Ruskin Bond

Zur Person

Ruskin Bond in seinem Arbeitszimmer Ruskin Bond in seinem Arbeitszimmer Foto: R. Schein

Ruskin Bond, geb. 19. Mai 1934 in Kasauli, einem bei den Kolonialbeamten des ehemaligen Britisch-Indien beliebten Erholungsort im westlichen Himalaya. Er lebt in Mussoorie im indischen Bundesstaat Uttarakhand.

Da die Ehe seiner Eltern disharmonisch war und später geschieden wurde, wuchs Bond teils beim Vater in Gujarat und Delhi auf, teils bei der Mutter und den Großeltern in Dehradun. Die Schulzeit verbrachte er größtenteils in ungeliebten Internaten.

Bond gehört der anglo-indischen Minderheit an. Väterlicherseits ist er britischer, mütterlicherseits anglo-indischer Abstammung. Nachdem Indien 1947 unabhängig wurde, verließen fast alle Briten das Land, so auch ein großer Teil von Bonds Verwandtschaft. Nach Abschluss der Schule verbrachte er zwei Jahre bei Verwandten auf den britischen Kanalinseln und zwei weitere Jahre in London. Dort entstand sein erster – autobiographisch geprägter – Roman The Room on the Roof, dessen Ich-Erzähler, der jugendliche Rusty, in Dehradun eine Dachkammer bewohnt. Nachdem Bond dafür einen Verlag gefunden und eine Vorschusszahlung erhalten hatte, kaufte er sich von dem Geld eine Schiffspassage nach Indien, wo er sich heimischer fühlte als in England. Es folgten einige Jahre journalistischer Tätigkeit in Delhi und Dehradun. Seit 1963 lebt er als freier Schriftsteller in Mussoorie.

Werke

Bonds Werk umfasst Kurzgeschichten und längere Erzählungen, Romane, Essays, Reiseberichte, Memoiren und Jugendbücher. Er ist in Indien sehr bekannt und beliebt. Seine Short-Story-Bände Time Stops at Shamli (1989) und The Night Train at Deoli (1988) wurden mehrfach neu aufgelegt. Bond zeichnet darin realistische Bilder unterschiedlicher Milieus. Seine Protagonisten müssen hart arbeiten, oft ums blanke Überleben kämpfen. Ein versöhnliches Element kommt durch Humor und feine Ironie ins Spiel.

In mehreren Werken spürt Bond den differenzierten Beziehungen zwischen Indern und Europäern nach. Der Kurzroman A Flight of Pigeons (1973) spielt zur Zeit der „Sepoy Mutiny“ (1857/58), einer Rebellion indischer Soldaten in Diensten der East India Company, die heute als erster indischer Unabhängigkeitskampf gewertet wird. Hier erzählt Bond vom prekären Schicksal einer anglo-indischen Familie in den Wirren dieser Zeit. In Strange Men, Strange Places (1992) porträtiert er europäische Abenteurer und Militärs, die sich im 18. und 19. Jahrhundert in Dienste indischer Maharajas begeben hatten.

Bonds Bücher lassen seine tiefe Naturverbundenheit erkennen. Schon früh prangerte er Umweltsünden wie die Verschandelung der Bergwelt des Himalaya durch Steinbrüche und Waldabholzung an. Als Hommage an die geliebten Berge kann man seine Reiseskizzen All Roads lead to Ganga (1992), Rain in the Mountains. Notes from the Himalayas (1993) und Tales of the Open Road (2006) lesen.

In A Face in the Dark and other Hauntings. Collected Stories of the Supernatural (2004) knüpft Bond an die Tradition der Spuk- und Gespenstergeschichte an.

2012 erschien der Roman Maharani, 2015 A Book of Simple Living: Brief Notes from the Hills (Essays und Reflexionen), die Erzählungen Small Towns, Big Stories und 2020 The Call of the Mountains. Tales, Reminiscences, Encounters & Anecdotes.

2017 veröffentlichte Bond seine Autobiografie unter dem Titel Lone Fox Dancing.

Auf Deutsch erschienen

  • Die Straße zum Basar (The Room on the Roof), Albert Langen Georg Müller, München 1958
  • Damals zur Zeit des Monsuns, mit Federzeichnungen von Ingrid Hegemann. Georg Bitter Verlag, Recklinghausen 1985
  • Ein Schwarm Tauben (A Flight of Pigeons), Draupadi Verlag, Heidelberg 2010
  • Geschichten aus dem Herzen Indiens (Auswahl seiner Kurzgeschichten), Kitab Verlag, Klagenfurt 2013

Verfilmungen

1978 entstand nach Bonds historischem Roman A Flight of Pigeons unter der Regie von Shyam Benegal der Hindi-Film Junoon (etwa: „Wahnsinn/Besessenheit“), der zu einem modernen Klassiker des indischen Films wurde.

2005 verfilmte Vishal Bharadwaj Bonds Jugendroman The Blue Umbrella (1980).

2011 erweiterte Bond seine Kurzgeschichte Susanna’s Seven Husbands auf Wunsch von Vishal Bharadwaj zu einer längeren Novelle, die unter dem Titel 7 Khoon Maaf („Sieben Bluttaten verziehen“) von Vishal Bharadwaj verfilmt wurde – die von schwarzem Humor getragene Geschichte einer Frau, die nacheinander ihre Ehemänner tötet.

Ausführliche Bibliographie

Rezensionen

Leseproben

Leseprobe: Gefangen!

Wir hatten ungefähr einen Monat bei Lala verbracht, und dies sollte unser letzter Tag in seinem Haus sein.

Wie gewöhnlich hockten wir alle zusammen in einem Zimmer und besprachen unsere Zukunftsaussichten, als von draußen Männerstimmen unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen.

„Macht die Tür auf!“, schrie jemand, und es wurde laut an die Eingangstür gepocht. Wir reagierten nicht auf die Aufforderung, sondern warfen einander ängstliche Blicke zu. Lalain, die bei uns gesessen hatte, stand auf, ging aus dem Zimmer und sperrte unsere Tür von der anderen Seite mit der Kette ab.

„Macht auf, oder wir brechen die Tür auf!“, verlangte eine Stimme von draußen und das Pochen wurde noch heftiger.

Schließlich ging Ratna zur Eingangstür und öffnete sie, worauf zwanzig bis dreißig mit Schwertern und Pistolen bewaffnete Männer hereinstürmten. Einer von ihnen, der gerufen hatte und ihr Anführer zu sein schien, befahl den Frauen aufzustehen und aufs Flachdach des Hauses zu steigen, da er vorhatte, alle Räume nach den flüchtigen Firangi zu durchsuchen. Lalas Familie konnte nichts tun als gehorchen, und alle stiegen aufs Dach. Die Männer kamen nun auf die Tür unseres Zimmers zu, wir hörten den Ruck der Kette, als sie abgezogen wurde. Der Anführer warf die Tür gewaltsam auf und kam mit einem blanken Schwert in der Hand herein.

„Wo ist Labadoors Tochter?“, wollte er von Mutter wissen, indem er sie am Arm packte und ihr eindringlich ins Gesicht starrte. „Nein, das ist sie nicht“, sagte er, ließ ihren Arm los und starrte dann mich an.

„Das ist das Mädchen!“, rief er aus, packte mich bei der Hand und zog mich von Mutter fort, ins Licht des Hofes. Er hielt sein erhobenes Schwert in der rechten Hand.

„Nein!“, rief Mutter angsterfüllt und warf sich vor mich. „Wenn du meine Tochter töten willst, dann bring erst mich um, ich flehe dich an beim Schwerte Alis.“

Ihre Augen waren blutunterlaufen und traten aus ihren Höhlen hervor, sie bot einen grandiosen und ziemlich schreckenerregenden Anblick. Ich glaube, mich ängstigte sie noch mehr als den Mann mit dem gezogenen Schwert. Aber ich klammerte mich instinktiv an sie und versuchte, meinen Arm dem Griff des Mannes zu entwinden. Der war so beeindruckt von dem Bild, das Mutter darbot, dass er die Spitze seines Schwertes senkte und uns beiden mit rauer Stimme gebot, ihm leise zu folgen, falls uns unser Leben etwas wert sei. Großmutter saß händeringend und verzweifelt da, während sich die anderen in einer Ecke zusammendrängten, um Pilloo, den einzigen Jungen, unter ihren Umhängetüchern zu verbergen. Der Mann mit dem Schwert führte Mutter und mich aus dem Haus, gefolgt von der Bande seiner Kumpane.

Es war Ende Juni; die Monsunregen hatten noch nicht eingesetzt. Es war fast Mittag, und die Sonne brannte gnadenlos. Die Erde war hart, trocken, staubig. Barfuß und barhäuptig folgten wir unserem Entführer ohne Murren, wie Lämmer, die zum Schlachten geführt werden. Die anderen schlossen uns ein, alle mit gezogenen Schwertern, deren stählerne Klingen in der Sonne glitzerten. Wir hatten keine Ahnung, wohin wir gebracht wurden und was uns erwartete.

Nach einer halben Meile Fußmarsch, auf dem unsere Füße auf der heißen Straße Blasen bekamen, hielt unser Entführer unter einem Tamarindenbaum nahe einer kleinen Moschee an und befahl uns zu rasten. Wir sagten ihm, wir seien durstig, und es wurde uns etwas Wasser in einem Messingkrug gebracht. Eine neugierige Menge hatte sich um uns versammelt.

„Dies sind die Firangi, die sich bei Lala versteckt hatten! Wie elend sie aussehen. Aber eine ist jung, sie hat schöne Augen, genau wie die ihrer Mutter, seht nur!“

Ein Pir, ein wandernder Asket, der bei der Gruppe war, berührte unseren Entführer an der Schulter und sagte: „Javed, du hast diese Unglücklichen in deine Gewalt gebracht, um dich mit ihnen zu vergnügen. Gib mir dein Ehrenwort, dass du sie nicht misshandeln oder töten wirst.“

„Dies ist also Javed Khan“, flüsterte Mutter.

Javed Khan, noch immer mit vermummtem Gesicht, hob sein Schwert schräg vor sein Gesicht. „Ich schwöre bei meinem Schwert, dass ich sie weder töten noch misshandeln werde!“

„Pass auf deine Seele auf, Javed“, sagte der Pir, „du hast einen Eid geleistet, den zu brechen wohl kein Pathane überleben würde. Lass diese beiden nicht zu Schaden kommen, oder du musst damit rechnen, nicht mehr lange zu leben.“

„Hab keine Sorge deswegen!“, sagte Javed Khan und gab uns ein Zeichen aufzustehen.

Wir folgten ihm wie zuvor, ließen die gaffende Menge zurück und nahmen eine Straße, die in die engen Gassen von Jalnagar führte, das Pathanenviertel der Stadt.

Nachdem wir mehrere Gassen entlanggegangen waren, kamen wir an einem kleinen Platz an, an dessen einer Seite ein Pferd angebunden stand. Javed Khan tätschelte das Pferd auf die Kruppe, öffnete die Tür zu seinem Haus und hieß uns eintreten. Er folgte uns nach. Im Innenhof sahen wir eine junge Frau auf einer Schaukel sitzen. Sie schien erstaunt uns zu sehen.

„Dies sind die Firangi“, sagte Javed Khan, schloss die Tür hinter sich, und überquerte unbekümmert den Hof.

Eine Frau in mittleren Jahren kam auf Mutter zu.

„Fürchtet euch nicht“, sagte sie. „Setzt euch und ruht ein wenig aus.“

(aus Ein Schwarm Tauben, Draupadi Verlag, 2010. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.)

Reinhold Schein


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