Anees Salim
Zur Person
„Der schriftstellerische Alltag ist heutzutage geprägt von Lesungen, Podiumsdiskussionen, Debattenbeiträgen, von Radiointerviews, Fernsehauftritten, Foto-Terminen, Agenten- und Steuerberatungsterminen, Gesprächen mit Schülern, mit Studenten, von Reisen ins In- und Ausland“. So die deutsche Schriftstellerin Tanja Dückers 2021 in ihrem „Selbstportrait des Schriftstellers als öffentliche Person“.
Das alles trifft auf Anees Salim nicht zu. Wie der Amerikaner Thomas Pynchon, der Deutsche Patrick Süßkind oder der Japaner Haruki Murakami gehört er zu den wenigen Autoren im überhitzten Literaturbetrieb, die bewusst hinter ihrem Werk verschwinden wollen, so Anees Salim in einem seiner raren Interviews mit The Hindu am 6. Dezember 2018.
Den 1970 in Varkala im keralesischen Distrikt Thiruvananthapuram (ehemals Trivandrum) geborenen Anees Salim, dessen Muttersprache Malayalam ist, kennt man „als Einsiedler, als Introvertierten, der Probleme im Umgang mit Menschenansammlungen und Fremden hat, so dass er nicht einmal an Preisverleihungen teilnimmt, um seine Literaturpreise abzuholen“, so der Artikel „You can write for the market or you can write without compromise“ vom 28. Januar 2019.
Ungewöhnlich an Anees Salim ist darüber hinaus seine Doppelbeschäftigung. Tagsüber arbeitet er als Kreativdirektor der multinationalen Werbeagentur FCB (Foote, Cone & Belding), in den frühen Morgenstunden vor Arbeitsbeginn schreibt er seine Romane. Dieser bewusste Rückzug macht für Anees Salim das Schreiben, wie er an anderer Stelle einmal zu Protokoll gegeben hat, „zu einer höchst privaten Angelegenheit, fast zu einem streng gehüteten Geheimnis“. Nicht überraschend ist daher auch, dass in fast all seinen Romanen viele private, autobiographische Elemente zu finden sind.
Vielleicht kann man sogar seinen unverwechselbaren Stil ebenso wie die Wahl seiner Themen und Schauplätze zumindest teilweise als Be- und Verarbeitung eigener Lebenserfahrungen identifizieren: Seine abgebrochene Schulkarriere, sein Wunsch, schon als Jugendlicher Schriftsteller zu werden, seine eher freudlose Jugend in einer tristen Kleinstadt.
In seinem Roman Vanity Bagh aus dem Jahr 2013 bezeichnet dieser Name ein Stadtviertel, die Stadt selbst wird Mangobagh genannt – ein listiges Wortspiel des Autors: Bei Vanity Bagh muss man an W.M. Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (Vanity Fair) denken, bei Mangobagh kann man daran denken, dass in Hindi mango = aam gelesen werden kann, womit diese Stadt eben auch als „Stadt der kleinen, unbedeutenden Leute“ charakterisiert wird. Die Stadt, die Anees Salim porträtiert, ist in der Tat eine Stadt der kleinen Leute, in der Muslime wie Hindus zusammen einen kleinen Kosmos von Ambitionen, Aggressionen und Frustrationen bilden und in welcher Humor, Groteske und Tragik immer eng beieinander liegen.
Nach seinen literarischen Vorbildern befragt, nennt Salim wenig überraschend neben Graham Greene, Saul Bellow und Julian Barnes den populären anglo-indischen Erzähler Ruskin Bond und den berühmten Autor des kleinstädtischen Indien (der fiktiven Stadt Malgudi) R. K. Narayan.
Dass Anees Salim aber alles andere als ein Autor idyllischen oder nostalgischen Kleinstadtlebens ist, zeigt seine lakonische, unsentimentale Behandlung politisch brisanter Zustände wie dem von Indira Gandhi ausgerufenen Notstand (emergency, 1975-1977) in seinem Erstlingsroman The Vicks Mango Tree von 2012. Auch Vanity Bagh spielt auf dem Hintergrund der anhaltenden Spannungen zwischen Hindus und Muslimen, die im Indien des 20. und 21. Jahrhunderts durchaus schon zu Mord und Totschlag geführt haben.
Gerhard Bierwirth
Weitere Werke
- Tales from a Vending Machine (2013) – die eher gefällige Erzählung der Sehnsüchte und Nöte einer jungen Frau, Hasina Mansoor, die am Flughafen Tee-Automaten bedient
- The Blind Lady's Descendants (2014) – die Geschichte der blinden Großmutter des Autors
- The Small-Town Sea (2017) – ein stark autobiographisch geprägter Roman, in dem Anees Salim einem kleinen Jungen, der unbedingt Schriftsteller werden möchte, ein amüsant-ergreifendes Denkmal setzt. Die Stimme des Erzählers, so Salim, hat er der Stimme seines eigenen kleinen Sohnes abgelauscht.
Ehrungen und Preise (Auswahl)
- Hindu Literary Prize für Vanity Bagh
- Sahitya Akademi Award für The Blind Lady's Descendants
Auf Deutsch erschienen
Auf Deutsch ist von Anees Salim bisher nur der Roman Fünfeinhalb Männer erschienen, eine Übersetzung von Vanity Bagh (Draupadi-Verlag, Heidelberg, 2021).
Leseprobe aus „Fünfeinhalb Männer“ [Vanity Bagh]
Kaum eine Meile lang, besteht Vanity Bagh aus einer langen Reihe alter Gebäude, die sozusagen an der Ampel der Char Bazaar-Kreuzung darauf warten, dass es „Grün“ wird, damit sie über den Zebrastreifen schlurfen und zu der architektonischen Revolution, die seit der Jahrtausendwende über die Stadt Mangobagh hinweggefegt ist, aufschließen können. Aber für sie wird es nie „Grün“, und so bleiben sie eben auf beiden Seiten einer einigermaßen breiten und unverhältnismäßig hektischen Straße stehen. Das war mir schon immer an Vanity Bagh aufgefallen. Da war immer was los, eigentlich unverständlich, weil da ja keine wichtigen Büros oder Firmen untergebracht sind – keine Ämter der Regierung, wo man gegen Bestechung wichtige Genehmigungen oder Bescheinigungen bekommt, keine bekannten Läden, die das ganze Jahr über Ausverkauf haben und da haust auch kein bedeutender Fakir, der sogar Hepatitis B dadurch heilen kann, dass er dir in die Ohren bläst. Nichts, was Menschenmassen anziehen könnte. Das Einzige, was es hier gibt, ist eine Reihe staubiger grüner Kolonnaden mit hölzernen Balkonen und schmiedeeisernen Geländern. Alle Gebäude sind gleichermaßen vernachlässigt, und nicht eines hat, seitdem Bushra Jabbari, meine Mama, als junge Braut dieses Stadtviertel betreten hat, auch nur einen Tupfer Farbe gesehen.
Soweit ich mich erinnere, haben sich diese Häuser in dreißig Jahren kein bisschen verändert.
Bushra Jabbari (1962-)
Inmitten dieser grässlichen Gemäuerzeile steht die Masjid-e-Mosavi, eine winzige Moschee mit einer grünen Kuppel, in die freitags alle Leute des Viertels zum Beten kommen. Neben ihrem gewölbten Eingang gibt es außen eine schmale Treppe, die auf die Terrasse führt, von der sich fünf Mal am Tag beim Ruf des Muezzins die Tauben in die Lüfte erheben.
Nicht auf den Stufen sitzen. Hier nicht rauchen. Dies ist ein Gotteshaus. Kein Ort zum Herumlungern.
Kareem Jabbari (1953-)
Auch wenn wir keine Straßenräuber oder Massenmörder und nicht einmal halb so bekannt wie Meister Abu Hathim waren, haben die Leute im Viertel immer gedacht, dass mit unserer Bande etwas ganz und gar nicht stimmte. Die Leute wussten genau, wo sie mit uns zusammenrasseln könnten, und versuchten, es nach Kräften zu vermeiden. Wir hingen bei der Mogul-Bäckerei herum, die wahrscheinlich die besten Kebabs in ganz Mangobagh macht, oder hockten auf der Mauer, die die Eisenbahn errichtet hatte, um Übergriffe auf ihr Gebiet zu unterbinden. Wenn eine Polizeistreife durchs Viertel schlenderte, verdrückten wir uns in die Gasse in der Nähe des Café Irani, wo wir dann im Schatten von Abu Hathims zweistöckigem Haus herumlungerten und immer dann den Kopf einzogen, wenn er aus einem der oberen Fenster seinen Betelsaft auf die Gasse spuckte.
Wir nannten uns „Fünfeinhalb Männer“, obwohl wir eigentlich zu sechst waren. Aber in dem Viertel gibt es lauter komische Namen und komische Geschichten dazu. Einmal hat uns der Imam der Masjid-e-Mosavi erzählt, dass unser Viertel eigentlich nach der Ehefrau eines britischen Ingenieurs benannt worden sei, der vor hundert Jahren die Brücke über den Moosa-Fluss gebaut habe. Aber hat es jemals auf diesem Planeten eine Lady mit dem Namen „Vanity“ gegeben? Ich hege die größten Zweifel, ob diese Geschichte überhaupt stimmt, auch wenn der besagte Imam zufälligerweise mein eigener Vater ist.
Mit freundlicher Genehmigung des Draupadi Verlags
Weblinks
- Tanja Dückers: Selbstportrait des Schriftstellers als öffentliche Person
- I prefer my writings to speak for me: Anees Salim, The Hindu (6. Dezember 2018)
- You can write for the market or you can write without compromise (28. Januar 2019)
