Tulsi Ram (1949-2015)

Zur Person

Tulsi Ram Prof. Dr. Tulsi Ram Foto: Forward Press, 01.11.2015

Tulsi Ram wurde 1949 in dem Dorf Dharampur im Distrikt Azamgarh, Uttar Pradesh, geboren. Seine Kindheit und Jugend waren von harter landwirtschaftlicher Arbeit, Kastendiskriminierung und Aberglauben geprägt. Aufgrund der sichtbaren Narben sowie der Blindheit auf einem Auge infolge einer Pockeninfektion litt Tulsi Ram stärker als die übrigen Dalits seines Umfelds unter der vorherrschenden Diskriminierung.

Bereits in seiner Kindheit erkannte Tulsi Ram in der Bildung einen möglichen Ausweg aus der Armut des Dorflebens und erkämpfte sich den Zugang zu dieser, selbst wenn dies immer wieder zu Zerwürfnissen mit seiner Familie führte. So besuchte Tulsi Ram im Anschluss an die Primary School das D.A.V. Inter-College in Azamgarh, obwohl seine Familie strikt dagegen war. Die Missbilligung der Familie beruhte auf ihrem Aberglauben sowie der Beeinflussung durch die Brahmanen seines Heimatdorfes, denen zufolge zu viel Lernen bei einem Jungen seiner Abstammung Wahnsinn herbeirufen würde.

Auf das Inter-College folgte der Besuch der Banaras Hindu University und eine Promotion in International Politics. Seit seiner Kindheit war Tulsi Ram fasziniert von dem kommunistischen Programm sowie den Grundsätzen des Buddhismus. Als seine persönlichen Vorbilder nennt er Buddha, Karl Marx sowie den Sozialreformer Bhimrao Ramji Ambedkar, selbst ein Dalit-Aktivist. Tulsi Rams religiöse und politische Vorbilder prägten seinen wissenschaftlichen Werdegang. Zuletzt arbeitete er als Professor am Centre for Russian and Central Asian Studies der School of International Studies an der renommierten Jawaharlal Nehru University. Zu seinen speziellen Themengebieten zählten der Marxismus und die internationale Politik – insbesondere mit Blick auf die Sowjetunion – sowie buddhistische und ambedkaristische Perspektiven auf beide.

Die Erfahrungen – positive wie negative –, die Tulsi Ram in seinem Leben machte, verarbeitete er literarisch in seiner Autobiografie. Nachdem zunächst sieben einzelne Folgen in der Literaturzeitschrift Tadbhav erschienen, wurden diese 2010 als eigenständiges Buch unter dem Titel Murdahiya publiziert. Dieses umfasst die Jahre 1949-66, d.h. Tulsi Rams Kindheit und Jugend bis zum Abschluss der Oberstufe und dem Eintritt in das Inter-College. Murdahiya bezeichnet den rituellen Verbrennungs- und Bestattungsort seines Heimatdorfes. Die geschilderte Diskriminierung und Ausbeutung durch die höheren Kasten sowie die bittere Armut seiner eigenen Herkunft sind Gründe, weshalb Tulsi Ram sein junges Leben als metaphorisches Murdahiya bezeichnet. Trotz der starken Verbindung zum Tod assoziiert der Autor diesen Platz jedoch nicht nur mit negativen Emotionen und Erinnerungen. Er beschreibt diesen Ort als zentral für das Leben innerhalb der Dalit-Siedlung, auf dem auch das Vieh geweidet wird und der zeitweise für den jungen Tulsi Ram einen Zufluchtsort darstellt. Diese reflektierte Betrachtung des Verbrennungsplatzes mit all seinen Facetten ist kennzeichnend für Tulsi Rams gesamten Schreibstil. Innerhalb des Textes finden sich keine pessimistischen oder selbstmitleidigen Passagen. Stattdessen schildert er seine Kindheit und Jugend in einer objektiven Darstellung der Realität, stark in ihren grausamen Details und mitunter versöhnlich und humorvoll. Dabei erzählt Tulsi Ram aus der Perspektive des Erwachsenen, distanziert und reflektierend, wodurch es ihm gelingt, Missstände seines sozialen Umfelds wie die vorherrschende Doppelmoral, den Aberglauben, die Heuchelei oder Korruption aufzudecken.

Manikarnika, der Titel des zweiten Teils von Tulsi Rams Autobiografie, ist der Name eines weiteren Verbrennungsplatzes, dem berühmten Kremations-Ghat am Gangesufer in Varanasi. Der zweite Band erschien 2014 und handelt von seinen Studienjahren und seinem wachsenden politischen Engagement. Der frühe Tod Tulsi Rams, am 13. Februar 2015 in Delhi, verhinderte die Veröffentlichung des geplanten dritten und letzten Teils seiner Autobiografie.

Lisa Scholz

Literarische Werke

Autobiografie:

  • Murdahiya (मुरदहिया), Delhi: Rajkamal Prakashan 2010
  • Manikarnika (मणिकर्णिका), Delhi: Rajkamal Prakashan 2014

Auf Deutsch erschienen

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