Mirza Athar Baig

Mirza Athar Baig (Mirzā At͍har Beg, geb. 1950), der heute als einer der wichtigsten Romanautoren Pakistans gilt, erregte 2006 mit seinem ersten Roman Ghulām Bāgh (Der Sklavengarten) überraschend große öffentliche Aufmerksamkeit. Obwohl der Roman keine leichte Lektüre darstellt, erlebte er innerhalb weniger Jahre fünf Auflagen, und seine Popularität unter Jugendlichen gipfelte darin, dass junge Männer Figuren des Romans nachspielten. Wie konnte es zu diesem Phänomen kommen?

Mirza Athar Baig wurde im März 1950 in einer Kleinstadt südwestlich der Metropole Lahore geboren. Er wuchs in einem Lehrerhaushalt voller Bücher auf, die er in den Ferien verschlang. Seine Eltern waren zwar Sprachlehrer, aber da eine US-amerikanische Organisation der örtlichen Schule naturwissenschaftliche Ausrüstung gespendet hatte, beschäftigte sich die Familie mit verschiedensten wissenschaftlichen Experimenten. Vater und Sohn beobachteten mit einem Teleskop den Verlauf der Planeten, untersuchten Präparate unter dem Mikroskop und bastelten Radios und andere technische Geräte. So entwickelte Baig schon früh ein rationales, wissenschaftlich orientiertes Herangehen an die Dinge des Lebens. Zudem bereitete die zur Mystik des Sufismus neigende religiöse Haltung seines Vaters in ihm den Boden für eine tolerante, weltoffene Einstellung.

Sein Interesse an der wahrnehmbaren Welt und an technischen Apparaturen ließ Baig ein Studium der Ingenieurwissenschaften beginnen, das er aber bald abbrach, weil ihn die rein finanzielle Motivation der Kommilitonen und die ausschließlich funktionale Ausrichtung des Studiums enttäuschten. Die Beschäftigung mit religionsphilosophischen Fragen, mit marxistischen und existentialistischen Ideen führten ihn schließlich neben dem B. Sc. zum Studium der Philosophie. Nach drei Jahren an einem ländlichen College ohne wirklichen Philosophieunterricht wechselte Baig an die renommierte Government College University in Lahore, wo er von 1970 bis 2010 unterrichtete, zuletzt als Leiter der Abteilung für Philosophie. Ungeachtet seiner Pensionierung bietet er dort weiterhin Lehrveranstaltungen an.

Das literarische Werk

Neben seiner Lehrtätigkeit schrieb Baig Drehbücher für rund 15 Fernsehserien und über 50 Fernsehspiele und Kurzgeschichten, die 2008 in der Sammlung Be afsāna (Ohne Geschichte/Nichtgeschichte) erschienen. Den literarischen Durchbruch erlebte er allerdings erst mit seinem ersten Roman. Entscheidend für den Erfolg dieses Werks war sicher vor allem die charismatische Hauptfigur Kabīr Mehdī. Kabir ist ein freier Journalist, der einen großen Roman plant. Die umwerfend schöne Zuhra fühlt sich zu Kabīr hingezogen, dessen scharfer Verstand und seine rhetorischen Fähigkeiten ihm eine Macht über andere verschaffen. Seine ironische Grundhaltung erhöht noch den Eindruck der Überlegenheit und geistigen Arroganz und verunsichert seine Gesprächspartner. So wird schon in den Beziehungen dieser Figuren ein Hauptthema des Romans deutlich: das der Macht und der Manipulation.

Weitere Handlungsstränge beschäftigen sich mit Zuhras Suche nach ihren Wurzeln im Heimatdorf ihres Vaters, der aus einer der untersten Kasten stammte, mit den Vorgängen an einem Schrein in Kabirs Dorf, mit den Bemühungen ausländischer Diplomaten, nach dem Tod des deutschen Archäologen Hoffmann, der zu den Ruinen des Ghulam Bagh geforscht hatte, an dessen Aufzeichnungen zu gelangen, mit der tödlich endenden Flucht eines jungen Liebespaars aus Zuhras Kaste und vielen Intrigen auf den verschiedensten Ebenen.

Die sozialkritische Tendenz des Romans ist im Unterschied zu den kritisch-realistischen Romanen früherer Autoren subtiler, z.T. surrealistisch verpackt. Neben der menschenverachtenden Macht der pakistanischen Oberschicht ist auch das Machtgefälle zwischen Ost und West Thema des Romans. Schon der Titel deutet auf eine koloniale Vergangenheit hin, und im Roman wird wiederholt das herablassende, gönnerhafte Verhalten westlicher Agenturen, Journalisten und Diplomaten betont. Auf den Titel des Romans anspielend, sagte der Autor: "Nothing is our own; no thought, no intellect born out of us and here. It’s all borrowed and rings hollow. We live in a slave garden."

Ein wichtiger Grund für den überraschenden Erfolg von Ghulām Bāgh liegt in den jugendlichen Hauptfiguren, die sich als Projektionsfläche für zahlreiche Frustrationen und Sehnsüchte junger Menschen in Pakistan anboten. Kabīr und Zuhra widersetzen sich der übermächtigen Herrschaftsschicht, und damit in gewissem Sinne auch der Generation der Eltern. Zuhra und Kabīr leben ihre Sexualität gegen den Widerstand von Zuhras Familie und Kabirs Rivalen aus – auch dies sicher ein Identifikationsmoment, eine delegierte Wunscherfüllung in einer Gesellschaft, in der Sexualität streng reglementiert ist. Wie jeder Roman eröffnet Ghulām Bāgh einen Raum der Freiheit, und in diesem Fall ist es wohl ein Raum, in dem junge Pakistanis der urbanen Mittelschichten sich besonders gut wiederfinden können.

Nicht weniger stark ist das Element der Identifikation sicher im Falle des Helden seines zweiten Romans Ṣifr se ek tak (Von null bis eins. Abenteuer eines Gutsverwalters im Cyberspace), erschienen 2009. Der Autor hat den Inhalt des Romans wie folgt beschrieben: "Deals with a world, even stranger! The world as it was transformed during the last decade of the twentieth century and the first decade of the twenty first century. I have tried to understand it through the almost picaresque adventures of a software engineer with an oppressed feudal background."

In diesem Satz ist bereits angedeutet, was den durchaus tragischen Ereignissen des Romans eine tragikomische Dimension verleiht und ihn in mancher Hinsicht zu einem Schelmenroman macht: Die pikareske Natur vieler Handlungen und Erlebnisse, vor allem des Ich-Erzählers Zakī, aber auch seines älteren Bruders S͍anā’ullāh.

Die Handlung des Romans lässt sich wie folgt zusammenfassen: Zwei junge Männer fahren zusammen aus ihrem Dorf in die Großstadt Lahore: Faiẓān, der Sohn des lokalen Großgrundbesitzers, und sein Schulfreund Zakī, der Sohn des Gutsverwalters. Zakī bleibt Faiẓāns Welt auf vielfältige Weise verbunden, wird aber gleichzeitig trotz schlechter Ausgangsbedingungen zu einem begnadeten Computerspezialisten und lernt die Stadt in all ihren Facetten kennen. Als er sich nicht nur in das falsche Mädchen verliebt, sondern auch noch Faiẓān auf die Idee bringt, die Machenschaften der Gutsherren zu entlarven, beginnt ein dramatischer Rachefeldzug.

Im Roman wimmelt es von skurrilen Nebenfiguren und abenteuerlichen Begebenheiten. Die Verwendung von Begriffen der Computersprache und der virtuellen Welt führt zu amüsanten Verfremdungseffekten, und das Einfügen von transkribierten Telefonaten und Chats verleiht dem Charakter Zakīs zusätzliche Authentizität. Zugleich verdeutlichen diese Elemente, wie sehr Zakīs stellenweise so exotisch wirkende Welt Teil unserer modernen Kommunikationsgesellschaft ist. Hierbei ist zu betonen, dass der Roman für ein pakistanisches Publikum geschrieben wurde, also nicht im Hinblick auf eine Vermarktung im Westen, was englischsprachigen Werken aus Indien oder Pakistan oft vorgeworfen wird. Von einer beabsichtigten oder unbewussten Exotisierung des Dargestellten kann in diesem Roman also keine Rede sein.

Dem Ganzen unterliegt unübersehbar eine ironische Distanz. Der Autor selbst bezeichnet seine Methode als "komischen Realismus", eine Methode, die alle Spielarten des Komischen von Humor bis Satire umfasst. Baig hinterfragt etablierte Annahmen, karikiert modische Denkweisen und setzt die Mächtigen der Lächerlichkeit aus.

Wie schon im ersten Roman des Autors wird Sprache selbst zu einem wichtigen Thema, und die Probleme der zwischenmenschlichen Kommunikation stellen eine wichtige Komponente dar. Zaki ist ein selbstreflektierter Charakter, der sich im Laufe der Handlung seiner Selbsttäuschungen bewusst wird.

Beide Romane offenbaren das kritische Potential postmoderner Literatur, wenngleich Baig auch die postmoderne Theorie ironisiert – ihm ist schließlich nichts heilig. Es gibt kein Vertrauen in Metanarrative jeglicher Art. Die Fragwürdigkeit vieler Werte und Konzepte wird offen zur Schau gestellt. Die endgültige Lösung aller Probleme, die Faiẓān in der Entlarvung auch noch des letzten Verbrechers an der Allgemeinheit sieht, wird natürlich als völlig irrwitzig abgetan. Immerhin demaskiert der Roman die distinguierte Oberschicht in ihrem Streben nach Macht und Geld und in ihrer Menschenverachtung und führt das abstoßende Machogehabe der jungen Männer dieser Schicht vor. Doch auch Zakī ist nicht frei von Schuld, besonders in seinem Verhalten gegenüber der sozial niedriger stehenden Gāmo und in seinem Besitzanspruch auf Zulaikha, aber auch in seiner Arroganz gegenüber Faiẓān, den er geschickt manipuliert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass dem Autor mit ungebändigter Fabulierlust ein faszinierendes Gesellschaftsbild gelungen ist, in dem komplexe Charaktere, lebendige Milieuschilderungen, überraschende Effekte und Wendungen, viel Ironie und Sprachwitz sich zu einem großen Lesevergnügen vereinen. Ironie und Lachen können trotz ihrer subversiven Kraft die dramatischen Ereignisse des Romans nicht aufhalten. Sie helfen den Protagonisten jedoch, ihre inneren Kräfte zu mobilisieren, um allen Widrigkeiten die Stirn zu bieten – die emanzipatorische Kraft von Bildung und Wissen, die den etablierten Mächten Grenzen aufzuzeigen beginnt.

Mittlerweile hat der Autor zwei weitere Romane verfasst. 2014 erschien Hasan ki surat-i hal. Khali jaghen pur karo (Hasans Lage. Füll die Leerstellen aus). Sein vierter Roman Khafīf Makhfī kī khvāb bītī (Khafif Makhfis Traumwelten) erschien 2022 in Lahore.

Christina Oesterheld

Auf Deutsch erschienen

  • Von null bis eins. Abenteuer eines Gutsverwalters im Cyberspace. Aus dem Urdu von Christina Oesterheld. Heidelberg: Draupadi Verlag 2022

Auf Englisch erschienen: Hasan’s State of Affairs. Aus dem Urdu von Haider Shahbaz. HarperCollins India 2019.

Leseprobe

Literatur

  • Ijaz, Aqsa, “Reading between the Postcolonial and Transcultural in Mirza Athar Baig’s Ghulām Bāgh”, in Pakistan. Alternative Imag(in)ings of the Nation State, ed. by Jürgen Schaflechner, Christina Oesterheld and Ayesha Asif. OUP Karachi, 2020: 46–71
  • Oesterheld, Christina, “From a Slave Garden into Cyberspace: Mirza Athar Baig’s novels Ghulām Bāgh and Ṣifr se ek tak”, in Alireza Korangy (ed.), Urdu and Indo-Persian Thought, Poetics, and Bell-Lettres. Leiden, Boston: Brill, 2017: 229–249
  • Oesterheld, Christina, „Mirza Athar Baig, 2007. Ghulam Bagh / Mirza Athar Baig, 2009. Sifr se ek tak. Sa‘ibar spais ke munshi ki sargusasht“, Südasien-Chronik, Band 2: 456–465 (PDF)
  • Shahbaz, Haider, “Surrealist Pakistan. ‘Hasan Ki Surat-e-Haal’ marks an important formal departure from Pakistan’s Urdu literature”. Himal, 15.07.2015
  • Wessler, Heinz Werner: Von null bis eins. Abenteuer eines Gutsverwalters im Cyberspace. Südasien 2/2022: 80

Quellen

Weiterführende Links


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