Ambai (C.S. Lakshmi)
Ambai ist der Künstlername, den C.S. Lakshmi in ihren Jugendjahren für sich gewählt hat. Die Inspiration kam von einer starken Frauenfigur namens Parvathi in einer Novelle des Schriftstellers Devan. Beleidigt und abgewiesen von ihrem Mann, fängt Parvathi an, unter dem Pseudonym Ambai zu schreiben. C.S. Lakshmi war von der Stärke der Frau so beeindruckt, dass sie den Namen übernahm. Außerdem faszinierte sie die Figur der Amba im Epos Mahabharatha, die kraft ihrer Askese als Mann wiedergeboren wird, um am Krieg teilnehmen und sich an Bhishma, dem Staatsmann der Kuru-Dynastie, rächen zu können. “Der androgyne Aspekt von Ambai gefiel mir“, sagt Lakshmi, die Idee einer unabgegrenzten Geschlechterordnung.
Studium
Ambai wurde 1944 in Coimbatore (Tamil Nadu) geboren. Ihr Geschichtsstudium absolvierte sie in drei Metropolen Indiens, Bachelor in Chennai, Master in Bangalore und Doktorarbeit in Delhi. Nach ihrem Studium arbeitete sie zwei Jahre lang als Dozentin an einem College in Delhi. Im Jahre 1981 erhielt sie ein Stipendium der Ford Foundation für das Projekt Illustrated Social History of Women in Tamil Nadu. 1992 bekam sie ein Stipendium der Homi Bhabha Stiftung für ein Projekt über Frauen aus den Bereichen Musik, Tanz und Kunst. Das Ergebnis wurde vom Verlag Kali for Women in zwei Bänden als Singer and the Song bzw. Mirrors and Gestures herausgebracht.
Beginn der literarischen Laufbahn
Die Weichen für ihr literarisches Schaffen wurden bereits in ihrer Jugend gestellt. Ihre Großmutter, eine Autodidaktin und Kennerin tamilischer Literatur, erweckte in ihr eine große Liebe dafür. Die im konventionellen, oft romantischen Stil geschriebenen Bücher und Zeitschriften, die Ambai als junges Mädchen verschlang, prägten ihre eigene Schreibweise, als sie mit sechzehn anfing zu schreiben. Ihre Weltsicht und damit auch ihr kreatives Schreiben reiften im Laufe der Zeit. Sie experimentierte mit der Form und erweiterte ihre Themen.
Kernthemen
Ihre Kurzgeschichten – ihr Spezialgebiet – stellen Themen wie menschliche Beziehungen, männlich dominierte Gesellschaftsstrukturen, Ent- und Ermächtigung der Frauen in den Mittelpunkt, betonen, dass Frauen Anspruch auf ihren Körper und Sexualität haben und dass sie kein Gegenstand im Eigentum anderer sind, sondern selbstbestimmende Subjekte.
Feminismus
Ambais Frauenfiguren in ihren späteren Werken hinterfragen die Verhaltensmuster, die ihnen von der Männerwelt vorgeschrieben und aufgedrückt werden. Wie eine “gute” Frau zu denken, lieben und leben hat, sei fremdbestimmt, meint Ambai. Eine Gewaltanwendung seitens der Männergesellschaft gegenüber Frauen ist ihrer Meinung nach die Enteignung ihres Körpers und der Entzug der darauf bezogenen Möglichkeiten.
Angesprochen auf das weitgehend tabuisierte Thema Sexualität, betont Ambai, dass dies erst in neuerer Zeit ein Tabu geworden sei. In der klassischen tamilischen Literatur hätten Begehren und körperliche Liebe einen festen Platz gehabt.
Ambai lehnt jedoch die Etikettierung als Frauenautorin ab und plädiert dafür, ihr Werk als an die gesamte Gesellschaft gerichtet zu betrachten.
Werke (Auswahl)
Der Blick auf das Leben aus der Perspektive der Frau und die daraus entstehenden Fragestellungen zeichnen Ambais Schreiben aus. In ihrer 1970 veröffentlichten Geschichte Tanimaiyennum Iruttu („Im Dunkel der Einsamkeit“) werden zwar die häusliche Isolation und die Einsamkeit thematisiert, jedoch klammert sich die Frau an den abwesenden Mann oder an das in ihrer Fantasie erzeugte idealisierte Bild des Ehemannes. Ihre späteren Werke markieren eine radikale Abkehr von dieser Haltung.
Amma Kolai Seythal („Mutter beging einen Mord“) und Kaattil oru Maan („Ein Reh im Wald“) thematisieren die Körperlichkeit der Frau und die daraus entstehenden soziokulturellen Verwicklungen.
Veettin moolayil oru samayalarai („Im Küchenanbau“) beschreibt das ‚Reich’ der Frauen in einer Großfamilie, eine winzige, dunkle Ecke im Haus, wo sich die Frauengestalten schattenartig bewegen und tagein tagaus unermüdlich Essen herstellen. Die jüngste Schwiegertochter organisiert einen Familienausflug, um die Frauen zu entlasten, ist aber entsetzt zu sehen, dass an dem Tag die Küche noch früher aufwacht, um Essenspakete für unterwegs zuzubereiten. Ambai kontrastiert in dieser Geschichte die Haltung der älteren Frauen, die sich wohl oder übel ins vorherrschende patriarchalische System fügen, mit dem kritischen Geist der Jüngsten. Für die älteste Schwiegertochter genügt der Küchenschlüssel als Symbol ihrer Autorität, während die Jüngste auf Autonomie, auf das Entkommen aus diesem ‚Reich’ setzt.
Arambakala kavithaigal („Frühe Gedichte“) erzählt von einer Sechzehnjährigen, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Gedichte zu schreiben. Ihre ersten andachtsvollen Gedichte sind ein Appell an ihre Götter, ihr die Gabe zu schenken. Nachdem sie eines Tages Zeugin davon wird, wie der betrunkene Ehemann von Kempamma, der Haushaltshilfe, sie brutal zu Boden schlägt, versickert langsam ihr lyrischer Antrieb. Das Trauma des Alltags beraubt sie ihrer Kreativität. Ambai machte es zu ihrer Lebensaufgabe, Frauen wie der Protagonistin dieser Geschichte Raum zu geben und ihre Talente ans Tageslicht zu bringen.
Ambais Themen sind vielfältig, jedes Thema beleuchtet einen anderen Aspekt der Wirklichkeit. Ambai sieht die Rolle der Literatur darin, dieser sich ständig ändernden Wirklichkeit eine Sprache zu verleihen.
Memoiren
- When I was Young: Walking Erect with an Unfaltering Gaze, National Book Trust, 2013
Sachliteratur
Ambai hat außerdem Sachbücher auf Englisch verfasst, darunter: The Face Behind the Mask: Women in Tamil Literature (Vikas, New Delhi, 1984); Consciousness and Women als Teil der Serie “Seven Seas and Seven Mountains”: The Singer and the Song und Mirrors and Gestures, erschienen 2000 bzw. 2002 bei Kali for Women, New Delhi.
Praktische Sozialforschung, der zweite Flügel Ambais
Trotz ihrer beträchtlichen Leistung und Anerkennung in der literarischen Welt hat Ambai keine sehr hohe Meinung von der Fähigkeit von Literatur, sozialen Wandel hervorzurufen. Die Änderungen, die man in der Gesellschaft sehen will, sollen durch Aktivitäten geschehen, die Literatur einschließen, aber darüber hinaus gehen müssen, so Ambai.
Ausgehend von dieser Überzeugung gründete sie 1988 SPARROW (Sound and Picture Archives for Research on Women), eine Organisation, die das Leben und die Geschichten von Frauen aus allen Bereichen dokumentiert, abgesehen von einer umfangreichen Archivierung von Büchern, Zeitungsausschnitten und Bildmaterialien. Ambais künstlerische Aktivität durch ihr Schreiben und die praxisorientierte Recherche durch SPARROW ergänzen und bereichern einander. Über die arbeitsbedingten Reisen und Begegnungen mit Menschen in vielen verschiedenen Gegenden und Kulturen sagt sie: „Manche dieser Erfahrungen finden auf eine abstrakte Weise Eingang in meine Geschichten.“
Literarische Werke in Übersetzung
Englische Übersetzungen von Ambais Geschichten sind in 6 Bänden erschienen: A Purple Sea, In a Forest, A Deer, Fish in a Dwindling Lake, A Night with a Black Spider, A Meeting on the Andheri Overbridge und A Red-Necked Green Bird.
Außerdem wurden Werke von Ambai in zahlreiche indische Sprachen, ins Französische, Spanische und Schwedische übersetzt.
Auf Deutsch erschienen
- Ein Reh im Wald in „Meine Welt“, Heft 2, 2013, S. 60–63
- Im Küchenanbau in: „Frauen in Indien. Erzählungen“, dtv 2006, S. 38–61
Auszeichnungen (Auswahl)
Ambai hat zahlreiche Auszeichnungen für ihr literarisches Werk und für ihr soziales Engagement erhalten. Die bedeutendste Anerkennung ist der Sahitya Akademi Award (2021), die höchste literarische Auszeichnung Indiens, für ihren 2018 erschienenen Band mit Erzählungen Sivappu kazhuthudan oru pachhai paravai („Ein grüner Vogel mit rotem Hals“).
Übersetzerisches Werk
Ambai ist auch aktiv als Übersetzerin. Herauszuheben ist ihre englische Übersetzung Black Coffee in a Coconut Shell: Caste As Lived Experience (Sage/Yoda Press, 2018) mit über 30 persönlichen Erfahrungsberichten zum Kastenthema, herausgegeben von dem bekannten Tamil-Schriftsteller Perumal Murugan.
Hem Mahesh
Leseprobe
Rezensionen
- In a Forest, A Deer (Women’s Web, 3. Januar 2013)
- A night with a black spider (Book and Conversations, 24.02.2018)
- A kitchen in the corner of the house (Washington Independent Review of Books, Sept. 2019)
- A red necked green bird (Livewire, Mai 2021)
Interviews
- Feminism is about leading a non-degraded life (India Together, 2. Januar 2016)
- There is no need to specify that I am a woman writer (Scroll.in, September 2017)
