Namita Gokhale

Zur Person

Namita Gokhale Namita Gokhale, 2021 Foto: Jaidev Pant

Namita Gokhale (geb. Pant) ist eine indische Autorin und Verlegerin. Sie wurde am 26. Januar 1956 in Lucknow (Uttar Pradesh) geboren. Besonders bekannt wurde sie als Gründerin und Leiterin des namhaften Jaipur Literature Festivals, das sie zusammen mit dem renommierten schottischen Schriftsteller und Historiker William Dalrymple im Jahr 2006 ins Leben gerufen hat.

Als Kind verbrachte sie die meiste Zeit in Neu-Delhi und ihrer Heimatstadt Nainital am Fuße des Himalaya. Sie studierte Englische Literatur am Jesus and Mary College der Universität Delhi. Bisher hat sie insgesamt zwanzig englischsprachige Belletristik- und Sachbücher geschrieben. Außerdem gründete sie Yatra Books, einen auf Übersetzungen spezialisierten Verlag.

Werk (Auswahl)

Gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Rajiv Gokhale, den sie mit 18 Jahren heiratete, gab sie Ende der 1970er Jahre die Filmzeitschrift Super heraus. Nach der Einstellung der Zeitschrift Anfang der 1980er Jahre begann sie, ihren ersten Roman zu schreiben. Ihr Debütroman Paro: Dreams of Passion (1984) ist bereits ein Klassiker und wurde seit seiner ersten Veröffentlichung vielmals neu aufgelegt. Paro ist ein satirischer Gesellschaftsroman, der über das Leben zweier Frauen, Paro und Priya, erzählt. Durch ihre unterschiedlichen Positionen in der Gesellschaft sind die beiden Frauen zwar als Gegenpole zu verstehen, haben aber etwas Gemeinsames: einen starken Unabhängigkeitssinn und die Tendenz zu einer gewissen Respektlosigkeit. Durch eine Wendung des Schicksals verflechten sich ihre Leben miteinander. Diese Satire bekam viel Anerkennung und erregte durch ihre freizügige Darstellung von Sexualität Aufsehen.

Ihr zweiter Roman Gods, Graves and Grandmother (1994, auf Deutsch Großmutters Tempel, 2006) erschien nach einer Pause von 10 Jahren. Gudiya, die Protagonistin des Romans, lebt bei ihrer Großmutter in einem Vorort von Delhi. Ihr wird von ihrer Großmutter (Ammi) mitgeteilt, dass sie zu einer Familie von Kurtisanen (Kothewalis) gehört, die früher in einer Villa (Haweli) in einer Kleinstadt wohnte und sehr reich war. Die wohlhabende Gudiya-Familie stürzte jedoch in große Armut. Anschließend fliehen Gudiyas Großmutter und ihre Mutter mit Gudiya in einen Vorort Delhis und lassen sich an einer einsamen Straßenecke nieder. Die Großmutter wird zu einer berühmten Bhajan-Sängerin, was dort zur Entstehung eines Hindu-Tempelkomplexes führt. Die im Roman geschilderte Entwicklung des Tempellebens beleuchtet verschiedene Aspekte der modernen indischen Geschichte, u.a. die rasante Urbanisierung, die große Zuwanderung aus armen Regionen Indiens in Großstädte wie Delhi und Mumbai bis hin zum Nebeneinander vieler Religionen. Über diesen Roman schrieb die Südasienwissenschaftlerin Nadja-Christina Schneider in einer Rezension: „‚Großmutters Tempel‘ empfiehlt sich sowohl für ‚Neueinsteiger‘ als auch all jene, die ihre Begeisterung für die zeitgenössische indische Literatur noch weit über die zurückliegende Frankfurter Buchmesse hinaus am Leben erhalten möchten.“

In ihren weiteren Büchern beschäftigt sich Namita Gokhale vorwiegend mit Geschichten und Reiseberichten aus dem Himalaya sowie Themen aus der indischen Mythologie. Zu erwähnen ist hierbei ihr Buch Mountain Echoes: Reminiscences of Kumaoni Women (1998). Es veranschaulicht die Lebensweise der Bewohner der Region Kumaon am Südhang des Himalaya im Bundesstaat Uttarakhand aus der Sicht von vier hochbegabten und individualistischen Frauen: Shivani, Tara Pande, Jeeya und Shakuntala Pande. Sie sind Verwandte der Autorin. Ihre Erinnerungen beschreiben ein nicht mehr existierendes gesellschaftliches Umfeld, das durch Modernisierung, Urbanisierung, Demokratisierung, zunehmende Bildung und Emanzipation seinen Boden verlor. Auch der historische Roman Things To Leave Behind (2016) beschäftigt sich mit diesem Thema und beschreibt die Entwicklung des Kumaon unter der britischen Herrschaft in den Jahren von 1842–1912.

Namita Gokhale, selbst in Kumaon aufgewachsen, sagte zu ihren Werken über den Himalaya in einem Interview (Guftagoo, Rajya Sabha TV, 2020): „Ich habe viel über den Himalaya geschrieben, weil mein Herz immer noch für das Himalaya-Gebirge schlägt.“

Die Anthologie In Search of Sita: Revisiting Mythology (2009, auf Deutsch Auf der Suche nach Sita. Neue Blicke in die indische Mythologie, 2013) hat Gokhale mit Malashri Lal zusammengestellt. Es ist eine Sammlung von Essays, Gedichten, Interviews und verschiedenen anderen kreativen Interpretationen von Sita. Alle Beiträge des Buches beleuchten verschiedene Phasen ihres Lebens. Dazu zählen die Phase als entführte Frau, als die einsame Ehefrau des Gottes Rama und als alleinerziehende Mutter. Ihre innere Stärke und Entschlossenheit begleiten sie durch alle diese Phasen. Das Buch zeichnet Sitas Reise nach und hilft dabei, ihre innere Welt und ihre Relevanz für die heutige indische Gesellschaft zu verstehen.

Eins der jüngsten Werke von Namita Gokhale ist das Stück Betrayed by Hope: A Play on the Life of Michael Madhusudan Dutt (2020), das sie wieder mit Malashri Lal verfasst hat. Das Stück präsentiert die Briefe, die der berühmte bengalische Dichter Michael Madhusudan Dutt an Freunde und Gönner schrieb. Es porträtiert das Leben des Dichters, der in eine Lebenskrise nach der anderen stürzt, während seine Fantasie und dichterische Kreativität in die Höhe schießen. Es ist auch die Geschichte eines Menschen, der zwar im westlichen Bildungssystem heimisch ist, aber sich schließlich wieder seiner Muttersprache zuwendet. In dem Stück werden Dutts Briefe von einem Schauspieler vorgelesen, der ihn in seinen unterschiedlichen Lebensphasen spielt. Hinzu kommen Interventionen durch die Moderatorin des Stücks, Rubina Rahman. In Dutts Briefen spiegelt sich sein tragisches Leben wider, das einerseits ständig von Hoffnung getrieben wird, andererseits auch von Not und Verzweiflung vergiftet wird.

Jaipur Literature Festival

Das Jaipur Literature Festival (kurz JLF) findet seit 2006 jährlich im Januar in Jaipur (Rajasthan) statt. Namita Gokhale und der schottische Literat und Historiker William Dalrymple sind die Festivalleiter. Es ist das größte Literaturfestival Asiens. Jedes Jahr bringt das Festival eine vielfältige Mischung aus bedeutenden Schriftstellern, Denkern, Humanisten, Politikern, Wirtschaftsführern, Sportlern und Entertainern aus der ganzen Welt auf einer Bühne zusammen. Das Ziel ist dabei, den Festivalteilnehmern eine Plattform für die freie Meinungsäußerung zu bieten, auf der sie miteinander in einen tiefen engagierten Dialog treten können.

Über das Festival sagte Gokhale: „In Indien hat sich das Jaipur Literature Festival im Laufe der Jahre zu einem kulturellen Katalysator und einem farbenfrohen Fest von Büchern, Ideen und Musik entwickelt.“ Zu den bisherigen Rednern dieses Festivals zählen die Nobelpreisträger J.M. Coetzee, Orhan Pamuk und Muhammad Yunus, die Gewinner des Man-Booker-Preises Ben Okri, Margaret Atwood und Paul Beatty, die Gewinner des Preises der Sahitya Akademi Girish Karnad, Gulzar, Javed Akhtar, M.T. Vasudevan Nair sowie Mahasweta Devi und U.R. Ananthamurthy, außerdem Bestseller-Autoren wie Amish Tripathi, Chimamanda Ngozi Adichie und Vikram Seth.

Als Forum, das über die Literatur hinausgeht, hat das Festival auch Amartya Sen, Amitabh Bachchan, den ehemaligen Präsidenten Indiens A.P.J. Abdul Kalam, den 14. Dalai Lama, Oprah Winfrey, Stephen Fry, Thomas Piketty und den ehemaligen Präsidenten Afghanistans, Hamid Karzai, zu Gast gehabt.

Yatra Books

Von 2005 bis 2021 bestand der von Namita Gokhale, Neeta Gupta und Shuchita Mital gegründete Verlag Yatra Books. Yatra („Reise“) steht für kulturübergreifende Literaturreisen, deren Kern Übersetzungen ausmachen. Somit war Yatra ein auf Literatur-Übersetzungen spezialisierter Verlag, der sich für hochwertige Übersetzungen ins Englische, ins Hindi und andere indische Regionalsprachen einsetzte.

Der Verlag hat mehr als 500 Titel auf Englisch, Hindi, Marathi, Gujarati, Telugu, Bengali und Urdu veröffentlicht und mit vielen internationalen Institutionen zusammengearbeitet.

Auszeichnungen

Namita Gokhale erhielt für ihre Werke etliche Literaturpreise. Der bedeutendste davon ist der Sahitya Akademi Award 2021 für ihren 2016 erschienenen Roman Things to Leave Behind.

Isha Pandit

Auf Deutsch erschienen

  • Großmutters Tempel, Roman, aus dem Englischen übersetzt von Annemarie Hafner, 304 S., Lotos Verlag Roland Beer 2006
  • Auf der Suche nach Sita. Neue Blicke in die indische Mythologie, herausgegeben von Namita Gokhale und Malashri Lal, aus dem Englischen übersetzt von Reinhold Schein, 210 S., Draupadi Verlag 2013

Leseprobe

Rezensionen

Weblinks


📄 Dieses Autorenporträt als PDF herunterladen

← Zurück zur Übersicht Autor*innen