Bhisham Sahni (1915-2003)

Zur Person

Bhisham Sahni Bhisham Sahni Foto: mit freundlicher Genehmigung von Kalpana Sahni

Bhisham Sahni, geboren am 8. August 1915 in Rawalpindi in der Familie eines Punjabi-Importagenten im damals ungeteilten Indien (heute Pakistan), war ein angesehener Hindi-Romanautor, Erzähler, Dramatiker, Übersetzer, Lehrer und Schauspieler. In seinen Werken spiegelt sich sein unerschütterliches Engagement für das pluralistische Ethos und die säkularen Grundlagen Indiens wider. Nach seinem Masterstudium in englischer Literatur im Jahr 1935 am renommierten Government College in Lahore nahm er dort einen Lehrauftrag an. Bereits während seines Studiums trat er der Kongresspartei bei und nahm am Freiheitskampf gegen die britische Kolonialherrschaft teil. So beteiligte er sich 1942 auch an der von Mahatma Gandhi ausgerufenen Quit-India-Bewegung und wurde deshalb verhaftet.

Als im März 1947 kommunale Unruhen in Rawalpindi ausbrachen, arbeitete er als Helfer in einem Flüchtlingslager. Nach der Teilung mussten Sahni und seine Familie in das nun unabhängige Indien auswandern. 1948 trat er der Indian People's Theatre Association (IPTA) in Mumbai bei und arbeitete als Theaterschauspieler und -regisseur unter der Führung seines älteren Bruders Balraj Sahni, der damals ein renommierter Schauspieler der Hindi-Filmindustrie war. Nach einer kurzen Lehrtätigkeit an einem College in Ambala und dem Khalsa College in Amritsar zog er 1952 nach Delhi und arbeitete als Dozent für Englisch am Delhi College. Langsam löste er sich von seiner aktiven Verbindung mit der IPTA und widmete sich stärker dem Schreiben. Sahni schrieb mehr als 100 Kurzgeschichten, die in mehreren Bänden erschienen. Darunter Bhagya Rekha („Schicksalslinie“, 1953), Pahla Path („Die erste Lektion“, 1956), Bhatakti Raakh („Verstreute Asche“, 1966) und Nishachar („Dämon“, 1983).

Die Kurzgeschichte Amritsar Aa Gaya Hai („Wir sind in Amritsar angekommen“, 1973) gilt als eines seiner Meisterwerke. Die Geschichte spielt in einem fahrenden Zug zur Zeit der Teilung Indiens. Die Hauptpersonen sind Angehörige dreier Religionen: ein Sikh, ein Hindu und drei muslimische Pathanen. Die zunächst friedliche und ungezwungene Atmosphäre im Abteil ändert sich schlagartig, als die Fahrgäste unterwegs von Unruhen erfahren. Von da an herrschen Angst und Feindseligkeit. Als der Zug in Amritsar ankommt, ist der anfangs ruhige und sanfte Hindu-Babu derart in Wut geraten, dass er einen Muslim tötet, der gerade versucht, in den Zug einzusteigen. Es ist vermutlich sein aufgestauter Hass auf die Pathanen, die sich über ihn lustig gemacht und Hindu-Flüchtlinge am Betreten des Waggons gehindert haben. Diesen Hass lebt er dann an einem unschuldigen Menschen aus, als der Zug ein Gebiet passiert, in dem er sich als Hindu sicher fühlt. Durch diese Verwandlung des Babus verdeutlicht Sahni, wie in der gewaltgeschwängerten Atmosphäre dieser Zeit einfache Menschen zu Mördern wurden.

Bhisham Sahni lebte von 1957 bis 1963 in Moskau und arbeitete als Übersetzer beim Foreign Language Publishing House, Moskau. Neben seiner Muttersprache Punjabi und Hindi beherrschte Sahni auch Englisch, Urdu, Sanskrit und Russisch. Er hat 25 Bücher aus dem Russischen ins Hindi übersetzt, darunter Tolstois Auferstehung. Nach seiner Rückkehr war er zwei Jahre lang Herausgeber der Literaturzeitschrift Nayi Kahaniyan („Neue Erzählungen“).

Sahnis im Jahr 1974 veröffentlichter Hindi-Roman Tamas („Die Finsternis“), den er selbst 1988 ins Englische übersetzte, erlangte weltweite Anerkennung für seine einfühlsame und schmerzerfüllte Darstellung der kommunalen Unruhen und der Gemetzel, die die Teilung Indiens begleiteten. Der Roman verarbeitet Ereignisse, die Sahni selbst zur Zeit der Teilung miterlebte. Der Roman beginnt, als ein Mann aus einer niedrigen Kaste namens Nathu ein Schwein schlachtet. Murad Ali, ein einflussreicher Muslim, bietet Nathu fünf Rupien für das Schlachten des Schweins. Das Schlachten solle tierärztlichen Zwecken dienen. Anschließend weist Murad Nathu an, den Kadaver in einen Schubkarren zu werfen. Nathu befolgt die Anweisungen Murads. Am nächsten Morgen wird der Kadaver des Schweins vom Kongresskomitee auf den Stufen der örtlichen Moschee gefunden. Diese Tat wird als Provokation angesehen und man verdächtigt die Hindus, sie begangen zu haben. Zur Vergeltung wird eine Kuh geschlachtet und in der Stadt, die bereits voller Spannungen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Teilung ist, brechen Aufruhr und Mord aus. Diese Ausschreitungen weiten sich aus und greifen von der Stadt auf die umliegenden Dörfer über. 1988 adaptierte der Filmmacher Govind Nihilani den Roman in eine Fernsehserie für das indische staatliche Fernsehen, in der Bhisham Sahni selbst die Rolle des Sikhs Harnam Singh spielte.

Kabira Khada Bazaar Mein („Kabir steht auf dem Marktplatz“, 1981) ist eins der bekanntesten Theaterstücke Sahnis, das immer noch oft aufgeführt wird. Das Stück basiert auf dem Leben des mittelalterlichen indischen Mystikers und Dichters Sant Kabir. Im Mittelpunkt des Stücks steht die Verwandlung eines einfachen Menschen zu einem mystischen Dichter. Das Stück schildert verschiedene Probleme, denen Kabir in seinem Leben begegnete, darunter Kastendiskriminierung und religiöse Konflikte, die die Gesellschaft spalten. Das im damaligen Kashi (Benares) spielende Stück ist auch in der heutigen Zeit relevant. Das Stück beginnt damit, dass sich Kabirs Vater über das unberechenbare Verhalten seines Sohnes und seine „arrogante“ Haltung gegenüber seiner Mutter beschwert. Zu diesem Zeitpunkt hört Kabir die andauernden Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern und erfährt, wie er von einer Frau aus einer hohen Kaste weggegeben und von der Familie muslimischer Weber adoptiert wurde. Als er seine wahre Identität erkennt, beschließt er, seine Religion aufzugeben und sich einer höheren Macht zuzuwenden, die von allen geliebt und verehrt werden kann.

Bhisham Sahnis fünfter Roman Mayyadas ki Marhi („Das Herrenhaus des Mayyadas“, 1988) erzählt eine Geschichte aus einer kleinen Stadt im Punjab. Die Stadt und ihre Bewohner erleben massive politische und gesellschaftliche Veränderungen, als der alte Khalsa Raj (die Herrschaft der Sikhs) gestürzt und die britische Herrschaft errichtet ist. Diese Veränderungen werden am Beispiel eines Herrenhauses veranschaulicht. Das Herrenhaus gehört einem Diwan (Minister) namens Mayyadas. Es ist ein Symbol der feudalen Herrschaft. Mayyadas ist ein angesehener Diwan zur Zeit des Khalsa Raj, als Traditionen respektiert und Werte wie Loyalität und Integrität hochgehalten werden. Mit dem Untergang des Khalsa Raj sinkt auch der Stern des Mayyadas. Sein Neffe Dhanpat Rai, der bereits während der britischen Kriege gegen die Sikhs mit den Briten Handel getrieben hatte, bietet diesen nach ihrer Machtübernahme seine Dienste an. Dafür wird Dhanpat Rai mit besonderen Privilegien belohnt und gelangt rasch zu Reichtum und Einfluss. So beginnt das Schicksal der Stadt sich zu ändern.

Isha Pandit

Auszeichnungen

  • Lotus Award der Afro-Asian Writers' Association (1981)
  • Soviet Land Nehru Award (1983)
  • Padma Bhushan für Literatur (1998)
  • Die Sahitya Akademi Fellowship, die höchste literarische Auszeichnung der Sahitya Akademi (2002)
  • Colour of Nation Award beim Internationalen Theaterfest in Russland für sein Theaterstück Madhavi (2004)

Auf Deutsch erschienen

  • Basanti, Roman, aus dem Hindi übersetzt von Margot Gatzlaff, 191 S., Reclam Verlag, Leipzig 1984
  • Tamas oder Der Muslim, der Hindu, der Sikh und die Herren, Roman, aus dem Hindi übersetzt von Margot Gatzlaff, 315 S., Frauenfeld Verlag, Waldgut 1994
  • Der Preis eines Huhns: Erzählungen (Hrsg. von Hannelore Lötzke), aus dem Hindi übersetzt von M. Gatzlaff, M. Kämpchen, J. Kalmer, R. Kimmig, H. Lötzke, L. Lutze, B. Mayer-König, R. Seuß, 198 S., Lotos Werkstatt, Berlin 2015
  • Fünf Minuten vor Vier: Erzählungen. Aus dem Hindi übersetzt von Barbara Bomhoff und Silja Behnken unter Mitarbeit von Birte Plutat, 91 S., Draupadi Verlag, Heidelberg 2017

Rezensionen

Weblinks

Literaturhinweise

  • Fornell, Ines: Der Hindi-Romançier Bhīṣm Sāhnī: eine Analyse seiner realistischen Methode am Beispiel der Werke "Kaṛiyā", "Tamas" und "Basantī", Marburg: Diagonal Verlag 1998
  • Bomhoff, Barbara: „Bhisham Sahni“, in: Martin Kämpchen (Hrsg.): Indische Literatur der Gegenwart, München: edition text + kritik 2006, S. 193-211

Leseproben


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