Annie Zaidi

Leben

Annie Zaidi Annie Zaidi

Annie Zaidi kam 1978 als Tochter einer Muslima und eines Hindu in Allahabad im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh zur Welt. Seit November 2018 heißt Allahabad Prayāgrāj – und damit ist man schon mitten im Leben und in der zentralen Thematik dieser vielseitig interessierten und begabten Frau.

Ihre Familie stammt aus der Kleinstadt Muhammadabad Gohna, Distrikt Mau, Uttar Pradesh. Dieser Distrikt ist überwiegend ländlich geprägt und hat einen auffällig hohen Anteil an Angehörigen der Scheduled Castes (Dalits oder Kastenlose). Ihre Kindheit hat sie u.a. im Staub und in der Hitze nahe der großen Zementfabrik der Stadt JKPuram in Rajasthan verbracht, wo ihre Mutter als Lehrerin die Kinder der Fabrikarbeiter unterrichtete, um nach ihrer gescheiterten Ehe auf eigenen Füßen stehen zu können.

Auch danach war sie noch an vielen anderen Orten (Delhi, Lucknow, Mumbai) – immer in Bewegung, immer auf der Suche nach Zugehörigkeit, immer mit dem Gefühl, als Fremdkörper (Muslima, Frau, Zugereiste) wahrgenommen zu werden. In ihrem Buch Bread Cement Cactus – A Memoir of Belonging and Dislocation aus dem Jahr 2020, eine Kombination von Autobiographie und Reportage, hat sie dieses Gefühl analysiert und zugleich von ihrer Person abstrahiert, d.h. in gewissem Sinne verallgemeinert. Dieses Buch, dessen zunächst befremdlich anmutender Titel verständlich wird, sobald man die ersten Seiten gelesen hat, konnte Annie Zaidi als Preisträgerin des hochdotierten „Nine Dots Prize“ des Jahres 2019 für ihren Aufsatz über die Preisfrage „Gilt es immer noch: Zuhause ist es am besten?“ verfassen. Derzeit lehrt Annie Zaidi neben ihrer literarischen Tätigkeit und ihrer Arbeit als Kolumnistin für die Zeitung The Hindu als Associate Professor für Journalismus an der Jindal School of Journalism and Communication (JSJC) in Sonipat (Haryana).

Werk

Auf dem skizzierten biographischen Hintergrund kreist Annie Zaidis journalistisches, poetisches, dramatisches und schriftstellerisches Schaffen seit ihrer Gedichtsammlung Crush aus dem Jahr 2007 bis zu ihrem ersten Roman Prelude to a Riot aus dem Jahr 2019 und der Denkschrift Bread Cement Cactus um die Themen Migration und Entwurzelung, Armut und Diskriminierung, Frauenfeindlichkeit und um den seit der Teilung des Landes 1947 immer wieder aufbrechenden und oft auch absichtlich geschürten Hindu-Muslim-Konflikt.

So ausgreifend Annie Zaidis thematische Interessen sind, so virtuos und vielseitig ist auch ihr Umgang mit den unterschiedlichsten Darstellungsformen. Als gelernte Journalistin beherrscht sie selbstverständlich das Genre der Reportage oder der ethnographischen Beschreibung, als Dramatikerin und Regisseurin von Kurzfilmen bewegt sie sich auch in diesem Bereich souverän, und als Romanschriftstellerin – das zeigt Prelude to a Riot – kann sie durch eine Mischung dieser unterschiedlichen Stile (Gedicht, Drama, Prosa, Zeitungsartikel) dem Genre neue Impulse verleihen: Prelude to a Riot ist keine lineare Erzählung, sondern führt wie ein Theaterstück zu Beginn die dramatis personae auf und lässt sie in eigenen Monologen ihre Sicht der Dinge erläutern.

Mit knapp dreißig Jahren hat Annie Zaidi begonnen, sich einen Namen zu machen und ihn in den folgenden Jahren durch herausragende, mit Preisen bedachte Werke zu festigen.

Gerhard Bierwirth

Eigene Werke (Auswahl)

  • Crush, 2007 (Gedichtsammlung, illustriert)
  • Name, Place, Animal, Thing, 2009 (Theaterstück)
  • Known Turf: Bantering with Bandits and other True Tales, 2010 (Reportagen, Reisebeschreibungen, autobiographische Essays über diverse Themen wie religiöse Konflikte, die Tötung weiblicher Föten/Säuglinge, Kastenkonflikte u.ä.)
  • Gulab Love Stories #1 to 14, 2012 (Kurzgeschichten)
  • Untitled-1, 2018 (Theaterstück)
  • Prelude to a Riot, 2019 (Roman)
  • Bread Cement Cactus, 2020 (siehe oben)

Herausgeberschaft

  • Unbound: 2000 Years of Indian Women's Writing, 2015 (Anthologie bekannter und weniger bekannter indischer Autorinnen von Gedichten, Essays, Geschichten, Memoiren)

Auf Deutsch erschienen

  • Anstiftung zum Mord (Prelude to a Riot), Roman, Draupadi Verlag, 2020

Auszeichnungen

  • Prakriti Prize for Poetry 2010 für ihren Beitrag zum Chennai-Festival Poesie und Tanz
  • Hindu Playwright Award 2018 für das Theaterstück Untitled
  • Tata Live Fiction Book Prize 2020 für Prelude to a Riot
  • Nine Dots Prize 2019 für Bread Cement Cactus (ninedotsprize.org)

Leseproben

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