Arun Kolatkar
Zur Person
Arun Kolatkar (1. November 1931 – 25. September 2004) war ein Dichter im unabhängigen Indien, der auf Marathi und auf Englisch schrieb. Geboren in einer Hindu-Familie in Kolhapur, einer großen Stadt im Südwesten von Maharashtra, brachte ihm sein Vater die englische Sprache und die westliche Kunst nahe. Er besuchte die Raja Ram School in Kolhapur, wo die Unterrichtssprache Marathi war. Somit wuchs er zweisprachig auf.
Nach seinem Schulabschluss zog er im Jahr 1947 nach Mumbai und studierte an der renommierten Kunsthochschule J.J. School of Arts. Hauptberuflich arbeitete Kolatkar als Grafikdesigner und brachte in die indische Werbewelt durch seinen eigenen kreativen Stil neuartige Elemente ein. In dieser Zeit freundete er sich mit den damals aufstrebenden jungen Autoren der Marathi-Literatur wie Dilip Chitre, Ashok Shahane und Bhalchandra Nemade an, und im Jahr 1954 begann er, seine ersten Gedichte zu schreiben. Seine Zweisprachigkeit beim Schreiben war für Kolatkar selbst ganz natürlich. Er sagte: „Genauso wie ich zwei Beine, zwei Gesäßbacken, zwei Augen habe, habe ich in meinem Kopf zwei Zungen (Sprachen).“
Die Sathottari-Periode
Das Marathi-Wort Sathottari bedeutet „nach den 60ern“. Als Sathottari-Periode ist ein literarischer Zeitraum in Maharashtra und vor allem in Mumbai zu verstehen, der 1955 begann und 1980 endete. Diese Zeit wurde vorrangig durch zwei politische Umwälzungen in Maharashtra geprägt: zum einen durch verschiedene Auswirkungen der Ambedkar-Bewegung, u.a. die Massenkonversion von Dalits zum Buddhismus auf Initiative von Dr. B.R. Ambedkar, zum anderen durch die Schaffung des Bundesstaates Maharashtra, basierend auf der Sprache Marathi (1960). Die politischen Ereignisse wirkten ebenfalls auf das Alltagsleben der Menschen in Maharashtra und vor allem in Mumbai, sodass die Autoren sie zu dieser Zeit in ihren Werken verarbeiteten. Die Massenkonversion der Dalits zum Buddhismus war als eine fundamentale Ablehnung der seit Jahrhunderten existierenden Kastendiskriminierung in Indien zu verstehen. Die Schaffung des Bundesstaats Maharashtra mit seiner Hauptstadt Bombay (später Mumbai) in den Grenzen des Marathi-Sprachraums wurde von vielen jungen Autoren der Zeit heftig kritisiert. Kolatkar als Vertreter der Sathottari-Periode brachte seine Kritik an der Kastendiskriminierung in seinen Gedichten zum Ausdruck und weigerte sich, seine Identität in einer Sprache einzusperren. Zu dieser Haltung sagte er: „Da Poesie das ist, was ich mit Sprachen mache und weil ich nur zwei Sprachen kann, schrieb ich auf zwei Sprachen. Hätte ich drei Sprachen gekonnt, hätte ich auf drei geschrieben.“
Werke
Zuerst wurden Kolatkars Marathi-Gedichte in Zeitschriften wie Satyakatha, Yugwani, Chhand Shabd und Atharva veröffentlicht. Bis seine in diesen Zeitschriften veröffentlichten Gedichte in Buchform erschienen, vergingen zweieinhalb Jahrzehnte.
Sein erster Gedichtband auf Marathi Arun Kolatkarchya Kavita („Die Gedichte von Arun Kolatkar“) wurde 1977 veröffentlicht. Die Gedichte in diesem Band sind in der Jugend des Dichters entstanden. Kolatkar versucht darin, alte Lieder und Legenden neu zu interpretieren sowie bestimmte Gegenstände wie Gebäude, Spiegel, Zimmer, Wind, Wohnungen durch bildhafte Beschreibungen zum Leben zu erwecken. Kolatkar verwendet Symbole, um Inhalte und Erfahrungen in diesen Gedichten auszudrücken. Auch sind seine Kenntnisse der grafischen Kunst sowie der Kompositionsstruktur der indischen klassischen Musik darin sichtbar. Vielfach drückt er auch seine Meinung zu sozialen Problemen aus.
Chirimiri („Schmiergeld“), ein im Jahr 2003 veröffentlichter Gedichtband von Kolatkar, bildet den gegenwärtigen Zustand einer mächtigen kulturellen und religiösen Bewegung im Hinduismus ab: die der Gottesliebe (Bhakti), speziell der Warkari-Sekte, die vor allem in Maharashtra viele Anhänger hat. Aber die heutige Mentalität städtischer Pilger hat ihre Einstellung zu dieser Pilgerfahrt verändert. Balwantbua, ein Bhajan-Sänger und ein lebenslustiger, witziger Charakter, tritt in den meisten dieser Gedichte auf. Diese Figur hat einen starken Bezug zu Kolatkars wirklichem Leben. Im Bekanntenkreis von Kolatkar gab es ein reales Vorbild für Balwantbua, den Kolatkar zusammen mit dem Pakhwaj-Maestro Arjunbua Shejwal mehrmals besuchte. Balwantbua ist in diesen Gedichten jemand, der regelmäßig zu Prostituierten für die Erfüllung seiner körperlichen Bedürfnisse geht. Er nimmt 107 Prostituierte mit auf die Pilgerwanderung nach Pandharpur. Somit begeht er eine gute Tat, indem er Leuten aus der Unterschicht den Darshan (Anblick) der Gottheit Vitthal ermöglicht. Somit ist Balwantbua – wie auch die Gottheit Vitthal – selbst zum Lebenspartner, Vater und Freund dieser Menschen geworden. Die meisten der Figuren in Chirimiri leben in der Metropole Mumbai, sind aber auf dem Land geboren und aufgewachsen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens hatten sie ihre Dörfer verlassen und kamen nach Mumbai, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Dort lernten sie alle legalen und illegalen Methoden kennen, um in Metropolen wie Mumbai zu überleben. Durch Balwantbuas Pilgerwanderung mit den Prostituierten verdeutlicht Kolatkar, dass nicht die soziale Schicht oder der gesellschaftliche Status, sondern die reine Hingabe die Menschen näher zu Gott bringt. Auch eine Prostituierte kann im beruflichen Alltag an Vitthal denken. Kolatkar zeigt den Gott Vitthal in seinem Gedicht Wamangi als einen Menschen und betrachtet somit seine Göttlichkeit kritisch.
Kolatkars erster englischer Gedichtband Jejuri wurde 1976 veröffentlicht. Er enthält ein einziges langes Gedicht, das aus 31 Abschnitten besteht. Jeder Abschnitt wirkt wie ein eigenständiges Gedicht, das einen eigenen Titel hat. Jejuri ist ein viel besuchter heiliger Ort im Westen von Maharashtra, wo sich der Tempel des Hindu-Gottes Khandoba, der als eine Inkarnation von Shiva verstanden wird, befindet. Nicht nur Bewohner von Maharashtra, sondern auch viele andere Menschen aus ganz Indien verehren den Gott. Sie machen eine Pilgerfahrt zu diesem Ort, um dem Gott ihre Ehrerbietung zu erweisen, seine Bilder und Figuren anzubeten und ihre Opfergaben darzubringen. Damit wollen sie seine Gunst gewinnen. In den Gedichten dieses Bandes drückt Kolatkar aber keine Verehrung des Gottes aus, sondern betrachtet die Pilgerfahrt und die Gottesanbetung kritisch. Der Protagonist dieser Gedichte, Manohar, stattet selbst Jejuri einen Besuch ab, um die Glaubensvorstellungen zu erforschen, unter deren Einfluss Menschen nach Jejuri pilgern. Manohar ist ein in der Stadt aufgewachsener Mann. Er reist nach Jejuri in der Haltung eines Touristen und nicht eines Pilgers, denn er hat nicht die Absicht, den Gott Khandoba anzubeten. Durch die verschiedenen Beobachtungen Manohars wird dem Lesenden eine Gesellschaft ersichtlich, in der Religion zum Geschäft geworden ist. Die Gedichte zeigen auch Menschen, für die Religion der Weg ist, einfach und schnell Geld zu verdienen. Die Tempeloberhäupter entscheiden anhand der dargebrachten Opfergaben, wer Gott näher sein wird. Die Pilgerfahrt nach Jejuri ist für Kolatkar somit ein evidentes Beispiel für die Kommerzialisierung der Religion.
Von einem Tisch des Cafés namens Wayside Inn beobachtete Kolatkar regelmäßig das Leben in Süd-Mumbai. Seine Beobachtungen resultierten in einem englischen Gedichtband namens Kalaghoda Poems, der im Jahr 2004 veröffentlicht wurde. Kala Ghoda ist der Name einer sehr überfüllten Gegend in Süd-Bombay. Die berühmte Jahangir Art Gallery befindet sich dort. Dieses Viertel umfasst Bauten aus der Kolonialzeit wie den Rajabhai-Turm und das Prince-of-Wales-Museum. Die wörtliche Bedeutung des Hindi-Ausdrucks Kala Ghoda ist „schwarzes Pferd“. Es handelt sich um eine von Sir Alfred Sassoon gestiftete Statue aus schwarzem Granit zum Gedenken an den Besuch des Prinzen von Wales in Bombay im Jahr 1876. Das Denkmal wurde 1965 beschädigt und entfernt. Aber das Gebiet wird weiterhin nach dieser fehlenden Statue benannt. Die Gedichte in diesem Band zeigen das postmoderne Indien. Sie illustrieren das Leben der Unterprivilegierten und stellen ihr elendes Leben dem technologischen und materiellen Fortschritt Indiens gegenüber. Diese Gedichte veranschaulichen das Leben der Menschen am unteren Rand der sozialen Pyramide – Straßenkehrer, Aussätzige, Prostituierte, Bettler, Trunkenbolde. Kolatkar versucht darin, seine Ansicht deutlich zu machen, dass es Indien auch nach der Unabhängigkeit nicht gelungen ist, das Problem von Hunger und Armut zu lösen. Das Kala Ghoda-Viertel erinnert die Inder an die britische Kolonialherrschaft. An ihre Stelle ist nun die Herrschaft des Kapitals getreten.
Isha Pandit
Auf Deutsch erschienen
- Schwarze Gedichte, zweisprachig, aus dem Marathi von Hans-Georg Türstig, herausgegeben von Lothar Lutze, Heidelberger Südasien Texte 4., Südasien-Institut Heidelberg 1978
- Jejuri, Gedichte, zweisprachig, aus dem Englischen von Giovanni Bandini, Verlag Wolf Mersch 1984
Literatur
- Anjali Nerlekar: Bombay Modern: Arun Kolatkar and Bilingual Literary Culture, Northwestern University Press, Evanston 2016
- Laetitia Zecchini: Arun Kolatkar and Literary Modernism in India, Moving Lines. (Historicizing Modernism Series). London/Oxford/New York/New Delhi/Sydney: Bloomsbury, 2016
Auszeichnungen
- Commonwealth Poetry Prize (1977) für den englischen Gedichtband Jejuri
- Sahitya Akademi Award (2005) für den Marathi-Gedichtband Bhijki Vahi
- Kolatkar ist neben dem Dichter Kabir der einzige indische Dichter, der in den World-Classics-Titeln der New York Review of Books vertreten ist
Weblink
Herzlichen Dank an Herrn Prafull Shiledar, den Vorsitzenden des Vidarbha Sahitya Sangh (Literaturverein von Vidarbha) und Herausgeber der Marathi-Zeitschrift Yugwani, für die Übersendung der Arun Kolatkar gewidmeten Ausgabe der Zeitschrift für den Zweck dieses Autorenporträts.
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