K.P. Purnachandra Tejasvi (1938-2007)
Zur Person
Vielleicht ist es eine der Besonderheiten der Kannada-Literatur der Nach-Unabhängigkeitszeit, dass ein Autoren-Dreigestirn heraufzog, das bis heute nachhaltige Spuren in der literarischen Landschaft dieser Regionalliteratur Indiens hinterlassen hat. Dabei unterschieden sich die drei Autoren durchaus stark in Herkunft, Lebenslauf und nicht zuletzt auch in ihrem Umgang mit der Sprache. Neben U.R. Ananthamurthy (1932-2014), der sich durch seine englischen Aufsätze, vielfache Auslandsaufenthalte und gelungene englische Übersetzungen seiner Werke auch außerhalb Indiens einen Namen machen konnte, gehören zu diesem Dreigestirn P. Lankesh (1935-2000) sowie K.P. Purnachandra Tejasvi. Letzterer soll hier vorgestellt werden.
Geboren am 8. September 1938 im Dorf Kuppali im Unionsstaat Karnataka, schien Kuppali Purnachandra Tejasvi das Schreiben bereits in die Wiege gelegt. Sein Vater, Kuppali Venkatappa Puttappa („Kuvempu“), wird heute im Kannada-Sprachgebiet als „Nationaldichter“ verehrt. Tejasvi gelang es jedoch bereits mit seinen ersten Werken, aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten.
Nach dem Studium in Mysore erwarb er eine Kaffee- und Kardamomplantage in den Bergen der Westghats nahe der Kreisstadt Mudigere. Viele seiner Werke sind in der Umgebung dieser Bergregion, die auch als Malenadu bezeichnet wird, angesiedelt. Dies gilt im Besonderen für seine Romane Nigūḍha Manuṣyaru (1976), Karvālo (1980), Cidambara Rahasya (1985), Jugāri Krās (1994) und Māyālōka (2007). In seinen Romanen bedient sich Tejasvi häufig der Stilmittel verschiedenster Genres, vom Kriminalroman bis zum Thriller, vom sozialkritisch-philosophischen Essay bis zum Dorfschwank. Der z.T. bissige, aber nie unmenschliche Humor ist ein weiteres Markenzeichen Tejasvis. Über sein literarisches Werk hinaus entwickelte er seine eigene Philosophie, die man am ehesten als „Öko-Humanismus“ bezeichnen könnte. Vielfach beschäftigt er sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur ebenso intensiv wie mit der Beziehung zwischen Menschen verschiedener sozialer Hintergründe untereinander.
Der Roman Karvālo, der seit 2018 auch in deutscher Übersetzung vorliegt, ist wahrscheinlich Tejasvis erfolgreichstes Werk. Aus einer stark autobiographisch gefärbten Perspektive wird zunächst das Leben in der Gegend um Mudigere in den Westghats beschrieben. Als der Ich-Erzähler eigentlich gerade des Landlebens überdrüssig geworden ist und seine erfolglose Plantage verkaufen möchte, lernt er eine Reihe von Leuten kennen, von denen ein gewisser Professor Karvalo der Wichtigste wird. Nach einigen unterhaltsamen Episoden rund um die Imkerei, eine Dorfhochzeit und einen Schwarzbrennerei-Prozess findet sich rund um Karvalo und den Erzähler eine wild zusammengewürfelte Gruppe von Männern ein, die sich im Dschungel auf die Suche nach der sagenhaften fliegenden Eidechse machen. Die Expedition bietet den Hintergrund für philosophische Betrachtungen zur Komplexität der Umwelt und über die Evolution des Lebens auf der Erde. Sie ist auch Gelegenheit für die Protagonisten, sich selbst gegenüber zu treten und ihr eigenes Verhältnis zur Umwelt auszuloten.
Wie sein Kollege Ananthamurthy begann Tejasvi seine literarische Karriere im Zeichen der modernistischen navya-Bewegung. Im weiteren Verlauf seines Schaffens trug er jedoch maßgeblich dazu bei, durch einige kreative Werke im Zeichen der sozial engagierten navyottara-Bewegung der sogenannten „Protestliteratur“ (baṇḍāya) den Weg zu ebnen, insbesondere mit seiner zweiten Kurzgeschichtensammlung Abacūrina Pōsṭāfisu (1973), deren Titelgeschichte – wie viele Werke Tejasvis – auch verfilmt wurde.
Tejasvi wurde für sein literarisches Schaffen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter auch solchen, die vor allem die besondere kreative Neuartigkeit seiner Prosa honorierten.
Von gesellschaftlicher Bedeutung ist neben dem literarischen Werk Tejasvis auch sein populärwissenschaftliches Werk. Während in seinen Romanen und Kurzgeschichten ein Bildungsanspruch deutlich hervorsticht, setzte er diesen z.B. in seinen Veröffentlichungen zu Flora und Fauna der Westghats ganz explizit in die Tat um. Dasselbe gilt für seine groß angelegte „Millenium“-Serie, in der er aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten kannadasprachlichen Publikum zugänglich machen wollte.
K.P. Purnachandra Tejasvi starb am 5. April 2007 in seinem Haus in der Nähe von Mudigere, Karnataka.
Nach seinem Tod gab seine Frau Rajeshvari nicht nur eine Biographie ihres Mannes heraus, sondern auch seinen ersten Roman Kāḍu mattu Kraurya, den er als 24-jähriger geschrieben und niemals veröffentlicht hatte. Tejasvis Werke sind fester Bestandteil des Curriculums der Kannada-Studiengänge an den Universitäten Karnatakas und erleben regelmäßige Neuauflagen.
Katrin Binder
Werke
Romane:
- Svarūpa (1966)
- Nigūḍha Manuṣyaru (1976)
- Karvālo (1980) – Deutsch: Die fliegende Eidechse, 2018
- Cidambara Rahasya (1985)
- Jugāri Krās (1994)
- Māyālōka (2007)
Kurzgeschichtensammlungen:
- Huliyūrina Sarahaddu
- Abacūrina Pōsṭāfīsu (1973)
- Kiragūrina Gayyāḷigaḷu (1991)
- Parisarada Kate (1993)
- Ērōplēn ciṭṭe mattu itara kategaḷu (1993)
- Pākakrānti mattu itara Kategaḷu (2008)
Auf Deutsch erschienen
- Die fliegende Eidechse. Übers. von B.A. Viveka Rai und Katrin Binder, Heidelberg 2018
Leseprobe: Beginn des Romans „Die fliegende Eidechse“
Als ich durch die Tür der Mudigere-Imkervereinigung trat, lag der Beginn der Regenzeit in Malenadu schon einige Monate zurück. Die ganze Stadt bestand aus Matsch und Schlamm. Ich spazierte dort einfach herein – mit Fußpilz zwischen den Zehen, einem Schnupfen in der Nase und mit nassen Hosen. Während ich noch überlegte, ob draußen auf dem Schild statt „Imker-Hilfs-Verein“ nicht besser „Imker-Hilfsverein“ stehen sollte, sah ich mich um. Von der Veranda gingen eine große Halle und ein kleiner Raum ab. Weil in der Halle niemand zu sehen war, ging ich auf den kleinen Raum zu, den ich für das Büro hielt.
Mein Vater hatte geschrieben, dass er etwas Honig brauche, und weil Honig in Mysore teuer war, sollte ich doch mal schauen, ob in Mudigere Honig nicht billiger zu haben war. Irgendein Ayurveda-Arzt hatte ihm geraten, jeden Morgen einen Löffel Honig in Wasser aufgelöst zu trinken, deshalb brauchte er ein halbes Glas Honig pro Monat. Ich hatte ausgerechnet, dass er auf diese Weise sieben Gläser Honig in einem Jahr brauchen würde, für jedes Glas zehn Rupien veranschlagt und war mit siebzig Rupien in der Tasche gekommen.
Als ich meinen Kopf in das Büro steckte, saßen da zwei junge Männer und schrieben. Einer von ihnen hob den Kopf, bemerkte mich und schaute mich fragend an. Ich hatte kaum „Honig“ gesagt, kam wie aus der Pistole geschossen: „Wir kaufen gerade keinen Honig. Wir werden auch die nächsten zwei Monate noch keinen Honig ankaufen.“ Während er sprach, hörte auch der andere junge Mann mit dem Schreiben auf und blickte hoch. Offensichtlich erkannte er mich. Erschrocken sprang er auf und rief dem anderen zu: „He, halt mal!“ Dann wandte er sich an mich: „Kommen Sie, Sir, kommen Sie herein.“ Es befriedigte mich sehr, dass er mich erkannt hatte. Innerlich verfluchte ich meine dreckigen Kleider. Ich trat ein und setzte mich auf den Stuhl, auf den er wies.
„Das war doch Ihr Film, Sir, oder?“ fragte er grinsend.
„Nein, nein, der Film war nicht von mir. Nur die Geschichte, die verfilmt wurde, war von mir.“
Der, der zuerst gesprochen hatte, schämte sich jetzt, dass er so ungeschickt gewesen war: „Guten Tag, Sir. Ich habe Sie nicht erkannt. Ich dachte, da ist wieder einer gekommen, um Honig abzuliefern.“
„Ich bin nicht gekommen, um Honig abzuliefern, sondern um Honig zu kaufen. Ich hätte gern sieben Gläser.“
„Wir haben leider keine Gläser, Sir. Haben Sie irgendetwas mitgebracht? Wir füllen Ihnen Honig ab“, sagte der eine.
Der, der mich erkannt hatte, stellte jetzt sich und den anderen vor: „Sir, das ist Mandanna. Er ist Imkerlehrling. Mein Name ist Lakshmana. Ich hab grade erst hier zu arbeiten angefangen.“ Mandanna stand auf, grüßte und setzte sich wieder. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er mich immer noch nicht erkannte. Lakshmana drehte sich zu ihm um: „He, Manda, weißt du nicht, wer das ist?“ Mandanna wiegte den Kopf, als wolle er sagen, „doch, klar weiß ich das!“ Meine Ehre war gerettet. Ich schaute beide an und lächelte.
„Honig in Gläsern kostet zehn Rupien das Glas, Sir. Wir geben Ihnen Honig aus dem Krug, der ist einiges billiger“, sagte Mandanna.
Ich bat sie, mir zu erklären, was genau der Unterschied zwischen dem Honig in Gläsern und Honig aus dem Krug sei. Mandanna hielt mir gleich einen kleinen Vortrag: „Wenn wir den Honig in Gläser abfüllen, pressen wir ihn mit der Maschine aus. Bei dem aus dem Krug machen wir das mit der Hand. Krughonig sieht ein bisschen trüber aus. Mit etwas Erfahrung kann man den Unterschied zwischen Gläserhonig und Honig aus dem Krug schon am Glanz erkennen.“ Man merkte schon an seinen Worten, dass er gerade erst mit der Lehre angefangen hatte. Er sprach, als würde er in einer Prüfung seine auswendig gelernte Lektion herunterbeten.
Was bedeutete mir schon der Glanz von Honig! Mein Vater kannte sich auch nicht so gut aus, dass er die Honigsorte würde identifizieren können. Ich sagte ihnen, dass sie mir Honig aus dem Krug geben sollten.
Aber ich wusste ja nicht, für wieviel sie den Krughonig verkauften. Wahrscheinlich würden sie mir einfach einen vollen Krug geben.
Lakshmana fragte: „Wieviel möchten Sie denn?“
Ich antwortete: „Ich habe siebzig Rupien bei mir. Gebt mir einfach, was ich dafür kriegen kann.“ Sofort veränderte sich bei beiden der Gesichtsausdruck. Entgeistert fragten sie: „So viel! Wieso denn, Sir?“ „Ja, wie viel gibt's denn dafür?“ fragte ich zurück. Lakshmana sagte: „Schauen Sie, Sir, legen Sie doch noch acht Rupien drauf. Für achtundsiebzig Rupien gibt es einen ganzen Kanister.“
Mit freundlicher Genehmigung des Draupadi Verlags, Heidelberg
