Bama (Faustina Susairaj)
Zur Person
Faustina Susairaj, die unter dem Pseudonym „Bama“ veröffentlicht, wurde 1958 in Watrap Pudupatty geboren. Das Dorf liegt im Distrikt Virudhnagar, Tamil Nadu, etwa 75 Kilometer südwestlich von Madurai, nahe den Western Ghats. Rund 80 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Angebaut werden Reis, Baumwolle, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse.
Im Dorf leben verschiedene Kasten in jeweils eigenen Straßen bzw. Vierteln. Bama gehört einer Unterkaste der Dalits, den Parayars an. Ihr Großvater war zum Katholizismus konvertiert. Entsprechend besuchte sie die 1914 von französischen Missionaren gegründete, heute von der Erzdiözese Madurai betriebene Schule. Bamas Vater war Berufssoldat in der indischen Armee, ihre Mutter als Landarbeiterin tätig.
Durch das regelmäßige Einkommen des Vaters und ein Bewusstsein für den Wert von Bildung wurde ihr ein Schulbesuch ermöglicht. Aufgrund ihrer großen Begabung schaffte Bama den Sprung auf die Oberschule und von dort auf ein Institut der Lehrerbildung. Da sie aus einem armen Dalit-Haushalt kam, musste sie auf ihrem Bildungs- und Berufsweg zahlreiche Demütigungen und Erniedrigungen hinnehmen. Um den Armen zu helfen und für Gerechtigkeit zu kämpfen, entschied sie sich 1984 für den Eintritt in die Ordensgemeinschaft der „Presentation Sisters“. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits eine Existenzgrundlage als Lehrerin aufgebaut. In dem Orden, der seinen Schwerpunkt auf den Betrieb von höheren Schulen für die Wohlhabenderen gelegt hat, konnte sie ihre Ideale nicht verwirklichen. Als sie 1991 in der Stadt Jammu (Unionsterritorium Jammu und Kaschmir) als Lehrerin eingesetzt ist, verlässt sie den Orden, geht zurück nach Südindien. Sie steht vor einem Scherbenhaufen: Ein Leben als unverheiratete Frau und gescheiterte Ordensangehörige ist zumindest im ländlichen Indien äußerst ungewöhnlich. In dieser Lebenskrise fügt es sich günstig für sie, dass sie Hilfe erfährt: Ein aus ihrem Dorf stammender Jesuitenpater organisiert ihr für den Übergang einen Job und eine Unterkunft in einem Wohnheim für Frauen in Madurai (Tamil Nadu). Um ihre Krise besser bewältigen zu können, schlägt ihr dieser Geistliche (der selbst schriftstellerisch aktiv ist) das Aufschreiben ihrer Erfahrungen vor. Dass das Ergebnis dieses therapeutischen Schreibens Grundstein eines literarischen Schaffens werden würde, konnte damals niemand voraussehen. Veröffentlicht wurde ihre Lebensgeschichte im Jahr 1992 unter dem Titel Karukku. „Karukku“ bezeichnet das Blatt der Palmyra-Palme, einer in Tamil Nadu weit verbreiteten Baumart. Die Wahl dieses Wortes hat auch eine politische Botschaft: Die Zacken zu beiden Seiten des Karukku-Stengels gleichen einem zweischneidigen Schwert. Sie stehen für die Vielzahl von Verletzungen durch eine ungerechte Gesellschaft, repräsentieren aber auch das Sprengen von Ketten und Fesseln. Seit dieser ersten Veröffentlichung schreibt Faustina Susairaj unter dem Pseudonym „Bama“, was „jemand, der Glanz ausstrahlt“ bedeutet.
Karukku und das weitere Werk
Bama schildert in Karukku die Situation der Dalits in Watrap Pudupatty: Sie arbeiten auf den Feldern der Höherkastigen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wer in der Dorfgesellschaft das Sagen hat, ist eindeutig. Bama zeigt auch, wie sehr ihre eigene katholische Kirche vom Kastendenken durchdrungen ist. Dass sich die Kirche nie vom Kastensystem lösen konnte, ist allgemein bekannt. Mit Karukku schildert Bama, wie sich dies auf die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft konkret auswirkt. Es zeichnet sämtliche Bücher Bamas aus, dass die Realität der Kastengesellschaft angesprochen wird und nichts davon beschönigt oder tabuisiert wird. Die erste Veröffentlichung von Karukku erfolgte in einem Eigenverlag des Jesuitenordens in Madurai, gehörte damit zur Grauen Literatur. Der aus ihrem Dorf stammende Jesuitenpater sorgte dafür, dass die Publikation bei Veranstaltungen zum Verkauf angeboten wurde. Neben Mundpropaganda halfen positive Beurteilungen bekannter tamilischer Literaten wie Sujatha, Prapanchan und Komal Swaminathan bei der Weiterverbreitung eines Werkes, von dem später gesagt werden sollte, es markiere „die Geburt der Dalit-Literatur in tamilischer Sprache“.
Die Resonanz, die Karukku hervorgerufen hatte, führte dazu, dass Bama in ihrer Freizeit weiterhin schriftstellerisch tätig blieb. In schneller Abfolge erschienen weitere Werke wie Sangati (1994), Kisumbukkkaran (Kurzgeschichten; 1996) und Vanman (2002). Noch in den 1990er Jahren hatte sie zu ihrem Brotberuf als Lehrerin zurückgefunden. Nach einer Anfangsstation in dem Ort Oriyur war sie dauerhaft bis zu ihrer Pensionierung in einer Grundschule in Ongur tätig, einem Dorf nahe Uthiramerur, rund 80 Kilometer westlich von Chennai gelegen. In der Kleinstadt Uthiramerur lebte sie – für dortige Verhältnisse total ungewöhnlich – alleinstehend im eigenen Häuschen. Später im Jahr 2019 sollte sie die extreme Herausforderung dieser Lebensform in einem Beitrag zu dem Buch „Single by Choice: Happily Unmarried Women!“ (herausgegeben von der Journalistin Kalpana Sharma) ausführlich reflektieren. Seit 2015 ist Bama im Ruhestand, seit 2022 verbringt sie diesen in der Nähe ihres Dorfes Watrap Pudupatty.
Einen großen Schritt über den tamilischen Sprachraum hinaus bedeutete die Übersetzung von Karukku durch Lakshmi Holmstrom ins Englische, die im Jahr 2000 im Verlagshaus Macmillan India Limited in Chennai veröffentlicht wurde. Als maßgeblich dafür erwies sich Mini Krishnan, die von 1992 bis 2019 als Lektorin zunächst für Macmillan und danach für Oxford University Press India tätig war. Wie die Zusammenarbeit mit Bama entstand, wird von Mini Krishnan ausführlich in dem 2024 bei Routledge erschienenen Buch „Bama as a Writer and Activist“ geschildert. Die Übersetzung führte sehr schnell zur ersten bedeutenden nationalen Auszeichnung für Bama: Im Jahr 2001 erhielt Bama den Crossword Book Award. Ein weiterer Crossword-Preis ging an die Karukku-Übersetzerin Lakshmi Holmstrom. Mini Krishnan schreibt über die Wirkung dieser Auszeichnung (op.cit.): „Karukku hob ab, ließ einen Streif am Publikations-Firmament erglühen, beförderte Bama und das literarische Schreiben von Dalits in eine Sichtbarkeit, die selten in jüngster Zeit durch ein einzelnes Werk erreicht wurde.“ Seit der Auszeichnung mit dem Crossword-Preis werden Neuerscheinungen aus Bamas Feder von den englischsprachigen Zeitungen Indiens durch Rezensionen gewürdigt. Auch weitere Werke Bamas wurden nun aus dem Tamil ins Englische übersetzt: Sangati Events im Jahr 2005, harum-scarum saar & other stories (Übersetzung der ursprünglich unter dem Titel Kisumbukkaran veröffentlichten Kurzgeschichten) im Jahr 2006, Vanmam Vendetta im Jahr 2008.
Veröffentlichungen
Werke im tamilischen Original:
- Karukku, IDEAS [Institute of Development, Education, Action and Studies] Madurai 1992
- Sangati, IDEAS Madurai 1994
- Kisumbukkaran, Mugil Publishers Madurai 1996
- Vanmam, Vidiyal Pathippagam Coimbatore 2002
- Oru Thathavum Erumayum, Vidiyal Pathippagam Coimbatore 2003
- Kondattam, Aazhi Publishers Chennai 2008
- Manusi, Vidiyal Pathippagam Coimbatore 2011
- Thavitu Kuruvi, Vidiyal Pathippagam Kovai 2015
- Oru Thathavum Erumayum, New Century Book House Chennai 2019
- Virutchangalagum Vithaigal, New Century Book House Chennai 2022
Werke in englischer Übersetzung:
- Karukku, übersetzt von Lakshmi Holmström, Macmillan India Limited Chennai 2000
- Sangati Events, übersetzt von Lakshmi Holmström, Oxford University Press New Delhi 2005
- harum-scarum saar & other stories (Übersetzung von Kisumbukkaran), übersetzt von N. Ravi Shanker, Women Unlimited (an associate of Kali for Women) New Delhi 2006
- Vanmam Vendetta, übersetzt von Malini Seshadri, Oxford University Press New Delhi 2008
- Just One Word Short Stories, Oxford University Press New Delhi 2018
- The Ichi Tree Monkey and Other Stories. Speaking Tiger Books New Delhi 2021
Werk in französischer Übersetzung: Sangati (L’assemblée), übersetzt aus dem Tamil von Josiane Racine, éditions de l’aube, 2002. Dazu zahlreiche Übersetzungen in indische Sprachen (z.B. Kannada, Malayalam, Telugu, Gujarati).
Erzählung in deutscher Übersetzung:
- Identität, Kurzgeschichte aus Kondattam (2008), in: Eveline Masilamani-Meyer, Nina Rageth (Hg.): „Bananenblätter und Straßenstaub. Tamilische Kurzgeschichten aus Tamil Nadu und Sri Lanka“, Draupadi Verlag Heidelberg, 2016
Auszeichnungen (Auswahl)
- 1992: Kural Amaippu Award (Pondicherry) für Karukku
- 1998: Ehrendoktorat „für literarische Beiträge und Engagement bei Programmen zum Empowerment von Dalits“ der „Academy of Ecumenical Indian Theology and Church Administration“, Chennai
- 2001: Crossword Award for Indian Language Fiction für Karukku
- 2001: Dalit Murasu Kalai Illakkiya Award (Dalit Kunst- und Literaturpreis)
- 2011: Woman of Sangam Age Award, Central Institute of Classical Tamil, Chennai
- 2018: Golden Woman Award, verliehen von News7 Tamil (Fernsehsender in tamilischer Sprache)
- 2022: Aval Award, verliehen von Aval Niketan (Frauenzeitschrift in tamilischer Sprache)
Sekundärliteratur
- Bama Writer as Activist. “Writer in Context” Series. Edited by Raj Kumar, S. Armstrong. Veröffentlicht am 31. Juli 2024 von Routledge India. Veröffentlicht 2025 von Routledge Abingdon-on-Thames, England und Routledge New York, USA
Leseprobe
Eines Tages durchquerte ich die Straße der Pallas und kam, die Tasche über meine Schulter geschlungen, in unsere Straße, die Gasse der Parayas. Am entgegengesetzten Ende war ein Dreschplatz errichtet worden. Der Naicker beaufsichtigte das Ganze, wobei er auf einem Stück Sack saß, das auf einem steinernen Vorsprung ausgebreitet war. Unsere Leute arbeiteten hart, trieben die paarweise zusammengespannten Rinder im Kreis herum, damit diese die Körner aus den Ähren heraustraten. Die Tiere trugen einen Maulkorb, damit sie nichts von dem Getreide fressen konnten. Ich stand eine Zeitlang dabei und beobachtete den Spaß. Genau währenddessen kam vom Markt her ein älterer Mann aus unserer Straße auf uns zu. Als ich sah, auf welche Weise er sich fortbewegte, hätte ich mich krümmen können vor Lachen. Ich hätte schreien können vor Gelächter beim Anblick eines derart großgewachsenen Menschen, der auf eine solch ungewöhnliche Weise ein Päckchen trug. Weil das Packpapier mit Öl befleckt war, vermutete ich, dass darin vielleicht vadai oder Grüne Bananen-bhaiji eingewickelt waren. Er kam schließlich zum Dreschplatz. Das Päckchen hielt er mit Hilfe einer Schnur – ohne es zu berühren. Ich stand dabei und fragte mich: Wenn er das Päckchen auf diese Weise hält, wird es dann nicht auseinanderfallen, so dass die vadais auf den Boden kollern? Der ältere Mann ging geradewegs auf den Naicker zu, bückte sich tief und streckte ihm das Päckchen entgegen, wobei er die Hand, welche die Schnur hielt, mit der anderen Hand unterstützte. Der Naicker öffnete das Päckchen und begann, die vadais zu essen. Nachdem ich dies alles beobachtet hatte, machte ich mich schließlich auf den Nachhauseweg. Mein älterer Bruder war gerade da. Ich erzählte ihm die Geschichte mitsamt ihren komischen Details. Ich konnte mich vor Lachen kaum mehr halten, als ich mir den großgewachsenen Mann, noch dazu einen Ältesten, vergegenwärtigte, der aus dem bloßen Tragen eines Päckchens ein derartiges Schauspiel gemacht hatte. Annan jedoch fand das gar nicht lustig. Er gab mir zu verstehen, dass der Mann in Wirklichkeit überhaupt nicht witzig wirken wollte, wenn er das Päckchen auf diese bestimmte Art trug. Er sagte, dass man die Naickers zu den höheren Kasten zähle und dass sie daher mit den Parayas nicht in Berührung kommen dürften. Würde dies trotzdem vorkommen, wären sie verunreinigt. Dies sei der Grund, wieso der Mann das Päckchen an einer Schnur hätte tragen müssen. Als ich dies hörte, wollte ich gar nicht mehr weiterlachen und fühlte mich sehr traurig. Wie konnte man glauben, dass es verabscheuenswürdig wäre, wenn ein Paraya dieses Päckchen in den Händen hielt, obwohl die vadai zunächst in einem Bananenblatt und zusätzlich auch noch in Papier eingewickelt worden waren? Ich fühlte mich so sehr provoziert und zornig, dass ich nochmals zu dem Platz gehen und auf der Stelle diese verdammten vadais selbst berühren wollte. Wieso sollten wir für diese Leute Botendienste übernehmen müssen, fragte ich mich. Wie war es möglich: Ein derart angesehener Ältester aus unserer Gemeinschaft geht demütig in einen Laden, um etwas zu essen zu kaufen und übergibt dieses Essen mit Ehrerbietung, wobei er sich verbeugt und klein macht – an einen Kerl, der nichts anderes tut, als dazusitzen und sich die Nahrung in den Mund zu stopfen? Allein schon der Gedanke daran machte mich wütend. Wie kam es, dass diese Typen so sehr von sich eingenommen waren? Bloß, weil sie gerade einmal vier Münzen zusammengekratzt hatten, sollten sie jegliches menschliches Gefühl verlieren? Was bedeutete es, dass sie uns „Paraya“ nannten? War dieser Name derart anstößig geworden? Wir sind doch auch Menschen. Unsere Leute sollten nie irgendwelche Besorgungen für diese Personen übernehmen. Wir sollten in ihren Feldern arbeiten, unseren Lohn dafür in Empfang nehmen und es dabei belassen.
Die Geschichte ist ein Auszug aus Karukku, übersetzt von Lakshmi Holmström ins Englische, Macmillan India Limited Chennai 2000, Seite 12f. Übersetzung aus dem Englischen: Hans Escher. Erstveröffentlichung in: MEINE WELT – Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialogs, Dezember 2002
Glossar:
- Pallas: zu den Dalits zählende Gemeinschaft, in der Regel als Landarbeiter tätig
- Paraya: ebenfalls eine Dalit-Kaste und als Landarbeiter tätig
- Naicker: die Kaste der Landbesitzer; dominierende Kaste im Dorf der Autorin
- vadai: pikante Linsen in der Form von Knödeln
- grüne Bananen-bhaiji: pikant gewürzte, frittierte grüne Bananen-Stückchen
Hans Escher
Weiterführende Links
- Bama bei Wikipedia (auf Englisch)
- Mini Krishnan über die Zusammenarbeit mit Bama (Scroll.in, auf Englisch)
