dienstälteste, seit über fünfzig Spielzeiten laufende Stück des indischen Subkontinents, sollte in Bonn seine außerindische Premiere erleben: daran begannen wir nun zu arbeiten.

Dieser Vorgang dauerte viele Monate, während der das hitzige Geschehen auf dem Basar von unserem Büro und den verschiedensten deutschen und indischen Institutionen und Behörden gleichsam nachgestellt wurde. Immer wieder schien fraglich, ob wir Tanvir und seine Truppe aus Bhopal und den Dörfern des Distrikts Raipur würden an den Rhein schaffen können, erfüllten doch etliche der Beteiligten nicht einmal im Ansatz die Voraussetzungen, um Visa für die Europäische Union zu bekommen, konnten nicht lesen und schreiben, hatten weder Konten noch Pässe oder waren schlicht und einfach zu jung. Auch gab es immer wieder Bedenken von indischer Seite, die Dörfler um Tanvir wären womöglich nicht die idealen Repräsentanten des indischen Theaterlebens. Schließlich zweifelte auch der Meister selbst, bereits weit in seinen Achtzigern, ob er die weite Reise und die viele Organisation im Vorfeld überhaupt bewältigen könnte. Es war alles heikel, prekär, die Telefone standen niemals still, war das eine Problem gelöst, tauchte am nächsten Tag wieder eine neue Schwierigkeit auf, so dass es eigentlich bis zu dem Augenblick, an dem die dreißigköpfige Gruppe in Frankfurt gelandet war, unsicher blieb, ob sie – um einige Schauspieler aus anderen in Bonn weilenden Ensembles ergänzt – tatsächlich würden auftreten können.

Dann aber betrat der Meister das Parkett: Tanvir, mit riesiger Baskenmütze und auf einen Stock gestützt, der kaum dünner war als er selbst, nahm ganz vorne in der ersten Reihe Platz, seine Gruppe in weitem Rund um sich geschart. Seine Stimme war die eines sehr alten Mannes, aber die Diktion seines Englisch war brillant und klar, voller Souveränität und Ruhe. Er bedankte sich zunächst für die Einladung. Dann blickte er mich lächelnd an und sagte, dass er durchaus wisse, was an Theatern erlaubt sei und was nicht, dass er aber auch hier in Bonn um das Privileg bitte, während der Proben tun zu dürfen, was er schon an zahllosen, über die Welt verstreuten Theatern getan habe: nämlich seine Pfeife zu schmauchen! Der Bühnenmeister wurde verständigt, die Feuerwehr informiert und die Rauchmelder abgeschaltet. Schließlich platzierte man noch einen Eimer Wasser neben Tanvirs Sitz.

Dann aber, neun Uhr vormittags, fanden sich alle zur ersten Probe in den Godesberger Kammerspielen zusammen, unserem großen Haus. Ich war dort, um sie willkommen zu heißen und einen guten Morgen zu wünschen, und war ganz ergriffen von den ernsten Gesichtern, die mir da entgegenblickten. Ohne Kostüme, müde von der Reise und ihrer Aufgabe – vor deutschem Publikum spielen zu müssen – wohl auch mit einer gewissen Furcht entgegensehend, machten unsere Agrabasarianer einen leicht eingeschüchterten Eindruck. Die Sorge stand ihnen in die Gesichter geschrieben.

Als das geschafft war und die ersten Rauchwölkchen munter duftend durch den Theaterhimmel schwebten, richtete er seine Worte an die Truppe: es läge etwas sehr Schwieriges vor ihnen, nämlich vor einem Publikum zu spielen, das noch nie etwas von ihnen oder Agra Basar oder „Nazīr“ gehört habe. Es werde alles andere als leicht werden, und erfordere von jedem Beteiligten höchste Konzentration, und er wiederholte noch einmal: von jedem von Euch! Der Meister hatte ausgesprochen, was alle fürchteten und nun blickte jedermann betroffen zu Boden – ein Moment furchterfüllter Ruhe.

Dann aber erschien ein breites Grinsen auf dem Gesicht Tanvirs, das Grinsen eines Theatermannes durch und durch: „Und weil alles so schwierig ist, Freunde, werden wir spielen, als ob der Teufel hinter uns her wäre – und wir werden besser sein, denn je! So, und jetzt machen wir den ersten Durchlauf!“

Steffen Kopetzky

Rezensionen

  • Je näher an Brecht, desto indischer, Rezension von Sandra Frey zu Agra Basar, erschienen in „Meine Welt – Zeitschrift des deutsch-indischen Dialogs“, Januar 2008, S. 36-37

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