Gagan Gill
Zur Person
Gagan Gill wurde 1959 in Delhi geboren und legte ihren M.A. in Englischer Literatur an der Delhi University ab. Elf Jahre lang arbeitete sie erfolgreich als Journalistin und Herausgeberin, bevor sie sich ab dem Ende der 1980er Jahre vermehrt dem eigenen kreativen Schreiben zuwandte. Sie veröffentlichte 1989 ihren ersten Gedichtband Ek din lautegi larki („Eines Tages wird zurückkehren das Mädchen“), in welchem sie intensive persönliche Empfindungen von Schmerz und Verlust, aber auch Momentaufnahmen des alltäglichen Umfeldes in bildstarke Metaphern und sorgfältig gesetzte, beinahe karge Lyrik fasst.
1996 folgte der Band Andhere mem buddha („Buddha im Dunkeln“), der um das Thema Trauer und Leid kreist, welches die menschliche Existenz unweigerlich begleitet. Der dritte Band Yah akanksha samay nahi („Abkehr vom Verlangen“, Lotos Verlag Roland Beer 2006) erschien 1998 und zeichnet sich durch seine hochverdichtete Sprache und den kunstvoll formalisierten Aufbau der Gedichte aus. Wie der vorige enthält auch dieser Lyrikband einige ihrer epigrammartigen Prosatexte, die sich, zuweilen unter einer gemeinsamen thematischen Überschrift, in die Reihe der Gedichte einordnen. Die vierte Gedichtsammlung Thapak thapak dil thapak thapak („Klopf klopf, Herz, klopf klopf“) erschien 2003 und spielt mit Klangbildern sowie einer Rückkehr zu Reim und Metrum. 2018 veröffentlichte sie eine weitere Lyriksammlung mit dem Titel Main jab tak ayi bahar („Bis ich nach draußen kam“).
Der Prosaband Dilli mein uninde („Die Schlaflosen von Delhi“, gleichnamige Kurzgeschichte veröffentlicht in die horen 223) erschien im Jahre 2012. Zwei Prosabände sind gegenwärtig im Druck: ein Band mit literarischen Essays, Deh ki munder par („Am Fenstersims des Körpers“), und ein Band mit persönlichen Erinnerungen, Ityadi („Und so weiter“).
Editionen und Übersetzungen
Neben ihrer Konzentration auf das kreative Schreiben blieb sie weiterhin als Übersetzerin und Herausgeberin aktiv. 1996 erlangte sie besondere Anerkennung für den von ihr zusammengestellten, großformatigen Kunstband A Journey Within, der das Werk des prominenten modernen Malers und Schriftstellers Ram Kumar präsentiert. Seit dem Tod ihres Mannes Nirmal Verma im Jahre 2005 ist sie mit der Herausgabe seiner unveröffentlichten Schriften befasst; es sind seither vier Bände mit Briefen und Interviews erschienen.
Reisen und Reisebericht
Das Reisen und die Auseinandersetzung mit andersartigen Kulturen und Denkgewohnheiten, aber auch mit der eigenen kulturellen Identität nehmen in Gagan Gills Werk eine wichtige Stellung ein. Ihr vielbeachtetes Buch Awaak. Kailash Manasarovar - ek antaryatra (2008) („Sprachlos. Kailash Mansarovar – eine innere Reise“) stellt einen spirituellen Reisebericht über die Umrundung des für Hindus und Buddhisten heiligen Berges Kailash dar und vermittelt subtile Reflektionen über Mythos, Glauben und Identität. Nicht zuletzt versucht die Autorin, auf dieser Reise in der Art einer rite de passage Abschied von ihrem ein Jahr zuvor verstorbenen Ehemann zu nehmen.
Frauenliteratur und feministischer Diskurs
Neben der Herausgabe von speziellen Editionen beispielsweise zu „New Women Writing in Hindi“ ist Gagan Gill ein gefragter Gast in TV-Interviews und Podiumsdiskussionen zum Themenfeld Frauenliteratur. Besonders kritisch steht sie als Autorin der Erwartungshaltung gegenüber, dass Frauenliteratur, bzw. von Frauen geschriebene Literatur, notwendigerweise eine Plattform zur Exposition feministischer Fragen (stri vimarsh) darstellen müsse, und plädiert für mehr Mut zu literarischen Wagnissen in Inhalt und Form, wie sie beispielsweise das Werk Krishna Sobtis aufweise.
Internationales Renommee
Gagan Gills Lyrik und Prosatexte sind heute in den meisten Anthologien moderner Hindi-Literatur enthalten. Gleichzeitig hat sie sich durch ihre profunden Beiträge in internationalen Seminaren und Lesungen als Stimme des zeitgenössischen literarischen Indiens einen Namen gemacht. Ab den 1990er Jahren reiste sie mit verschiedenen Autorenförderprogrammen nach Europa, Großbritannien und Amerika, u.a. als Niemann Fellow for Journalism der Harvard University. Ihre Werke wurden ins Englische, Amerikanische, Deutsche und Polnische übersetzt.
Barbara Lotz
Preise und Ehrungen
Unter den zahlreichen Auszeichnungen für ihre Arbeit sind besonders der Bharat Bhushan Puruskar (1984), der Sanskriti Puruskar (1989), der Kedar Samman (2000), der Sahitykar Samman der Hindi Akademi (2008) und der Dvijdev Samman (2010) zu nennen.
Auf Deutsch erschienen
- Abkehr vom Verlangen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hindi übersetzt von Barbara Lotz und Lothar Lutze. Lotos Verlag Roland Beer, Berlin 2006
Rezensionen und Interviews
- Review von Alessandra Consolaro zu „Awaak“ (auf Englisch)
- TV-Interview mit Gagan Gill in der Sendung Tejasvini, Durdarshan, 17.9.2016 (Hindi)
- Interview von Prayag Shukla mit Gagan Gill über den Kailash-Reisebericht, vierteilig (Hindi)
Leseprobe
Alle folgenden Texte stammen aus dem Band Gagan Gill: Abkehr vom Verlangen, Ausgewählte Gedichte. Aus dem Hindi übersetzt von Barbara Lotz und Lothar Lutze, erschienen im Lotos Verlag Roland Beer, Berlin 2006. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Sie wird in ihren Leib zurückkehren
Sie wird ihn begehren wie die Sünde Sie wird ihn begehren wie die Tugend In einem unbekannten Raum An einem unbekannten Ort Wird sie ihn umarmen in Gedanken Als wäre sie hingegangen Schlafwandelnd Ohne Grund, uneingeladen Als säße sie seit Jahrhunderten An jenem Ort in ihrem Innern Wo die Albträume wohnen und warten Daß die Wünsche wahnsinnig werden Sie wird ihn begehren Wie den Traum Den sie schon immer geträumt haben mag Nur mit offenen Augen Als wäre er die Schulter Für ein furchtloses Weinen Als wäre Begehren ein Fluch Ein haltloses Jammern Oder ein Selbstgespräch – Sie wird ihn begehren Als wäre Begehren eine Rettung vor dem Glück Wie auch vor dem Leid – Sie wird ihn begehren Sie wird ihn begehren Wie die Sünde Wie die Tugend Und in ihren Leib zurückkehren Wie eine verborgene Wunde
Ein bißchen Hoffnung muss sein
Ein bißchen Hoffnung muss sein Wie auf der Erde ein funkelnder Sonnenstrahl Wie im Wasser der Geschmack Eines nassen Steins Wie auf dem nassen Sand Das Zappeln eines Fisches Wie in der Kehle des Stummen Die Erinnerung an ein Lied Wie ein leichter Atemzug Der in der Brust stockt Wie im Insekt das am Glas klebt Die Lebensgier Wie der auf den Grund des Flusses Gesunkene Durst Ein bißchen Hoffnung muss sein.
Buddha im Dunkeln
Im Dunkeln tritt der Buddha Heraus aus seinem Abbild Im Dunkeln tritt der Buddha Heraus aus seinem Körper Heraus aus seiner Stupa Heraus aus seinem Schrein Im Dunkeln umschreitet der Buddha Die Illusion Die Erlösung Die Erde An den spitzen Dornen Verfängt sich der Buddha im Dunkeln Leid für jene Die an ihn glauben Leid auch für jene Die nicht an ihn glauben Den Kopf neigt der Buddha im Dunkeln vor dem was ist vor dem was nicht ist von einer Position zur andern von einer Statue zur andern wechselt er seinen Platz Der Buddha im Dunkeln Als ob er seinen Platz nicht fände Nur den des Leids
Mönch sein
Mönch sein Ist wie verbannt sein Ins Reich Gottes Ist wie Vertrieben sein Aus dem Reich Gottes
Die Liebe eines anderen
Manchmal gerät aus Versehen die Liebe eines anderen für eine Zeitlang in unser Leben. Wie etwas, was man auf der Straße findet, was uns weder gehört, noch jemandem weggenommen wurde. Die Versuchung, sie bei uns zu behalten, vergeht nach kurzer Zeit. Meistens kommt nach einer Weile jemand sie zu suchen, und nimmt sie mit. Oder sie sagt uns selbst wohin sie gehört und wir liefern sie dort ab. Sie kommt wie ein Wunder. Und geht wieder. Um darüber hinweg zu kommen warten wir auf eine andere Liebe. Und manchmal lassen wir dann selbst unsere Liebe im Haus eines anderen zurück.
Sie berührt ihn
Eines Morgens in aller Frühe berührt sie ihn Auf einem fernen Planet Über allen Sphären des Bewußtseins Im sonderbaren Licht des Verlangens Sie berührt ihn Wie eine schwere Wolke Wie stille Luft Wie heiliges Feuer Sie berührt ihn so Wie Gott am sechsten Tag Der sie aus ihr hervorgehend Zerstören soll Dann wieder neu erschaffen Eines Morgens in aller Frühe berührt sie ihn Den Trügerischen Wie Wasser Und wählt für sich Den Tod Eines Fisches
