Arundhati Roy

Zur Person

Arundhati Roy Arundhati Roy, 2010 Foto: Jeanbaptisteparis

Arundhati Roy ist eine indische Autorin, Schauspielerin und politische Aktivistin. Für ihren Roman The God of Small Things („Der Gott der kleinen Dinge“, 1997) erhielt sie den Booker Prize. Sie wurde am 24. November 1961 in Shillong (Meghalaya) als Tochter einer christlichen Mutter aus Kerala und eines bengalischen Hindu-Vaters geboren. (Die meisten Quellen geben das Geburtsjahr 1961 an, während der Fischer Verlag, der die deutschen Übersetzungen der Werke von Arundhati Roy veröffentlicht, das Geburtsjahr 1959 angibt.) Nach der Trennung ihrer Eltern wuchs sie in dem Dorf Aymanam in Kerala auf. Obwohl sie später in Delhi Architektur studierte, träumte sie immer wieder von einer Karriere als Schriftstellerin. Nach vielen Gelegenheitsjobs schrieb sie das Drehbuch für den Film In Which Annie Gives It To Those Ones (1989), in dem sie auch als Schauspielerin eine Rolle spielte. In der Folge schrieb sie viele Drehbücher, beispielsweise für den Film Electric Moon (1992) und für viele Fernsehdramen.

1995 sorgten zwei Zeitungsartikel von Roy für großen Aufruhr, in denen sie den Regisseur Shekhar Kapoor für seinen Film Bandit Queen (1994) heftig kritisierte. Der Film zeigt die Lebensgeschichte von Phoolan Devi, der meistgesuchten Verbrecherin in Indien, die den Nimbus einer Heldin der Unterdrückten hatte und später Politikerin und Frauenrechtsaktivistin wurde. Roy behauptete, dass der Film die Geschichte Phoolan Devis auf eine typische Bollywood-Version der Vergewaltigungs- und Vergeltungssaga reduziert hätte.

Für ihren ersten Roman The God of Small Things (1997, auf Deutsch „Der Gott der kleinen Dinge“) wurde sie mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Somit ist Arundhati Roy die erste indische Staatsbürgerin, die diesen Preis erhielt (zwei Autoren indischer Abstammung, aber britische Staatsbürger, V.S. Naipaul und Salman Rushdie, hatten den Booker Prize bereits vor Roy erhalten). Seit seiner Veröffentlichung verursachte das Buch großes Aufsehen und wurde bisher in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Der Roman spielt im Jahr 1969 in Aymanam, wo Roy selbst aufwuchs, und ist autobiografisch gefärbt. Im Mittelpunkt des Romans stehen die zweieiigen Zwillinge Rahel und Estha. Während der Roman immer wiederkehrende Familienprobleme von Estha, Rahel, ihrer alleinerziehenden Mutter Ammu, ihrer Großmutter Mamachi, ihrer Urgroßtante Baby Kochamma und ihrem Onkel Chacko schildert, werden darin noch umfassendere Themen angesprochen, wie die Lokalpolitik in Kerala, das Kastensystem und die Verletzung gesellschaftlicher Tabus. Durch diese sozialen und politischen Probleme werden die Familienbeziehungen schließlich nachhaltig gefährdet. Aufgrund der Ereignisse, die die familiären Beziehungen in ihrer Kindheit für immer zerstört und somit ihr Schicksal bestimmt haben, empfinden Rahel und Estha während ihres ganzen Lebens eine stetige emotionale Leere.

Das darauffolgende literarische Schaffen Roys beinhaltete im Wesentlichen politische Kommentare zu den Problemen ihres Heimatlands Indien im Zeitalter des globalen Kapitalismus. Zu erwähnen ist hier das Buch Power Politics (2001), das sich aus drei Essays zusammensetzt. Roy äußert darin ihre Meinungen u.a. zu den Atomtests Indiens, zur Debatte über das umstrittene Projekt des Narmada-Staudamms und zur Privatisierung der Stromversorgung Indiens durch US-amerikanische Energieunternehmen.

In Field Notes on Democracy: Listening to Grasshoppers (2009), auch einer Sammlung von Essays, schildert sie die dunkle Seite der Demokratie. Die Essays stellen dar, wie schwer es ist, in einem Land wie Indien, in dem seit Jahrhunderten zahlreiche rassistische, ethnische und religiöse Konflikte ausgetragen werden, die Ideen von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten. Roy reflektiert in diesen Essays auch über die Gewalttaten und Ungerechtigkeiten, die durch die Regierung in Indien an ihren eigenen Bürgern verübt wurden.

Zwanzig Jahre nach The God of Small Things wurde Arundhati Roys zweiter Roman The Ministry of Utmost Happiness (2017, Deutsch „Das Ministerium des äußersten Glücks“) veröffentlicht. Der Roman umfasst den Zeitraum von 1950 bis 2010 und stellt das miteinander verflochtene Leben der Hauptfiguren vor dem Hintergrund des zeitgenössischen Indien dar. Die Charaktere sind Zeugen einiger der dunkelsten Kapitel der modernen indischen Geschichte, von der Landreform, die arme Bauern enteignete, über den Brand eines Zuges in Godhra im Jahr 2002 bis hin zu Aufständen in Kaschmir. (Am 27.02.2002 ging ein Wagen des Sabarmati Express am Bahnhof Godhra, Gujarat, in Flammen auf, was den Tod von 59 Karsevaks – Hindu-Aktivisten – verursachte. Das Ereignis löste die schlimmsten kommunalen Unruhen in der jüngeren Geschichte Indiens aus, bei denen mehr als tausend Menschen ums Leben kamen.) Die Romanfiguren bilden ein breites Spektrum der indischen Gesellschaft ab, darunter die intersexuelle Frau (Hijra) Anjum, die rebellische Architektin S. Tilottama und ihren Vermieter Biplap Dasgupta, der Chef eines Geheimdiensts ist.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • National Award für das beste Drehbuch für den Film In Which Annie Gives It to Those Ones (1989)
  • Booker Prize für den Roman The God of Small Things (1997)
  • Sahitya Akademi Award für den Essay-Band The Algebra of Infinite Justice (2006)
  • Norman Mailer Prize for Distinguished Writing (2011)

Auf Deutsch erschienen

  • Der Gott der kleinen Dinge, Roman, aus dem Englischen von Anette Grube, 379 S., Karl Blessing Verlag, München 1997
  • Das Ministerium des äußersten Glücks, Roman, aus dem Englischen von Anette Grube, 560 S., S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
  • Azadi heißt Freiheit: Essays, aus dem Englischen von Jan Wilm, 256 S., S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021

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