Mirza Hadi Rusva (Mirzā Muḥammad Hādī „Rusvā“, 1857/58-1931)

Zur Person

Rusva, dessen in viele Sprachen übersetztes und mehrfach verfilmtes Meisterwerk Umrā'o Jān Adā (deutscher Titel: Die Kurtisane von Lakhnau) allgemein als erster im wirklichen Sinne moderner Urdu-Roman bezeichnet wird, ist eine der faszinierendsten Gestalten der Urdu-Literatur. Geboren um 1857/58 in Lucknow, erhielt er die erste Ausbildung in Persisch, Mathematik und Astronomie durch den Vater, außerdem Unterricht in Religion, Arabisch, Logik und Englisch. Mit 16 Jahren verlor er nach der Mutter auch den Vater, woraufhin enge Verwandte ihn um sein Erbe brachten. Er wurde von einem Freund des Vaters aufgenommen, der ihn auch verheiratete, aber selbst bald starb. Trotz großer finanzieller Schwierigkeiten setzte Rusva seine Ausbildung fort und legte erst ein B.A. an der Punjab University in Lahore ab und bestand später das Examen an der Thomas Engineering School, Roorkee, einer der modernsten technischen Bildungseinrichtungen Britisch-Indiens. Danach arbeitete er einige Jahre als Vermessungsingenieur beim Eisenbahnbau in Balochistan. Nach seiner Rückkehr nach Lucknow richtete er sich ein chemisches Labor ein, um seiner Leidenschaft für Chemie und Alchemie mit eigenen Experimenten nachzugehen. Daneben interessierte er sich auch für Astronomie und beschaffte sich die nötigen Instrumente für seine Beobachtungen. Rusva war aber nicht nur technisch und naturwissenschaftlich interessiert, er war auch ein begeisterter Flaneur und Lebemann und kannte die Halbwelt Lucknows aus eigener Erfahrung. Diese teuren Leidenschaften finanzierte er durch eine Tätigkeit als Lehrer für Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie und Persisch und mit dem Schreiben von romantischen, Kriminal- und Abenteuerromanen. Seine Sprachkenntnisse und sein Interesse an Lexikologie verhalfen ihm in seinen letzten Lebensjahren zu einer Stelle im Übersetzungsbüro der Osmania-Universität in Hyderabad, wo er 1931 an Typhus starb.

Das literarische Werk

Rusva hinterließ eine große Zahl an Romanen, Lyrik und einige Traktate über Religion und Philosophie. Wie bereits erwähnt, diente die große Mehrheit seiner späteren Erzählwerke dem reinen Gelderwerb, aber zwei seiner ersten Romane verhalfen ihm zu sofortigem Ruhm: Umrā'o Jān 'Adā' (1899-1900) und Sharīfzādah („Ein Sohn aus gutem Hause“, 1900). Er hatte bereits längere romantische Poeme von mittelmäßiger Qualität und den ersten Teil eines Romans veröffentlicht, bevor sein Meisterwerk Umrāʾo Jān Adā erschien, benannt nach der Hauptfigur, einer erfolgreichen Kurtisane, die dem Schriftsteller und Dichter Rusva ihre Lebensgeschichte erzählt. Der Autor bringt sich so in der Rahmenhandlung selbst als Romanfigur ein und gibt vor, seine Protagonistin sei eine reale Person. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als das Format des Romans im Urdu große Popularität erlangte, war es weit verbreitet, fiktive Geschichten um der größeren Authentizität willen als wahr auszugeben. Man muss dem Autor zugestehen, dass es ihm trotz einer gehörigen Portion Melodramatik und haarsträubender Zufälle gelang, ein realistisches und glaubwürdiges Porträt seiner Hauptfigur zu zeichnen. Dass er sie nach einer konkreten realen Vorlage gestaltet hat, ist jedoch unwahrscheinlich. Auf jeden Fall kannte Rusva, der als sehr lebenslustig und vergnügungssüchtig beschrieben wird, sich in der Welt der Kurtisanen bestens aus und konnte sie daher überzeugend gestalten. Das Werk ist trotz einiger Unstimmigkeiten in der Handlung eine unterhaltsame Lektüre und gilt vor allem wegen seiner lebendigen, oft hintergründig ironischen Dialoge, der gelungenen Milieuschilderungen, dem Verzicht auf Stereotypen und der insgesamt modernen, realistischen Gestaltung als ein Meilenstein in der Geschichte des Urdu-Romans.

In ihrem Lebensbericht, der immer wieder durch Fragen Rusvas und durch Verseinschübe unterbrochen wird, beschreibt die Heldin rückblickend ihre unbeschwerte Kindheit, ihre Entführung durch einen Feind ihres Vaters, der sie an eine berühmte Lucknower Kurtisane verkauft, ihre Ausbildung in Dichtkunst, Gesang und Tanz, ihre Karriere als Kurtisane und ihre unglückliche Liebe zu einem Nawab. Historische Ereignisse wie der indische Aufstand von 1857 werden nur in ihrer Auswirkung auf die persönlichen Schicksale erwähnt, wichtiger erscheint der Ich-Erzählerin in ihrem Resümee am Ende des Romans jedoch der Wandel der Verhältnisse, den die britische Vorherrschaft bewirkt hat. Sie übernimmt den kolonialen Diskurs von der Ablösung feudaler Willkür durch Recht und Gesetz, wodurch der Einzelne größere Kontrolle über sein Schicksal gewinnt. Sich selbst sieht sie als Opfer eines Schicksals, das ihr keine Wahlmöglichkeit ließ und sie ohne eigenes Verschulden in ein sündhaftes Leben warf. Allerdings gesteht sie ein, dass sie sich schnell an die Annehmlichkeiten dieses Lebens gewöhnte. Erst als sie älter wurde, zog sie sich von der aktiven Ausübung ihres Berufs zurück und pflegt seither nur noch intellektuelle Kontakte zu alten Freunden und Dichtern.

Sehr interessant sind die Gedanken der Heldin zur Position der ehrbaren, verheirateten Frauen im Vergleich zu den Kurtisanen. Sie beneidet eine ehemalige Leidensgenossin, die zur Ehefrau eines Nawabs wurde, gibt aber letztlich zu, dass sie sich ein Leben im pardah (Segregation) nicht vorstellen könnte. Zu sehr schätzt sie die Freiheit und Autonomie, die ihr ihre gesellschaftliche Position und ihre Ersparnisse verschaffen. Dementsprechend erscheint die Welt der Kurtisanen als eine Sphäre weiblicher Macht und ökonomischer Unabhängigkeit, wie sie in der sonstigen Gesellschaft undenkbar wäre. Neben der Faszination durch die unterschwellige Erotik des Stoffes und die opulente feudale Kultur Lucknows, die in den Filmen z. T. über Gebühr zelebriert wird, liegt hierin sicher auch ein besonderer Reiz dieses Stoffes.

Die Verfilmungen des Romans (1972 in Pakistan, 1981 und 2006 in Indien, 2003 als Fernsehserie in Pakistan) werden der literarischen Vorlage in sehr unterschiedlichem Maße gerecht. Während die erste pakistanische Verfilmung eher wie eine Parodie der feudalen Kultur Lucknows wirkt, verkörpert Rekha als Hauptdarstellerin in der indischen Verfilmung von 1981 die Romanfigur am glaubwürdigsten, wenn auch die Handlung auf wenige dramatische Episoden verkürzt wurde. Auch die pakistanische Fernsehserie von 2003 weicht in einigen zusätzlich eingefügten Episoden von der Handlung des Romans ab, bleibt aber insgesamt der literarischen Vorlage weitgehend treu. Die Dialoge sind zum größten Teil direkt dem Roman entnommen, und besonders hervorzuheben ist, dass die Ausbildung in klassischem Gesang und Tanz und das dichterische Schaffen Umraos einen zentralen Platz einnehmen – Elemente, die in den anderen Filmen eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Damit wird in dieser Serie die kulturelle Bedeutung der Kurtisanen besonders hervorgehoben, die ja auch im Roman durch längere Verssequenzen und eine ausführliche Darstellung des Gesangsunterrichts gewürdigt wird. So weist z. B. in einer Schlüsselszene die Chefin des Etablissements den Gesangslehrer auf Unterlassungen hin und beweist damit ihre Kennerschaft. Am übelsten ist der Figur der Umrao in der indischen Filmversion von 2006 mit Aishwarya Rai in der Titelrolle mitgespielt worden, in der sie völlig auf ein hilfloses Opfer reduziert ist.

Sharīfzādah war nach seinen eigenen Worten der dritte Roman des Autors und erschien etwa zeitgleich mit Umrā'o Jān 'Adā. Obwohl Rusva hier in beträchtlichem Maße von seinem selbst verkündeten Credo des Realismus und des Verzichts auf Didaktik abwich, bilden doch besonders die ersten Abschnitte ein lebendiges Bild konkreter Lebensverhältnisse. Es handelt sich um eine Art Bildungsroman mit einem für die Urdu-Literatur ungewöhnlichem Helden – einem traditionell gebildeten jungen Mann aus guter, aber verarmter Familie, dessen Not so weit geht, dass er vor Hunger auf der Straße ohnmächtig zusammenbricht. Mitleidige Menschen tragen ihn in eine Schmiede, wo er dank seiner Persischkenntnisse eine Anstellung als Sekretär für die Geschäftspost und Hauslehrer für den Sohn des Meisters findet. Durch weiterführende Bildung gelingt ihm eine Karriere, die ihn genügend Mittel akkumulieren lässt, um ein Stück Land zu kaufen und sich als kapitalistisch wirtschaftender Farmer niederzulassen. Während der erste Teil der Lebensgeschichte des Helden stark autobiographisch geprägt ist, trennen sich dann aber die Wege. Rusvas Held cĀbid Husain ist als vollkommenes Bild des modernen, reformierten Muslims gezeichnet. Er vertritt ein strenges Arbeitsethos mit optimalem Zeitmanagement und sparsamer, effizienter Nutzung aller Ressourcen. An nutzlosen Beschäftigungen wie der Dichtung hat er kein Interesse und dafür auch keine Zeit, wobei er allerdings zu bedenken gibt, dass seine Lebensumstände ihm derartige Liebhabereien auch gar nicht ermöglichten. Seine stärkste Kritik gilt der Liebeslyrik und dem Umgang mit Kurtisanen.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Werk der Respekt gegenüber körperlicher Arbeit, der für die gebildete Mittelschicht und auch für die zeitgenössische Urdu-Literatur sehr ungewöhnlich ist. Auch hier wird behauptet, die Hauptfigur sei eine real existierende Person, und auch in diesem Werk tritt Rusva als Erzähler auf, der zahlreiche Gespräche mit seinem Helden führt und aus dessen Briefen zitiert. Während der Erzähler Rusva in Umrā'o Jān Adā jedoch stellenweise eher die Stimme der vorherrschenden Reformideologie und moralischen Zensur vertritt, verteidigt er in Sharīfzādah die Dichtung gegenüber cĀbid Husain. Wichtig ist jedoch auch, dass in beiden Werken der Dialog zwischen Hauptfigur und Erzähler offen endet. Zusammengenommen ergeben beide Werke ein Bild der komplexen ideologischen Debatten und der verschiedenen literarischen Strömungen jener Zeit und der widerstreitenden Impulse in Rusvas Schaffen – Begeisterung für moderne Bildung, moderne Technik und Naturwissenschaften, für neue bürgerliche Tugenden einerseits und das Schwelgen in Dichtung sowie die nostalgische Verklärung der feudalen Kultur Lucknows mit ihren hochgebildeten Kurtisanen andererseits.

Während Sharīfzādah heute weitgehend vergessen ist, wurde das Werk bei seinem Erscheinen sofort sehr populär und blieb bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sogar Teil des Urdu-Lehrplans. Es hat ohne Zweifel nicht denselben literarischen Rang wie Umrā'o Jān Adā, verdient aber wegen der ungewöhnlichen Thematik und der Debatte um moralische Wertvorstellungen der Zeit auch heute noch Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt präsentierte Rusva hier einen zukunftsfähigen Lebensentwurf außerhalb des kolonialen Verwaltungsapparats für einen nicht der feudalen Oberschicht angehörenden Muslim, wie er in der zeitgenössischen Literatur nicht seinesgleichen hatte.

Christina Oesterheld

Übersetzungen

  • Mirza Muhammad Hadi Ruswa: Die Kurtisane von Lakhnau. Roman. Aus dem Urdu übersetzt von Ursula Rothen-Dubs. Zürich: Manesse Verlag, 1971
  • „Satirische Ode auf die Dichtkunst“, in Allahs indischer Garten, ein Lesebuch der Urdu-Literatur, ausgewählt und übersetzt von Ursula Rothen-Dubs. Frauenfeld: Verlag im Waldgut, 1989, S. 180-184

Literatur

  • Rothen-Dubs, Ursula: „Nachwort“, in Die Kurtisane von Lakhnau. Roman. Aus dem Urdu übersetzt von Ursula Rothen-Dubs. Zürich: Manesse Verlag, 1971, S. 405-429
  • Russell, Ralph: „The First True Novel: Rusva's Umra'o Jan Ada“, in: R.R.: The Pursuit of Urdu Literature. A Select History, 1992, S. 106-110
  • Bredi, Daniela: „Fallen Women: A Comparison of Rusva and Manto“, in: Annual of Urdu Studies 16, Tl. 1, 2001, S. 109-127. digital.library.wisc.edu
  • Pillai, Sharon: „‚Tell...the truth, but tell it slant‘: Form and fiction in Rusva's Umrao Jan Ada“, in The Journal of Commonwealth Literature, Vol. 51/1 (2016), S. 110-126
  • Oesterheld, Christina: „An Exemplary Modern Man: Mirza Rusva's Sharīf zādah“, in Zeitschrift für Indologie und Südasienstudien Bd. 35 (2018), S. 115-132

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