Ramkumar Bhramar (1938–1998)
Zur Person
Ramkumar Bhramar wurde am 2. Februar 1938 in Gwalior (Madhya Pradesh) geboren. Er war einer der meistbeachteten Hindi-Romanautoren der Periode nach der Unabhängigkeit Indiens. 1958 begann Bhramar zunächst als Journalist. Von 1959 bis 1965 arbeitete er für die regionale Tageszeitung „Yugdharm“ (Nagpur/Jabalpur/Raipur) als Literaturkritiker. Ende 1965 wechselte er zum Literaturmagazin „Kadambini“ der „Hindustan Times“. 1968 wurde er Herausgeber der „Hind Pocket Books“. Seit 1969 arbeitete er nur noch als freier Autor. Bhramar starb im Jahre 1998 und lebte zuletzt in Delhi.
Werk
Bhramar schrieb in allen literarischen Genres und verfasste auch politische Essays. Er veröffentlichte mehr als 70 Bücher, die meisten davon allerdings Romane. Er gilt als Autor mit tiefem Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, der in seinen Werken auch politisch Stellung bezog. Mit großem Mut schrieb er während der Zeit der sogenannten „Emergency“ (1976–77) kritische Romane wie kaccī-pakkī dīvāreṃ („Tönerne und steinerne Mauern“) und qaid āvāzeṃ („Eingekerkerte Stimmen“), später kritisierte er in vielen Werken die Oberflächlichkeit indischer Politik und deren ungünstige Wirkung auf das öffentliche Leben. In den letzten Jahren seines Lebens wandte sich Bhramar der altindischen Literatur zu und schrieb u.a. eine Adaption des Mahabharata in zwölf Erzählungen, die in vier Bänden erschienen.
Viele seiner Werke wurden mit nationalen Preisen ausgezeichnet. Zweimal erhielt er den Premchand Preis der Provinzregierung von Uttar Pradesh (Akhil Bhāratiya Premchand Puraskār). Einige seiner Werke wurden ins Englische und Polnische übersetzt und einige Romane verfilmt.
Jürgen Neuß
Auf Deutsch erschienen
- Bichiya (1962)
- Bholi (1963)
Beide Erzählungen in Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien, Kitab-Verlag, Klagenfurt-Wien, 2011.
Leseprobe: Bichiya
Man nehme eine Flasche besten englischen Schnapses, die spritzige Lebendigkeit eines Flusses, die Zartheit junger Baumwolle und die jugendliche Frische des Jasmins – all dies zusammengemischt ergibt Bichiya. Eine solche Mischung jedoch ist schwierig herzustellen, genauso schwierig, wie auf irgendjemandes Gesicht ein Mal zu finden, wie jenes, das Bichiya an ihrem Kinn trug und das ihrem Antlitz eine ganz besondere Anmut verlieh.
Diese Prachtmischung namens Bichiya brachte sich der glückliche, aus der Stadt stammende Angestellte Sudesh durch eine Heirat aus dem Dschungel mit nach Hause.
Bichiya war ein Mädchen vom Stamme der Gond. Der Forstverwaltungsangestellte Sudesh hatte sich in sie verliebt, als er dienstlich in die Wälder der Gegend um Mandla versetzt worden war.
Allein war Sudesh dorthin gegangen, zusammen mit Bichiya kam er zurück.
Als der eher schüchterne Sudesh, der hohe Ansprüche an die Ehe stellte, vor fünf Monaten zusammen mit Bichiya heimkehrte, wurde dies in seinem Wohnviertel als äußerst freudiges Ereignis aufgenommen. Das ganze Viertel hatte sich damals rund um die Pferdekutsche versammelt, mit der Sudesh und Bichiya voller Stolz eingetroffen waren. So verwundert die städtischen Bewohner des Viertels auch waren, als sie Bichiya sahen, umso erstaunter war Bichiya angesichts dieser Menschen.
Das Aussehen Bichiyas gab allseits Anlass zu Verwunderung und Neugier. Bichiya trug einen Mittelscheitel, von dem aus ihr Haar zu beiden Seiten glatt nach hinten gekämmt in einen locker gebundenen Haarknoten mündete. Oberhalb der Knie hatte sie ein kurzes Tuch gewickelt, das so eng anlag, dass sich die Rundungen ihres Körpers durch den Stoff ungebührlich deutlich abzeichneten. Um ihre Brüste hatte Bichiya anstelle einer Bluse einen breiten Streifen aus dickem Stoff gebunden, der hinten am Rücken zusammengeknotet war. Um den Hals trug sie mehrere Ketten aus großen und kleinen Kauri-Muscheln.
Als die Frauen des Viertels Bichiya zum ersten Male sahen, musterten sie sie zunächst, dann schauten sie einander an und brachen schließlich in schallendes Gelächter aus. Doch während sie noch lachten, erröteten sie, als stecke in jenem Stoff nicht Bichiyas Körper, sondern ihr eigener. Sie fühlten sich, als seien es nicht Bichiyas, sondern ihre eigenen Schenkel, die sich in jenem kurzen Tuch abzeichneten, als ob dieser breite weiße Stoffstreifen nicht um Bichiyas, sondern um ihre eigenen Brüste gebunden sei.
Bichiya schaute die Frauen ihrerseits voller Verwunderung mit großen Augen an. Als die Frauen lachten, musste auch Bichiya lachen. All dies kam ihr sehr komisch vor. Sie dachte: “Wie seltsam sie doch alle sind. Sie sind von oben bis unten in einen einzigen Stoffschlauch eingezwängt. Wie sie sich wohl darin fühlen? Darin können sie weder schnell wie eine Gazelle laufen, noch die Beine nach vorn und hinten werfen und Rina tanzen. In der Stadt ist doch alles recht merkwürdig.” Sie blickte nun noch angestrengter als zuvor auf die in der Nähe versammelte Gruppe von Frauen: “Nicht einmal Ketten aus Kauri-Muscheln tragen sie um den Hals.”
Als Bichiya zu lachen begann, verstummte das Gelächter der Frauen des Viertels. Überall breitete sich betretenes Schweigen aus.
Dann kam Bichiya in ihr neues Heim. Es schien ihr, als ob die Stadt von allen Seiten her zugemauert sei, wie ein Gefängnis. An der offenstehenden Haustür hatten sich sogleich wieder ein paar Frauen und Kinder versammelt. Der Aufzug Bichiyas erschien ihnen vollkommen seltsam und fremdartig. Gleichzeitig weckte er eine Neugier, die sich im ganzen Viertel verbreitete. Sudesh wusste nicht warum, aber er schämte sich ein wenig. Er verspürte den Wunsch, die Tür zu schließen, damit dieses Schauspiel ein Ende fand. Doch das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Währenddessen stand Bichiya in einer Ecke und betrachtete voller Verwunderung die Wände, die Decke und die Einrichtung des Raumes. Als ihr Blick auf die Frauen und Kinder vor dem Eingang fiel, kam sie herbei und stellte sich auf die Türschwelle. Sie verstand nicht, warum sie sich dort versammelt hatten. Bichiya blickte von einem zum anderen. Sie musterte sie auf eine Weise, dass den Leuten klar wurde, dass Bichiya sie noch merkwürdiger fand als sie selbst Bichiya. Als sie sich schließlich langsam entfernten, begann Bichiya wieder zu lachen. Für einen Moment hallte etwas wie ein leichtes Klirren durch den Raum. Zögernd wandten sich die Frauen um und betrachteten Bichiya mit neidischen Blicken. Beim Lachen schien sich das Mal auf ihrem runden Antlitz anmutig auf und ab zu bewegen. In ihren Pupillen lauerte der Schalk des Alkohols und ihre Lippen zitterten so sehr, dass den Frauen ihre eigene Art – ihr Benehmen, ihre Kleidung und ihr Schmuck – altmodisch und greisenhaft vorkam. Es war, als ob dieses Dschungelmädchen sie herausforderte, als ob sie sie verspottete. Und sie wehrten sich nicht gegen diesen Spott, ja konnten sich gar nicht dagegen wehren, denn in Bichiyas Gegenwart wirkten sie farblos, unendlich farblos. Kurze Zeit später waren sie alle verschwunden.
Ein paar Tage vergingen und die ganze Sache geriet in Vergessenheit.
Bichiya konnte sich nicht an das Leben in der Stadt gewöhnen. Sie verstand weder ihr Haar ordentlich zu frisieren, noch all die anderen Gepflogenheiten des Stadtlebens. Ihren Bewegungen fehlte das theatralische Etwas und ihrem Lachen die gebotene Zurückhaltung. Ihr Gang war so unbeschwert und lässig, dass ein Beobachter sie für angetrunken halten mochte. Wenn sie mit ihrer angeborenen Unbeschwertheit in Gelächter ausbrach, war es, als ob zwei Tassen voller Zucker aneinander gestoßen würden. Fremde Blicke erwiderte sie ohne Scheu – und zog gerade damit alle Aufmerksamkeit auf sich.
Sudesh begann in diesen Eigenschaften Bichiyas etwas Ungebührliches zu sehen. Ihre Art zu lächeln und zu lachen, ihr ganzes Benehmen erzeugte in ihm ein leises Gefühl des Widerwillens. Die Leute zeigten wegen Bichiya schon mit dem Finger auf ihn. Mit einem Dschungelmädchen verheiratet zu sein, war an sich schon ein ungewöhnlicher Umstand. Es schien ihm, als kämen all seine Freunde nur zu ihm nach Hause, um Bichiya, das Dschungelmädchen, zu beäugen, sich an ihrem Anblick zu ergötzen, sie anzustarren. Er wusste nicht warum, aber allmählich wurde er Bichiyas überdrüssig. Als er im Dschungel Bichiya zum ersten Mal begegnet war, da waren es genau diese Dinge an ihr, die ihm gefallen hatten. Der Schwung ihrer Hüften, wenn sie sich bewegte, und ihr Lächeln hatten auch ihn betört. Ihr offener, fester Blick, ihre unkonventionelle Kleidung und ihre Unbekümmertheit – all das hatte ihn angezogen, und sein Wunsch, Bichiya zu besitzen, war beständig immer stärker geworden. Doch nun erregten all diese Eigenschaften, die ihn so fasziniert hatten und deretwegen er sie zu sich genommen hatte, seinen Zorn.
Bichiyas Lachen verstummte keinen einzigen Moment. Sie lachte um des Lachens Willen, sie lachte auch ohne Grund. Wann immer Sudesh aus dem Büro zurückkam, sprach Bichiya wenig, aber lachte umso mehr. Auf die gleiche Weise, wie sie ihn im Dschungel „Babu“ genannt hatte, nannte sie ihn noch immer „Babu“. Sie fragte ihn: “Möchtet Ihr einen Tee trinken?“
Bichiya hatte gerade Tee zubereitet. Sudesh gab keine Antwort. Er lächelte auch nicht, vielmehr lachte er zur Erwiderung laut auf.
Bichiya sagte: “Babu! Ich habe den Tee extra für Euch zubereitet.“ Sie hielt ihm die Teetasse hin.
Sudesh nahm die Tasse und führte sie an die Lippen. “Igitt! Pfui!“ Er spie den Tee aus. Dann polterte er: “Das soll Tee sein? Das ist Brühe, bittere Brühe!“
Der Babu war wütend. Bichiya wurde unsicher. Früher hatte er doch nie so reagiert. Sie war überrascht. Im Dschungel gab es nicht einmal richtige Tassen. Statt in einem schönen Messingkrug wurde der Tee dort in einem großen Aluminiumtopf zubereitet und dann in kleinen Tontassen gereicht. Mit welchem Genuss hatte Babu diesen Tee damals getrunken! In sich gekehrt hatte sich sein Geist dann mit Wonne gefüllt, wie eine Regenwolke. Immer wenn die Tasse ausgetrunken war, hatte er in Anerkennung des Wohlgeschmacks „Hmmm!“ gemacht und gesagt: „Bichiya, dein Tee spendet mir Hunderte von Leben. Das ist kein Tee, das ist Nektar, Ambrosia!“ War das jetzt noch derselbe Babu, fragte sich Bichiya. Sie verstand gar nichts mehr.
Mittlerweile hatte sie sich mit einigen Frauen aus der Nachbarschaft angefreundet, um von ihnen städtische Umgangsformen und Gepflogenheiten zu erlernen. Tee zuzubereiten, Essen zu kochen, das Tuch richtig zu wickeln, die Stirnzeichen anzubringen, das Haar vernünftig zu frisieren, alles lernte sie.
Als sie aus dem Dschungel in die Stadt gekommen war, trug sie Sandelblüten an den Ohren. Eines Tages verlieh Sudesh seinem Missfallen darüber Ausdruck. Er sagte: “Hör‘ endlich auf mit diesen Dschungelmoden. Im ganzen Viertel läufst Du in diesem seltsamen Aufputz herum. Wie eine Wilde! Und nimm diese schmutzigen Blumen ab!“
Voller Verwunderung schaute Bichiya ihn an. Früher hatte er doch einmal gesagt: „Du bist von so ganz anderer Art.“ In jener Mondnacht, als er seinen Dienst zeitig beendet hatte und in den Dschungel gekommen war, um sich mit ihr zu treffen. Als er in ihre Nähe kam, blieb er stehen und schaute sie eine Weile an. Er blickte wie jemand, der sich nach seiner Geliebten sehnt. Hätte der Mond noch weiter so geschienen, dann hätte er sie mit seinen Blicken wohl lebendig verschlungen. Dann, als er mit ihr durch das Unterholz lief, sagte er: „Diese großen Sandelblüten an Deinen Ohren gefallen mir sehr.“ Er beschwor sie: „Bei Gott, Bichiya! Du bist wunderschön! Wie edel Du in dieser Dschungelkleidung wirkst. Nicht nur die Blüten an Deinen Ohren, Dein ganzer Körper ist von Sandel!“
Als Bichiya ihm nur „Geh weg!“ entgegen zischte, beschwor er sie erneut: „Wahrlich! Deine Blüten duften betörend.“
Und nun sagte genau dieser Sudesh: „Nimm sie ab! Wirf diese welken Dinger weg.“
Bichiya wurde traurig. Augenblicklich nahm sie die Sandelblüten von ihren Ohren und warf sie in die Ecke. Sie begriff nicht, was in Babu gefahren war, warum er all seine früheren Ansichten geändert hatte. Dinge, die ihn begeistert hatten, gingen ihm nun auf die Nerven. Wieder und wieder bemühte sie sich, ihn fröhlich zu stimmen, damit er lache wie zuvor, sich zu ihr setze, sie liebkose. Doch mit all ihren Bemühungen erreichte sie nichts. Im Gegenteil, langsam aber beständig wuchs in Sudesh ein Gefühl der Verachtung Bichiya gegenüber. Bichiya spürte seinen Zorn und seine Verachtung, doch wann immer tiefe Unzufriedenheit ihr Herz erfüllte, schluckte sie sie herunter. Sudesh kam nun stets erst spät in der Nacht nach Hause und ging schon sehr früh morgens wieder fort. Selbst an seinen freien Tagen hielt er sich nie lange zu Hause auf, und wenn er da war, dann schwieg er beharrlich, so dass Bichiya seine Anwesenheit oft nicht einmal bemerkte. Das Haus wirkte leer und trostlos.
Sudeshs Gereiztheit schritt immer weiter voran. Er ließ sich aus dem geschäftigen Stadtbüro in eine kleinere Dienststelle versetzen. Einige Male verspürte er den Wunsch, sich von Bichiya zu trennen, doch er schaffte es nicht.
Bichiya hingegen sehnte sich nach Liebe. Immer wenn Sudesh nach Hause kam, verspürte sie den Wunsch zu ihm zu gehen und an seinen Brusthaaren zu zupfen. Sie wollte ihn rütteln und schütteln, ihn anschreien und fragen: „Was ist nur los mit Dir, städtischer Babu? Wieso lässt du mich derart schmachten? Schau: Deinetwegen habe ich die Sandelblüten von meinen Ohren genommen und weggeworfen. Ich frisiere mein Haar ordentlich. Ich habe gelernt, Tee zuzubereiten. Ich bedecke meine Schenkel. Ich kann reden, wie die Städter. Ich habe gelernt, Geld zu zählen. Ich kann alles, was Du nur willst...“ Doch Bichiya vermochte nicht, ihm all dies zu sagen. Stattdessen dachte sie nach, sie dachte viel nach und ließ die Dinge weiter reifen.
Eines Tages, als Sudesh wie gewöhnlich spät nach Hause kam, stand Bichiya der Sinn danach, ihm zu sagen: „Städtischer Babu! An jenem Tag im Dschungel hast Du gesagt: ‚Ich kann nicht von Dir lassen!’ Da entschied ich mich, bei Dir zu bleiben. Aber jetzt...“ Doch noch während sie dies dachte, hielt Bichiya inne. Sie brachte kein Wort heraus.
An jenem Tag brachte Sudesh einen Kollegen aus dem Büro mit. Bichiya machte Tee, doch geriet er ihr ein wenig zu süß.
Als er den Tee getrunken hatte, fragte der Kollege Sudesh: „Ihr nehmt ziemlich viel Zucker in den Tee, nicht wahr?“
Einen Augenblick lang schaute Sudesh die in der Nähe stehende Bichiya derart zornig an, dass sie es nicht länger aushielt. Sie verschwand ins Nebenzimmer.
„Ungebildet ist sie, die Schlampe. Sie ist ja eine Gond aus dem Dschungel.“ Sudesh sprach mit hasserfüllter Stimme.
Im Nebenzimmer wurde Bichiyas Herz bleischwer.
„Wer ist sie überhaupt?“ fragte Sudeshs Kollege.
„Irgendein Dschungelmädchen“, entgegnete ihm Sudesh in verächtlichem Ton. „Als ich seinerzeit in den Bergen von Mandla war, stellte ich sie zur Arbeit ein.“
„Ach, ein Dienstmädchen?“
„Ja“, bestätigte Sudesh.
Bichiyas Herzschlag setzte einen Moment lang aus.
„Das ist ein Volltreffer, Kumpel!“, bemerkte der Fremde. „Ich spreche dir meine ehrliche Anerkennung aus, Sudesh Babu! In jener Waldgegend gibt es ja eben diese Freuden. Seit drei Jahren versuche ich es diesbezüglich schon beim Chef, aber bisher hat sich nichts ergeben.“
Bichiyas Augen wurden feucht. Es war das erste Mal, dass ihr die Traurigkeit aus den Augen rann.
„Komm mit“, hörte sie Sudeshs Stimme, „Wir gehen in einem Restaurant einen Tee trinken.“ Dann gingen beide fort.
Eine Stunde später kam Sudesh zurück. Bichiya stand im Zimmer. Sudesh musterte sie verwundert. An ihren Ohren trug sie wieder die Sandelblüten. Ihre Schenkel waren entblößt und sie hatte sich wieder jenes kurze Tuch umgebunden – als sei sie geradewegs wieder zum Kind geworden. Sudesh starrte sie regungslos an. Mit dem schaukelnden Gang von früher kam sie auf ihn zu. Bichiya wollte zu ihm sagen: ‚Schau her! In meinen Hüften ist der gleiche Schwung, in meinem Körper ist die gleiche Bewegung, in meinen Augen genauso viel Berauschtheit wie damals. Noch immer bin ich im Mondlicht verführerisch. Jeder andere Mann Deines Schlages würde wünschen, mich zu berühren. Oder etwa nicht?’ Doch Bichiya sagte nichts dergleichen. Stattdessen sprach sie: „Städtischer Babu! Ich habe anderenorts eine Dienstmädchenstelle gefunden! Verzeihen Sie bitte, wenn ich bei der Arbeit Fehler gemacht habe.“ Ihre Stimme gewann an jugendlicher Kraft. „Sie sollten den Haushalt in Ordnung halten“, sagte sie noch. Dann lief sie geschwind aus dem Zimmer, aus dem Haus.
Sudesh wollte sie noch zurückhalten. Aber was immer es auch war – etwas hielt ihn davon ab.
Bichiyā (1962) aus: Rāmkumār Bhramar Racnāvalī. Khand 1: Kahaniyāṁ. Saṃpadak: Kamalkishor Goyanka. Parag Prakāshan, Dillī: 1990. Auf Deutsch erschienen in Chili, Chai, Chapati. Geschichten aus Indien, Kitab-Verlag, Klagenfurt-Wien, 2011, Übersetzung von Jürgen Neuß.
